Ein Jahr­hun­dert der Schuh­in­dus­trie in Kle­ve

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KLEVE - VON MAR­CEL ROMAHN

Im Schuhmuseum wird ein be­deu­ten­der Teil der Kle­ver Ge­schich­te ver­an­schau­licht. Tau­sen­de von Aus­stel­lungs­stü­cken.

KLE­VE Einst war Kle­ve ei­ne welt­wei­te Grö­ße in der Schuh­pro­duk­ti­on. Neue Mo­del­le, ver­bes­ser­te Ma­te­ria­li­en und schließ­lich die Mas­sen­pro­duk­ti­on von Qua­li­täts­schu­hen – da­für war der Nie­der­rhein seit En­de nel­len Ma­nu­fak­tur­ar­beit frü­her Jah­re, aber auch zur fort­schritt­li­chen Fa­b­rik­ar­beit vom Ver­ein zu­sam­men­ge­tra­gen wer­den konn­te: ab­ge­nutz­te Werk­bän­ke mit den da­zu­ge­hö­ri­gen Werk­zeu­gen des Schuh­ma­chers, al­te Fo­tos und Meis­ter­brie­fe und na­tür­lich: Schu­he in al­len Grö­ßen, For­men und Far­ben. „Die­se Stadt war ei­nes der Wirt­schafts­zen­tren in der Schuh­bran­che“, sagt Theo Knips, Vor­sit­zen­der der „Kleef­se Schüs­ter­kes“, die das Mu­se­um im Jahr 2010 er­öff­net ha­ben und seit­dem eh­ren­amt­lich be­trei­ben. „Zwi­schen der Jahr­hun­dert­wen­de und dem Zwei­ten Welt­krieg hat­ten wir hier mehr als 50 Fa­b­ri­ken und hun­der­te Schuh­ma­cher. Hier war je­der sehr stolz auf sein Ge­wer­be.“So sei Kle­ve bei­spiels­wei­se be- rühmt für sei­ne Kin­der­schu­he ge­we­sen. 1896 ließ sich die Fir­ma Hoff­mann in der Stadt nie­der und ent­wi­ckel­te nur vier Jah­re spä­ter den bis­lang fort­schritt­lichs­ten Schuh für Kin­der, der in ver­schie­de­nen Grö­ßen und Ma­ßen her­ge­stellt und mit mo­der­nen or­tho­pä­di­schen Me­tho­den an den Fuß des Kin­des an­ge­passt wer­den konn­te. „Das war ei­ne welt­wei­te Re­vo­lu­ti­on“, sagt Knips. „Erst­mals hat­ten die Kin­der Schu­he, die auch für ihr Wachs­tum me­di­zi­nisch ver­träg­lich wa­ren.“

Die Er­folgs­ge­schich­te setz­te sich über das ge­sam­te Jahr­hun­dert fort: 1928 wa­ren 4000 der ins­ge­samt 19.000 Kle­ver im Schuh­ge­wer­be tä­tig. Doch mit dem Be­ginn des nächs­ten Jahr­tau­sends kam auch das En­de der Bran­che im­mer nä­her. Im Jahr 2000 war die Be­leg­schaft be­reits auf 460 Mit­ar­bei­ter ge­schrumpft. „Dann folg­ten An­ge­bo­te mäch­ti­ger Kon­zer­ne aus dem Aus­land“, sagt Knips. Auch die Tat­sa­che, dass der Ba­by-Boom stark nach­ge­las­sen hat­te – et­wa durch Er­fin­dung der An­ti-Ba­by-Pil­le – mach­te dem Kin­der­schuh-Pro­du­zen­ten schritt­wei­se den Gar­aus. Schließ­lich wur­de die Fir­ma Hoff­mann auf­ge­kauft – 2004 war Schluss. Der Ver­ein grün­de­te sich erst vier Jah­re spä- ter und sam­mel­te fort­an al­te Fa­b­rik­be­stän­de und Spen­den aus der Be­völ­ke­rung. „Wir ha­ben tau­sen­de Stü­cke für un­se­re Aus­stel­lung zu­sam­men­ge­tra­gen“, so der Vor­sit­zen­de. „Die glor­rei­che Ge­schich­te soll in die­sem Mu­se­um er­hal­ten blei­ben und auch den jun­gen Kle­vern ei­nen Blick in die Ver­gan­gen­heit er­mög­licht wer­den.“Un­ter all den Her­ren- und Da­men­schu­hen, den klei­nen „ers­ten Schüh­chen“für Kin­der und den gro­ßen, Nä­gel-be­schla­ge­nen Ar­bei­ter­stie­feln fin­den sich auch ei­ni­ge be­son­de­re Hin­gu­cker. Et­wa die Hälf­te ei­nes Re­gal­fachs be­nö­tigt der rech­te Schuh, der für ei­nen Her­ren in Über­grö­ße ge­fer­tigt wur­de – Schuh­grö­ße 70. Be­son­de­res Schuh­werk fin­det sich auch in der Sport­le­r­ecke. Ein Mo­dell mit der Auf­schrift „Bom­ber“wur­de so­gar von Fuß­ball­star und Re­kord­tor­schüt­ze Gerd Müller mit­ent­wi­ckelt. Als Be­weis dient ei­ne Au­to­gramm­kar­te mit per­sön­li­cher Wid­mung an die Fir­ma Hoff­mann.

Mit et­wa tau­send Be­su­chern im Jahr sind die 54 Mit­glie­der des Ver­eins sehr zu­frie­den. „Wir wür­den uns aber wün­schen, dass die Wahr­neh­mung in der Be­völ­ke­rung noch grö­ßer wä­re“, sagt Knips. Man freut sich über je­den Gast.

RP-FO­TOS (2): GOTT­FRIED EVERS

Theo Knips, Vor­sit­zen­der der „Kleef­se Schüs­ter­kes“, in ei­ner Werk­statt im Mu­se­um.

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