Ein Abend lang Bay­ern für Trink­geld

Rheinische Post Goch - - FÜRS LEBEN - VON FRAN­ZIS­KA MÜL­LERS

Kim Fee­gers aus Wachtendonk als Kell­ne­rin im Strae­le­ner Ok­to­ber­fest­zelt. Be­spre­chung ist schon ei­ne Wo­che vor­her. Wich­tig ist die Auf­ga­ben­ver­tei­lung im Team. Und oh­ne Kon­di­ti­on bis zum frü­hen Mor­gen geht es nicht.

STRAE­LEN Tau­sen­de Maß Bier wur­den ge­trun­ken und Hun­der­te Ha­xen ver­speist. Das Strae­le­ner Ju­bi­lä­ums-Ok­to­ber­fest im zehn­ten Jahr war mal wie­der ein vol­ler Er­folg für Ver­an­stal­ter und Gäs­te. Knapp 7000 Trach­ten­trä­ger fei­er­ten an den bei­den Ta­gen. Aber wo ge­fei­ert wird, da muss auch ge­ar­bei­tet wer­den – Ge­trän­ke­be­stel­lun­gen müs­sen auf­ge­nom­men, Bier ge­zapft und ver­teilt wer­den. „Wir ha­ben in die­sem Jahr 61 Kell­ner für die Ge­trän­ke­be­stel­lun­gen im Haupt­zelt be­schäf­tigt“, er­klärt Ca­ro­la Pie­per, die für die Per­so­nal­fra­gen ver­ant­wort­lich ist. „Das sind et­wa zehn Leu­te mehr als im ver­gan­ge­nen Jahr auf­grund der ge­stie­ge­nen Be­su­cher­zahl.“

Kim Fee­gers aus Wachtendonk ist zum zwei­ten Mal als Kell­ne­rin da­bei. Die Ar­chi­tek­tur­stu­den­tin, die wäh­rend der Wo­che in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft in Aa­chen wohnt, fi­nan­ziert sich da­mit ei­nen Teil ih­res Stu­den­ten­le­bens. Ei­ne Wo­che vor­her: Die Kell­ner kom­men zu ei­ner Vor­be­spre­chung zu­sam­men. „Da ha­ben wir die Zu­tei­lung be­kom­men, wer für wel­chen Gang im Zelt zu­stän­dig ist. Au­ßer­dem wur­den Teams ge­bil­det, denn am bes­ten ar­bei­tet man zu­sam­men“, er­zählt die 20-jäh­ri­ge Kim. Das Team um sie be­steht aus wei­te­ren drei Mä­dels und ih­rem Freund. Auch die fi­nan­zi­el­le Sei­te wird be­reits bei der Vor­be­spre­chung ge­re­gelt: „Wir be­kom­men von un­se­rem Um­satz, den wir am Abend ma­chen, sie­ben Pro­zent als Lohn – und na­tür­lich das Trink­geld, das wir ein­neh­men.“Dann kann es los­ge­hen.

Frei­tag­mit­tag ei­ne Wo­che spä­ter: Kims Ar­beits­tag be­ginnt um 16 Uhr „Wir tref­fen uns dann im Fest­zelt, um noch ein­mal ei­ni­ge or­ga­ni­sa­to­ri­sche Klei­nig­kei­ten durch­zu­spre­chen in un­se­ren Teams. Zum Bei­spiel, wer am An­fang wel­che Ti­sche über­nimmt.“Es wer­den Porte­mon­naies in­klu­si­ve Wech­sel­geld, Schür­zen und T-Shirts aus­ge­ge­ben.

Ab 17 Uhr ist Ein­lass, die Ar­beit be­ginnt. Die ers­ten Ge­trän­ke­be­stel­lun­gen tru­deln ein. „Wir neh­men so­wohl die Ge­trän­ke- als auch die Es­sens­be­stel­lun­gen auf. Die Cou- pons und die An­zahl der Me­nüs wie Ha­xen oder Ge­schnet­zel­tes ge­ben wir an die Es­sens­aus­ga­be wei­ter und ha­ben da­mit un­se­ren Job er­le­digt, denn das Es­sen brin­gen die so­ge­nann­ten Foo­drun­ner an die Ti­sche“, so Kim. Zwi­schen 17 und 18 Uhr hat sie noch ein we­nig Zeit, sich zu ori­en­tie­ren oder auch mal ei­ne klei­ne Pau­se ein­zu­le­gen, denn noch ist der An­drang nicht so groß.

