KURZKRITIKEN

Rheinische Post Goch - - KULTUR MONET AUS JAPAN -

Das letz­te Zeug­nis ei­ner Künst­le­rin Kla­ri­net­ten­quin­tet­te von Brahms und Re­ger Sil­via Bo­ven­schen schreibt über Lie­be

Hör­buch Das ist die Ver­to­nung ei­nes in Frank­reich ex­trem er­folg­rei­chen Ro­mans über ei­ne Künst­le­rin, die ih­rer­seits sehr er­folg­reich hät­te wer­den kön­nen. Die Re­de ist von der Jü­din Char­lot­te Sa­lo­mon, die 1942 ei­nem Freund ei­nen Kof­fer über­gibt – vol­ler Zeich­nun­gen und Ge­mäl­de. Es hät­te der Be­ginn ei­ner gro­ßen Künst­le­rin­nen­kar­rie­re sein kön­nen. Doch es kommt an­ders. Im Ok­to­ber 1943 wird sie – hoch­schwan­ger – in Süd­frank­reich von den Na­zis er­grif­fen, nach Au­schwitz de­por­tiert und dort er­mor­det. Der fran­zö­si­sche Best­sel­ler­Au­tor Da­vid Fo­en­ki­nos hat die­ses kur­ze, gro­ße und zu­gleich schreck­li­che Le­ben zum Stoff sei­nes Ro­mans ge­macht. Den liest Thea­ter-Schau­spie­ler und TVS­tar De­vid Strie­sow mit al­ler ge­bo­te­nen Zu­rück­hal­tung.

Lothar Schrö­der Klas­sik-CD Kaum ein Kom­po­nist wird der­ma­ßen als Ver­tre­ter ei­ner klin­gen­den Jah­res­zeit an­ge­se­hen wie der gro­ße Jo­han­nes Brahms. Sei­ne Mu­sik sei herbst­lich, kann man oft in Kri­ti­kern oder Kon­zert­füh­rern le­sen; sie bet­te die Ro­man­tik wie auf wei­chen Dau­nen, aus ihr glü­he das Abend­rot. Man darf das nicht als End­zeit­stim­mung miss­ver­ste­hen: Brahms als Mensch war un­ge­mein le­bens­be­ja­hend, aber die­se weh­mü­tig schlen­dern­den Ter­zen und Sex­ten, die sei­ne kom­po­si­to­ri­schen Li­ni­en durch­zie­hen, klin­gen sel­ten nach Cô­te d’Azur, nie nach Mi­ra­bell-Gar­ten, son­dern nach ra­scheln­dem, viel­far­big leuch­ten­dem Laub un­tern den Fü­ßen, et­wa in der Lü­ne­bur­ger Hei­de.

Dies al­les gilt be­son­ders für das Kla­ri­net­ten­quin­tett op. 115. Ei­gent­lich hat­te Brahms im Jahr 1891, als 58-Jäh­ri­ger, sei­ne kom­po­si­to­ri­sche Tä­tig­keit nach sei­nem 2. Streich­quar­tett op. 111 (der Opus­zahl von Beet­ho­vens letz­ter Kla­vier­so­na­te) ein­stel­len wol­len. Dann aber hör­te er den fa­mo­sen Kla­ri­net­tis­ten Richard Mühl­feld, dem zu sei­ner Zeit be­deu­tends­ten eu­ro­päi­schen Kla­ri­net­tis­ten, stor­nier­te al­le Ge­dan­ken an ei­nen künst­le­ri­schen Ru­he­stand und wur­de noch ein­mal rich­tig mun­ter. Für Mühl­feld schrieb er nach­ein­an­der das Kla­ri­net­ten­t­rio Buch Sie ge­hört zu den we­ni­gen Au­to­ren, die über in­ti­me Din­ge schrei­ben kön­nen, oh­ne dem Le­ser zu na­he­zu­rü­cken oder ihn gar pein­lich zu be­rüh­ren. Als fein­sin­ni­ge So­zio­lo­gin und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin hat Sil­via Bo­ven­schen sich un­ter an­de­rem Ge­dan­ken über die vie­len Spiel­ar­ten der Emp­find­lich­keit ge­macht, hat Ro­ma­ne ge­schrie­ben und in ei­nem kla­ren, sou­ve­rä­nen Buch ihr ei­ge­nes Äl­ter­wer­den in den Blick ge­nom­men, das sie in här­te­ren Schü­ben er­fährt als vie­le an­de­re, da sie an Mul­ti­pler Sk­le­ro­se er­krankt ist. Nun öff­net sie sich ih­ren Le­sern um ei­nen wei­te­ren Schritt und er­zählt in „Sa­rahs Ge­setz“von ih­rer Be­zie­hung zu der Ma­le­rin Sa­rah Schu­mann. Die bei­den tei­len ihr Le­ben seit Jahr­zehn­ten, da­bei ha­ben sich ge­wis­se Un­um­stöß­lich­kei­ten her­aus­ge­bil­det, die Bo­ven­schen in ih­rer hei­ter-klu­gen Art be­trach­tet. Ein Ge­heim­nis ih­res Zu­sam­men­seins ist, dass sie ein­an­der stets Ge­heim­nis ge­blie­ben sind – bei al­ler Ver­traut­heit. Dorothee Krings Sil­via Bo­ven­schen: op. 114, die zwei Kla­ri­net­ten­so­na­ten op. 120 und das be­rühm­te Kla­ri­net­ten­quin­tett h-moll op. 115. Bei­de gin­gen mit­ein­an­der auch häu­fig auf Tour­nee. Ei­ne Mu­si­k­er­freund­schaft im Herbst.

Jetzt kommt ei­ne wun­der­vol­le Neu­auf­nah­me die­ses Wer­kes zu uns, die sich durch ei­nen zu­tiefst de­mo­kra­ti­schen Geist aus­zeich­net. Die groß­ar­ti­ge Kla­ri­net­tis­tin Sha­ron Kam hat sich vier Freun­de aus­ge­sucht, die für die­se Auf­nah­me ein Streich­quar­tett er­ge­ben (aber sonst nur sel­ten mit­ein­an­der im En­sem­ble spie­len). Das Er­geb­nis ist ful­mi­nant: Wir er­le­ben das Phä­no­men all­sei­ti­ger In­spi­ra­ti­on, ein frap­pie­ren­des Mit­ein­an­der. Das Tim­bre des ge­mein­sa­men Mu­si­zie­rens ist nicht forsch, son­dern zart und weich.

Kom­plet­tiert wird die­se CD (er­schie­nen bei Berlin Clas­sics/edel) durch das nicht min­der herbst­li­che Kla­ri­net­ten­quin­tett von Max Re­ger. Nach dem Hö­ren bei­der Wer­ke ruft man be­geis­tert aus: Jetzt kann der Win­ter kom­men! Wolf­ram Go­ertz

Da­vid Fo­en­ki­nos: „Char­lot­te“, ge­le­sen von De­vid Strie­sow, der Hör­ver­lag, 17,99 Eu­ro

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