Frie­den schaf­fen – wo­mög­lich auch mit Waf­fen

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

Die Preis­ver­lei­hung an Na­vid Ker­ma­ni ge­hört zu den er­grei­fends­ten Fei­er­stun­den in der Pauls­kir­che.

FRANK­FURT Am En­de gibt es auf Wunsch des Preis­trä­gers kei­nen Ap­plaus. Statt des­sen be­ten wir in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che. Und wer nicht be­ten kann, weil ihm der Glau­be fehlt, schickt gu­te Wün­sche in die Welt: für Pa­ter Jac­ques Mou­rad, den Mus­li­me jetzt aus den Hän­den der IS-Ter­ro­ris­ten be­frei­ten und der in sei­ne Glau­bens­ge­mein­schaft im sy­ri­schen Mar Mu­sa zu­rück­keh­ren konn­te. Und für Pa­ter Pao­lo, der eben­falls ent­führt wur­de und von dem bis heu­te je­de Spur fehlt.

Vi­el­leicht scheint es auch dar­um ver­kehrt zu sein, die gest­ri­ge Frie­dens­preis­ver­lei­hung an Na­vid Ker­ma­ni – Sohn ira­ni­scher Ein­wan­de­rer – nur zu den be­we­gends­ten Fei­er­stun­den an die­sem Ort zu be­zeich­nen. Weil der Fest­akt ein er­grei­fen­des Er­eig­nis ge­we­sen ist und – so muss man hof­fen dür­fen – als ei­ne Er­schüt­te­rung fort­wir­ken wird. So wie bei uns Zu­hö­rern, die im bes­ten Sin­ne fas­sungs­los den Wor­ten des in Köln le­ben­den Schrift­stel­lers, Jour­na­lis­ten und Is­lam­for­schers zu­hör­ten. Der die frag­los gro­ße So­li­da­ri­tät mit den Flücht­lin­gen hier­zu­lan­de zu un­po­li­tisch nann­te und der kri­ti­sier­te, dass ei­ne brei­te ge­sell­schaft­li­che De­bat­te über die Ur­sa- chen von Ter­ror und Flucht noch feh­le. Nach sei­nen Wor­ten fra­gen wir zu sel­ten da­nach, ob un­se­re ei­ge­ne Po­li­tik die Mensch­heits­ka­ta­stro­phen un­se­rer Ta­ge vi­el­leicht so­gar be­för­dert und war­um un­ser engs­ter Part­ner im Na­hen Os­ten „aus­ge­rech­net Sau­di-Ara­bi­en“ist. „Nichts ist uns ein­ge­fal­len, um den Mord zu ver­hin­dern, den das sy­ri­sche Re­gime seit vier Jah­ren am ei­ge­nen Volk ver­übt.“

Ein ent­schie­de­nes Ein­grei­fen in den ak­tu­el­len Kri­sen­re­gio­nen for- dert Ker­ma­ni. Das ha­ben vor ihm zwar auch an­de­re ge­tan. Er aber schließt da­bei selbst ei­ne „wo­mög­lich mi­li­tä­ri­sche“Lö­sung nicht aus. Ein Frie­dens­preis­trä­ger, der zum Krieg auf­ruft? Der 47-Jäh­ri­ge stellt sie in die atem­lo­se Stil­le der Pauls­kir­che hin­ein lie­ber gleich selbst die un­er­hör­te Fra­ge. Nein, lau­tet sei­ne Ant­wort, kein Kriegs­ge­re­de von ihm. Doch wer­de auch ein sol­ches Sze­na­rio nicht auf der Ver­bots­lis­te po­li­ti­schen Han­delns ste­hen dür­fen. „Wahr­schein­lich wer­den wir Feh­ler ma­chen, was im­mer wir jetzt noch tun“, sagt er. „Aber den größ­ten Feh­ler be­ge­hen wir, wenn wir wei­ter­hin nichts oder so we­nig ge­gen den Mas­sen­mord vor un­se­rer eu­ro­päi­schen Haus­tür tun, den des ,Is­la­mi­schen Staa­tes’ und den des As­sad Re­gimes.“

Das hört sich zu viel nach ei­nem wa­ge­mu­ti­gen Po­li­ti­ker an und zu we­nig nach ei­nem wei­sen In­tel­lek­tu­el­len. Doch Ker­ma­ni hat für pu­re Pro­pa­gan­da zu viel schon ge­se­hen, ge­forscht, ge­dacht und ge­schrie­ben. So geht sei­ner Kla­ge über Krieg und Un­ter­drü­ckung ei­ne Kla­ge über den Nie­der­gang vor­aus – den der is­la­mi­schen Tra­di­ti­on und ei­nes re­li­giö­sen Den­kens, das einst viel to­le­ran­ter und poe­ti­scher, auf­ge­klär­ter und mo­der­ner war. „Es gibt kei­ne is­la­mi- sche Kul­tur mehr, je­den­falls kei­ne von Rang. Was uns jetzt um die Oh­ren und auf die Köp­fe fliegt, sind die Trüm­mer ei­ner ge­wal­ti­gen geis­ti­gen Im­plo­si­on.“Der Koran, des­sen Sprach­schön­heit einst zum Be­glau­bi­gungs­wun­der des Is­lam er­klär­te wur­de, die­ne bes­ten­falls noch als Fund­gru­be, die mit Such­ma­schi­nen nach ein­schlä­gi­gen Schlag­wor­ten er­kun­det wer­de.

Für Ker­ma­ni aber führt der Is­lam we­ni­ger ei­nen Krieg ge­gen den so­ge­nann­ten Wes­ten, son­dern eher ge­gen sich selbst. Die is­la­mi­sche Welt ist nach Ein­schät­zung des Frie­dens­preis­trä­ger von ei­ner in­ne­ren Aus­ein­an­der­set­zung er­schüt­tert, de­ren Aus­wir­kun­gen „an die Ver­wer­fun­gen des Ers­ten Welt­krieg her­an­rei­chen dürf­ten“. Wer als Mos­lem heu­te nicht mit dem Is­lam ha­dert und ihn kri­tisch be­fragt, „der liebt den Is­lam nicht“, sagt Ker­ma­ni, wohl auch, um sei­ne ei­ge­ne Po­si­ti­on ver­ständ­lich zu ma­chen.

Die Stil­le in der Pauls­kir­che brach­te das Leid der ver­folg­ten und un­ter­drück­ten Men­schen zum Dröh­nen. Und wäh­rend sich die Er­grif­fen­heit nach ei­ni­ger Zeit doch mit zag­haf­tem Ap­plaus ein we­nig Be­frei­ung zu ho­len ver­such­te, wur­de der sicht­lich er­schüt­ter­te Ker­ma­ni früh­zei­tig aus den Saal ge­führt.

FOTO: DPA

Au­tor Na­vid Ker­ma­ni ges­tern in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.