Um 18 Uhr geht es dann rich­tig los. Be­stel­lung auf­neh­men, ein­bu­chen in die Kas­se, an der Ge­trän­ke­aus­ga­be ab­ho­len und zum Tisch brin­gen – al­les in Re­kord­zeit, denn die Gäs­te sind durs­tig. „Wir ha­ben es im Team so ge­re­gelt, dass wir die sie­ben Pro­zent un­se­res Um­sat­zes und auch das Trink­geld am En­de zu­sam­men­schmei­ßen und durch fünf Leu­te auf­tei­len“, er­zählt Kim. Aus dem ein­fa­chen Grund, dass der ein­zi­ge Mann der Trup­pe fast aus­schließ­lich für das Schlep­pen der Maß­krü­ge ab­ge­stellt wird und so kei­nen ei­ge­nen Um­satz macht. Ge­teil­te Ar­beit eben. Bis 21.30 Uhr sind al­le Hän­de voll zu tun und Kim traut sich bei­na­he kei­ne Pau­se zu ma­chen. Trotz der An­stren­gung macht es ihr „wirk­lich gro­ßen Spaß! Man trifft vie­le Be­kann­te wie­der“. Um 19.50 Uhr ris­kiert sie ei­nen kur­zen Blick in den Spie­gel, aber dann geht es auch schon wei­ter. Zeit ist Geld, denn wer ei­ne Pau­se ein­legt, ver­liert vi­el­leicht ei­ne Be­stel­lung. „Ab und zu fra­ge ich die Mit­ar­bei­ter hin­ter der The­ke mal nach ei­nem Schluck Co­la, aber ich set­ze mich nicht hin und trin­ke sie, ein Schluck, und dann geht es wei­ter.“

22 Uhr: Es wird et­was ru­hi­ger für Kim. „Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te ich ei­ne Rei­he am Ran­de des Zel­tes, da war ab 22 Uhr fast nichts mehr zu tun, weil al­le in die Mit­te zur Büh­ne lau­fen. Die­ses Jahr ist mein Gang nah an der Büh­ne – mehr Ar­beit, aber auch mehr Um­satz“, sagt die Wach­ten­don­ke­rin. Zwi­schen 1500 und 2200 Eu­ro Um­satz hat sie im ver­gan­ge­nen Jahr ge­macht. „Frei­tags­abend ist im­mer et­was we­ni­ger mei­ner Er­fah­rung nach. Die jun­gen Leu­te am Frei­tag schei­nen we­ni­ger zu trin­ken als die et­was äl­te­re Be­völ­ke­rung am Sams­tag, und auch beim Trink­geld gibt es Un­ter­schie­de“, so Kim. „Die Er­wach­se­nen sind de­fi­ni-

Kim Fee­gers

„Beim Trink­geld sind die Er­wach­se­nen de­fi­ni­tiv

spen­da­bler“

tiv spen­da­bler.“Mit den sie­ben Pro­zent und dem Trink­geld kommt Kim am gan­zen Wo­che­n­en­de auf 300 bis 400 Eu­ro Ge­winn.

23.25 Uhr: Ein Herr in Le­der­ho­se be­stellt im Vor­bei­ge­hen ei­ne Maß bei Kim. „Sol­che Be­stel­lun­gen sind ge­fähr­lich, ich be­ob­ach­te die Per­son dann im­mer kurz: Wenn sie weg­läuft, neh­me ich die Be­stel­lung gar nicht auf, denn sonst ste­he ich da mit ei­nem Bier, und der Be­stel­ler ist weg.“

0.55 Uhr: Ge­schafft! Kim ist er­schöpft, aber glück­lich.

RP-FO­TOS (5): ZEL

Da ist Aus­dau­er ge­fragt: Mit drei Maß Bier macht sich Kim Fee­gers im Strae­le­ner Fest­zelt auf den Weg zu durs­ti­gen Ok­to­ber­fest­be­su­chern.

Schnell den Lip­pen­stift neu auf­tra­gen, dann geht es für Kim Fee­gers wie­der zum Ser­vie­ren.

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