Mer­kel als Bitt­stel­le­rin in der Tür­kei

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON BIR­GIT MARSCHALL UND THO­MAS SEIBERT

Die Kanz­le­rin hat den um­strit­te­nen Re­gie­rungs­chef Er­do­gan ge­trof­fen, um zu er­rei­chen, dass er Flücht­lin­ge nicht nach Eu­ro­pa rei­sen lässt.

ISTAN­BUL/BERLIN Ei­ne neue To­des­nach­richt hat ges­tern beim Be­such von An­ge­la Mer­kel in Istan­bul die grau­si­ge Rea­li­tät des Flücht­lings­dra­mas in der Ägä­is un­ter­stri­chen. Wäh­rend die Bun­des­kanz­le­rin am Ufer des Bo­spo­rus mit dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan und Mi­nis­ter­prä­si­dent Ah­met Da­vu­tog­lu über We­ge sprach, den Flücht­lings­strom von Sy­ri­en nach Eu­ro­pa ein­zu­däm­men, mel­de­te die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che, fünf Flücht­lin­ge – dar­un­ter drei Kin­der – sei­en auf dem Weg aus der Tür­kei auf EU-Ge­biet ums Le­ben ge­kom­men.

Laut Pres­se­be­rich­ten flog die Kanz­le­rin nach Istan­bul statt nach An­ka­ra, weil sie ei­nen Be­such in Er­do­gans um­strit­te­nem Prä­si­den­ten­pa­last ver­mei­den woll­te. Ganz oh­ne Prunk ging es aber auch in Istan­bul nicht. Er­do­gan emp­fing die Kanz­le­rin in sei­nem präch­ti­gen Amts­sitz am Bo­spo­rus. Ih­ren ge­mein­sa­men Auf­tritt vor den Ka­me­ras ab­sol­vier­ten die bei­den Po­li­ti­ker auf gol­de­nen Ses­seln sit­zend.

Bei­de Po­li­ti­ker un­ter­stri­chen den Ernst der La­ge und die Not­wen­dig­keit, grenz­über­grei­fen­de Ant­wor­ten aus­zu­ar­bei­ten und um­zu­set­zen. De­tails gab es aber nur we­ni­ge. Denn, die wirk­li­chen Ver­hand­lun­gen über Zu­ge­ständ­nis­se der EU im Ge­gen­zug für Schrit­te der Tür­kei zur Ein­däm­mung des Flücht­lings­stroms be­gin­nen ge­ra­de erst. Da­bei ist Geld ein wich­ti­ges The­ma: Drei Mil­li­ar­den Eu­ro Fi­nanz­hil­fe rei­che längst nicht aus, sagt die tür­ki­sche Re­gie­rung. Sie for­dert zu­dem Fort­schrit­te im EUBei­tritts­pro­zess. An­ka­ra er­war­te kon­kre­te Fort­schrit­te in der Bei­tritts­fra­ge, bei der sich Mer­kel und an­de­re EUSpit­zen­po­li­ti­ker bis­her sehr zu­ge­knöpft zei­gen, sag­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Da­vu­tog­lu nach sei­nem Tref­fen mit Mer­kel. Er be­kräf­tig­te zu­dem die tür­ki­sche For­de­rung nach Ein­rich- tung ei­ner Puf­fer­zo­ne in Sy­ri­en. An­ka­ra ar­gu­men­tiert, in ei­ner sol­chen Zo­ne könn­ten meh­re­re hun­dert­tau­send sy­ri­sche Flücht­lin­ge un­ter­ge­bracht wer­den. Mer­kel und an­de­re west­li­che Spit­zen­po­li­ti­ker sind je­doch skep­tisch.

In jüngs­ter Zeit hat­te die EU si­gna­li­siert, dass sie die Be­zie­hun­gen zur Tür­kei trotz Be­schwer­den über au­to­ri­tä­re Ten­den­zen Er­do­gans und de­mo­kra­ti­sche Rück­schrit­te in­ten­si­vie­ren will. Laut Pres­se­be­rich­ten ver­schob die EU aus Rück­sicht auf Er­do­gan den jähr­li­chen Fort­schritts­be­richt zur Tür­kei, der of­fen­bar sehr un­güns­tig für die tür­ki­sche Re­gie­rung aus­fällt.

