Mensch, Bo­no!

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Die Su­per­stars U2 tra­ten zwei Mal in der Lan­xess Are­na auf – und wid­me­ten Kölns ver­letz­ter OB-Kan­di­da­tin Hen­ri­et­te Re­ker ei­nen Song.

KÖLN Und dann un­ter­bricht Bo­no das Lied vor dem letz­ten Re­frain. Er for­dert al­le auf mit­zu­sin­gen, er möch­te, dass man ge­mein­sam für den Frie­den singt. Man mö­ge für die Frie­dens­stif­ter in der Welt sin­gen, bit­tet er, und für Sy­ri­en und Is­ra­el. Und dann sagt er noch, dass man auch für Hen­ri­et­te Re­ker sin­gen sol­le, die am Mor­gen bei ei­nem At­ten­tat schwer ver­letz­te Köl­ner OB-Kan­di­da­tin. Er singt nun wei­ter, die

Die Ener­gie von U2 spürt man bei

Kon­zer­ten gleich vom ers­ten

Mo­ment an.

Men­schen ju­beln, sie fas­sen es nicht. Bo­no biegt sich un­ter dem Ge­wicht des Lie­des und des Lärms, er blickt zur De­cke der aus­ver­kauf­ten Lan­xess Are­na, er schreit die be­rühm­ten Ver­se, und es scheint, als wer­de sein Hin­ter­kopf gleich den Po be­rüh­ren. Das Lied heißt „Pri­de (In The Na­me of Lo­ve)“, es stammt aus dem Jahr 1984, es ist un­fass­bar groß, und fast je­der der 18.500 Fans singt mit und macht es noch viel grö­ßer.

Die iri­sche Band U2 tritt zwei Mal in Köln auf, und der ers­te Abend ist fa­bel­haft. Das Pro­gramm ist wie ei­ne Rock­oper ge­stal­tet, sie könn­te „Being Paul Da­vid Hew­son“hei­ßen, das ist der bür­ger­li­che Na­me des 55 Jah­re al­ten Bo­no. Es geht hier um ihn, um sei­nen Bil­dungs­ro­man, sein Er­wach­sen­wer­den, und al­so geht es auch um al­le an­de­ren im Raum, die denn die meis­ten hier wuch­sen ja mit Bo­no auf. Vor Kon­zert­be­ginn ließ U2 denn auch Kra­cher aus den spä­ten 70ern und frü­hen 80ern spie­len. Lie­der, die die Künst­ler als jun­ge Män­ner moch­ten, Lie­der von Ig­gy Pop, den Un­der­to­nes und Sioux­sie And The Bans­hees. Bo­no kommt schließ­lich zu Pat­ti Smiths Hym­ne „Peop­le Ha­ve The Po­wer“auf die Büh­ne, er reckt die Faust, und er er­zählt, wie er zum Künst­ler wur­de - in je­nem Mo­ment näm­lich, als er 14 war und sei­ne Mut­ter Iris starb. Von der De­cke bau­melt ei­ne nack­te Glüh­bir­ne, es ist die aus sei­nem Ju­gend­zim­mer, und von der Haupt­büh­ne führt ein schma­ler Steg an den Tri­bü­nen vor­bei zu ei­ner klei­ne­ren Büh­ne am an­de­ren En­de der Hal­le. Über dem Steg hängt ei­ne Lein­wand, und dar­auf sind im ers­ten Teil der Show Bil­der von frü­her zu se­hen: Bo­nos El­tern­haus in der Vor­stadt von Du­blin, sei­ne Stra­ße, sein Zim­mer mit Kraft­werk- und Clash-Pos­ter.

Das ist das Tol­le an Kon­zer­ten die­ser Band, die das Wun­der voll­bracht hat, mehr als 30 Jah­re in ih­rer Ur­be­set­zung zu­sam­men zu blei­ben: Man merkt vom ers­ten Mo­ment an ih­re Ener­gie. Sie wi­ckeln ei­nen um den Fin­ger, sie brau­chen nur drei In­stru­men­te da­für und die­sen cha­ris­ma­ti­schen Sän­ger, der mit sei­nem blond auf­tou­pier­ten Haar so mit­rei­ßend her­um­go­ckelt, über den man­cher we­gen sei­nes Hangs zur Welt­ver­bes­se­rung spot­tet, und der letzt­lich doch Vor­bild ist für al­le Kol­le­gen in der Cham­pi­ons Le­ague des Rock.

Das drit­te Lied ist „Vertigo“, und wer bis jetzt nicht wuss­te, ob man an den Fuß­soh­len Gän­se­haut be­kom­men kann, hat nun Ge­wiss­heit. Sie spie­len das frü­he „I Will Fol­low“, und dann stel­len sie sich in Rei­he auf dem Steg un­ter der Lein­wand auf. Da merkt man, wie wich­tig je- der Ein­zel­ne ist: Bas­sist Adam Clay­ton, der sich ein Kraft­werk-T-Shirt an­ge­zo­gen hat. Der vir­tuo­se und hoch­be­gab­te Gi­tar­rist The Edge. Und Schlag­zeu­ger Lar­ry Mul­len Jr., der auf ei­ner Blech­trom­mel die ers­ten Tak­te von „Sun­day Bloo­dy Sun­day“schlägt. Die vier Män­ner mar­schie­ren nun auf der Stel­le, sie brin­gen ei­ne ent­kern­te und er­grei­fen­de Ver­si­on des Hits, und über ih­nen sieht man Bil­der vom Blut­sonn­tag im nord­iri­schen Der­ry am 30. Ja­nu­ar 1972.

Es gibt ei­ne kur­ze Pau­se, in der „The Fly“vom Band kommt, und dann ste­hen sie wie­der da und spie­len sich durch die Jahr­zehn­te: „Sweetest Thing“, „Mys­te­rious Ways“, „Ele­va­ti­on“. Sie brin­gen „With Or Wi­thout You“und „Whe­re The Streets Ha­ve No Na­me“. Sie ha­ben ei­nen in die Ta­sche ge­steckt, auch auf den Sitz­plät­zen ste­hen al­le. Und wenn es stimmt, dass sie sich die­ses Pro­gramm, die­ses „Zu­rück zu den An­fän­gen“aus­ge­dacht ha­ben, um die Sa­che mit dem an App­le ver­kauf­ten Al­bum wie­der ge­ra­de zu bie­gen, dann soll das jetzt bit­te ver­ge­ben und ver­ges­sen sein: 2014 hat­te U2 die Plat­te „Songs Of In­no­cence“für 100 Mil­lio­nen Dol­lar an App­le ver­kauft und ließ sie auf die Rech­ner al­ler Kun­den des Kon­zerns schi­cken. Das ver­meint­li­che Ge- schenk wer­te­ten vie­le in­des als Tro­ja­ni­sches Pferd, das statt Sol­da­ten Songs ent­hielt. Es gab hef­ti­ge Kri­tik, und Bo­no fühl­te sich als­bald zu ei­ner Ent­schul­di­gung ge­drängt: Asche auf mein Haupt.

Ei­ner der Hö­he­punk­te des zwei­ein­halb­stün­di­gen Abends ist dann „Bul­let The Blue Sky“vom Meis­ter­werk „The Jos­hua Tree“(1987). Das ist ein ex­trem schrof­fes Lied, man sieht pas­send da­zu Pro­jek­tio­nen von zer­bomb­ten Städ­ten auf der Lein­wand, Flücht­lings­elend, Po­li­zei­ge­walt. The Edge steckt zu­sätz­lich Scher­ben und Dor­nen in den Song, Bo­no singt durch ein Me­ga­phon, er rappt ge­ra­de­zu, und das ist al­les so wü­tend, gif­tig und bru­tal, dass man sich tat­säch­lich an Ra­ge Against The Ma­chi­ne er­in­nert fühlt. Wahn­sinn.

Vor den Zu­ga­ben spricht der Phy­si­ker Ste­phen Haw­king den to­tal pa­the­ti­schen, aber auch to­tal wah­ren Satz „Wir sind al­le Zeit­rei­sen­de, die zu­sam­men in die Zu­kunft auf­bre­chen.“To­ge­ther­ness al­so, Zu­sam­men­halt, und man nickt noch und seufzt, als „One“er­klingt, die­ses er­ha­be­ne Stück Pop. „We’re one, but we’re not the sa­me“, heißt es dar­in, und: „We get to car­ry each other“.

Beim Raus­ge­hen schaut man sich um, blickt in glück­li­che Ge­sich­ter und denkt: Mensch, Bo­no!

FOTO: PE­TER WAF­ZIG

U2-Sän­ger Bo­no beim ers­ten der bei­den aus­ver­kauf­ten Kon­zer­te in der Köl­ner Lan­xess Are­na.

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