Mer­kel ver­si­cher­te der Tür­kei ges­tern, dass sie sich für Fort­schrit­te bei Vi­sa-Er­leich­te­run­gen für Tür­ken bei Rei­sen nach Eu­ro­pa ein­set­zen wer­de. Sie sprach von ei­nem „be­schleu­nig­ten Vi­sa­pro­zess“. Die Tür­kei hat grund­sätz­lich zu­ge­sagt, im Ge­gen­zug für Rei­se­er­leich­te­run­gen mit dem Ziel der völ­li­gen Vi­sa­frei­heit ein so­ge­nann­tes Rück­über­nah­me­ab­kom­men mit der EU um­zu­set­zen. Die­ses Ab­kom­men wür­de die Tür­kei ver­pflich­ten, al­le über ihr Ter­ri­to­ri­um nach Eu­ro­pa ge­lang­ten Flücht­lin­ge wie­der auf­zu­neh­men. Al­ler­dings be­ste­hen in der Tür­kei der­zeit kei­ne Struk­tu­ren zur Auf­nah­me von zu­sätz­lich meh­re­ren hun­dert­tau­sen­den Sy­rern, die aus Eu­ro­pa zu­rück­ge­schickt wer­den könn­ten.

Wäh­rend­des­sen wird in Deutsch­land die De­bat­te über die Be­gren­zung des Flücht­lings­zu­zugs zu­neh­mend emo­tio­nal ge­führt. In Hamburg for­der­te die Jun­ge Uni­on (JU) ei­ne Ober­gren­ze, die Mer­kel und Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (bei­de CDU) strikt ab­lehn­ten. Zu­dem schlug der JU-Vor­sit­zen­de Pe­ter Zie­mi­ak vor, ei­nen Run­den Tisch zu bil­den und dort mit den kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den, den Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, der Po­li­zei und Eh­ren­amt­li­chen zu spre­chen. Zie­mi­ak be­ton­te, aus sei­ner Sicht kön­ne Deutsch­land 250.000 Flücht­lin­ge pro Jahr gut be­wäl­ti­gen.

Ei­ne vom CDU-In­nen­po­li­ti­ker Hans-Pe­ter Uhl an­ge­führ­te Grup­pe be­rei­tet für die nächs­te Uni­ons­frak­ti­ons­sit­zung ein Be­schluss­pa­pier vor. Dar­in will die Grup­pe for­dern, dass die Bun­des­po­li­zei – un­ab­hän­gig da- von, ob an der Gren­ze Tran­sit­zo­nen ein­ge­rich­tet wer­den – Asyl­be­wer­ber be­reits di­rekt an der Gren­ze zu­rück­weist, die kei­ne Pa­pie­re vor­wei­sen oder kei­ne Blei­be­per­spek­ti­ve ha­ben.

Zu­gleich wächst in der Uni­on ei­ne Grup­pe von Un­ter­stüt­zern Mer­kels, der un­ter an­de­ren der frü­he­re CDUGe­ne­ral­se­kre­tär Ruprecht Po­lenz und Ex-Bun­des­mi­nis­te­rin Ri­ta Süss­muth an­ge­hö­ren. Auch Karl-Jo­sef Lau­mann, Chef der Christ­lich-De­mo­kra­ti­schen Ar­beit­neh­mer­schaft (CDA), sag­te: „Un­ser Asyl­recht kennt kei­ne Ober­gren­ze. Die lie­ße sich auch schwer de­fi­nie­ren.“Deutsch­land müs­se dar­auf drin­gen, dass an­de­re EU-Län­der ih­re Ver­ant­wor­tung über­näh­men. Au­ßer­dem müss­ten die Flucht­ur­sa­chen be­kämpft wer­den. Des­halb sei auch der Tür­kei-Be­such der Kanz­le­rin ge­recht­fer­tigt. Ähn­lich sieht das Tho­mas Strobl, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der CDU/CSUBun­des­tags­frak­ti­on: „In der Tür­kei liegt ein we­sent­li­cher Schlüs­sel, um den Flücht­lings­strom zu ver­lang­sa­men, und sie ist ein wich­ti­ger Na­toPart­ner. Des­halb ist es – bei al­len Dif­fe­ren­zen die es auch gibt – ab­so­lut rich­tig, dass die Kanz­le­rin die­se Ge­sprä­che führt.“

Grü­nen-Chef Cem Öz­de­mir hin­ge­gen hielt Mer­kel Wahl­kampf­hil­fe für Er­do­gan vor. „Ich will kei­ne deut­sche Bun­des­kanz­le­rin, die Wahl­kampf macht für ei­nen au­to­ri­tä­ren Herr­scher“, sag­te Öz­de­mir auf ei­nem Par­tei­tag der baye­ri­schen Grü­nen in Bad Winds­heim.

FOTO: BPA

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan un­ter­hal­ten sich zu Be­ginn ih­res Tref­fens im Yil­diz-Pa­last in Istan­bul.

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