Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UN­TER­HAL­TUNG -

Be­wegt sich nicht, was sich be­we­gen soll, nimm WD-40, be­wegt sich, was nicht soll, nimm Kle­be­band, lau­tet ein bei al­len zi­vi­len und mi­li­tä­ri­schen In­sti­tu­tio­nen be­kann­ter Spruch. Ur­sprüng­lich im Zwei­ten Welt­krieg ent­wi­ckelt, um Schuss­waf­fen­ma­ga­zi­ne und Mu­ni­ti­ons­kis­ten un­ter tro­pi­schen Be­din­gun­gen vor Feuch­tig­keit zu schüt­zen, darf Kle­be­band mitt­ler­wei­le bei kei­nem wie auch im­mer ge­ar­te­ten Ein­satz mehr feh­len. So­gar ei­ne Ra­dab­de­ckung des Elek­tro­au­tos der Apol­lo 17 war auf dem Mond da­mit be­fes­tigt wor­den. Auf mei­nen Sä­bel ver­zich­te­te ich. Ich hät­te zwar gern ei­ne Waf­fe mit­ge­nom­men, sei es nur we­gen der Schock­wir­kung, doch der Sä­bel war sper­rig und un­hand­lich. Die Waf­fe mei­ner Wahl wä­re ei­ne 9mmBrow­ning ge­we­sen, aber selbst wenn ich ei­ne ge­habt hät­te, konn­te ich in der eng­li­schen Pro­vinz schlecht mit ei­ner nicht zu­ge­las­se­nen Knar­re her­um­fuch­teln. Und ich ver­zich­te­te auch dar­auf, ein Mes­ser aus Ians Kü­che mit­zu­neh­men.

Ich hat­te ja nicht vor, je­man­den um­zu­brin­gen. Je­den­falls noch nicht.

Zehn vor acht ging ich ne­ben dem Haus von Alex Reece in Stel­lung, auf der hin­te­ren, dunk­len Sei­te, weg vom Licht der ein­sa­men Stra­ßen­la­ter­ne vor Num­mer zwölf.

Die Ge­gend hat­te ich ein wei­te­res Mal aus­gie­big er­kun­det, un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung von Haus Num­mer fünf­zehn ge­gen­über. Al­lem An­schein nach war nie­mand da, aber das muss­te nichts hei­ßen. Viel­leicht wa­ren die Be­woh­ner nur für den Nach­mit­tag aus­ge­flo­gen.

In den meis­ten an­de­ren Häu­sern, auch ne­ben­an in Num­mer vier­zehn, gin­gen die Leu­te all­täg­li­chen Be- schäf­ti­gun­gen nach. Mich wun­der­te, wie we­ni­ge Be­woh­ner von Bush Clo­se ih­re Vor­hän­ge zu­zo­gen, be­son­ders nach hin­ten hin­aus. Na­tür­lich muss­ten sie nor­ma­ler­wei­se auch nicht da­mit rech­nen, dass je­mand dort her­um­lun­ger­te und sie beim Fern­se­hen oder Le­sen be­ob­ach­te­te.

Es wur­de acht, und ich war­te­te wei­ter. Ein dün­ner Nie­sel­re­gen setz­te ein, aber das küm­mer­te mich nicht. Bei Re­gen blie­ben die Be­woh­ner eher drin­nen. Ob je­mand ei­nen Hund spa­zie­ren füh­ren muss­te, hat­te ich nicht her­aus­ge­fun­den.

Um acht Uhr acht­zehn bog ein Wa­gen in die Bush Clo­se ein und fuhr ganz durch. Ich war ein­satz­be­reit, spür­te das Ad­re­na­lin im Blut, doch der Wa­gen bog auf die Zu­fahrt von Num­mer fünf­zehn, und ei­ne Fa­mi­lie mit zwei klei­nen Kin­dern stieg aus. Ich at­me­te tief durch, um mich zu be­ru­hi­gen, und ver­setz­te mich zu­rück in den War­te­mo­dus.

Still ver­harr­te ich im Dun­keln. Ich war mir ziem­lich si­cher, dass mich nie­mand von ih­nen se­hen konn­te, ob­wohl ich sie deut­lich sah, zu­mal jetzt, als das Hof­licht an­ging. Ich stand dicht an der Haus­wand und rühr­te mich nicht.

Vor al­lem durch Be­we­gun­gen, die am Rand des Ge­sichts­felds wahr­ge­nom­men wer­den und die Auf­merk­sam­keit er­re­gen, ver­rät man sich. Mei­ne dunk­le Klei­dung ließ mich mit der Nacht ver­schmel­zen; nur mein Ge­sicht hät­te auf­fal­len kön­nen, doch ich hat­te aus Schlamm ei­ne Art Tarn­far­be im­pro­vi­siert, um die ver­trau­ten Kon­tu­ren auf­zu­lö­sen.

Es gab kein Alarm­ge­schrei, und bald hat­ten al­le ih­re Sa­chen aus dem Au­to ge­holt und wa­ren im Haus ver­schwun­den. Das Hof­licht er­losch, so dass mich er­neut Dun- kel­heit ein­hüll­te. Ich trat ein we­nig auf der Stel­le, um die Span­nung in mei­ner Mus­ku­la­tur ab­zu­bau­en, und war­te­te wei­ter.

Alex Reece kam kurz vor neun nach Hau­se, aber er kam nicht mit dem Ta­xi.

Isa­bel­la War­rens dun­kel­blau­er Golf bog in ho­hem Tem­po auf die Zu­fahrt und blieb mit ei­nem lei­sen Qu­iet­schen ab­rupt ste­hen. Ich konn­te nicht er­ken­nen, wer am Steu­er saß, aber nach mei­ner Be­kannt­schaft mit ih­rem Fahr­stil auf der Um­ge­hung bei Brack­nell hat­te ich kaum Zwei­fel, dass es Isa­bel­la selbst war.

Ich drück­te mich an die Haus­wand und späh­te um die Ecke.

Alex Reece stieg hin­ten aus und blieb mit ei­ner Flug­ta­sche in der Hand ne­ben dem Wa­gen ste­hen.

„Dan­ke fürs Mit­neh­men“, rief er, be­vor er die Tür zu­warf und ei­nen klei­nen Kof­fer aus dem Kof­fer­raum hol­te.

Er wink­te, als der Golf auf die Stra­ße zu­rück­setz­te und schnell wie­der da­von­fuhr. Da Alex hin­ten ge­ses­sen hat­te, war ver­mut­lich noch je­mand im Wa­gen ge­we­sen. Jack­son War­ren viel­leicht.

Ich sah zu, wie Alex in der Flug­ta­sche nach sei­nem Haus­schlüs­sel kram­te. Gleich­zei­tig warf ich ei­nen Blick auf die Stra­ße und die Fens­ter ge­gen­über. Nie­mand da. Zeit zu han­deln. So­wie er die Tür auf­ge­schlos­sen hat­te und noch be­vor er nach sei­nem Kof­fer grei­fen konn­te, ver­setz­te ich ihm ei­nen har­ten Schlag zwi­schen die Schul­ter­blät­ter, so dass er durch die of­fe­ne Tür in den noch dunk­len Flur stürz­te. Ich warf mich auf ihn, und die Flug­ta­sche rutsch­te quer über das blan­ke Par­kett in die Kü­che.

„Wenn Sie schrei­en, sind Sie tot“, sag­te ich ihm laut ins Ohr.

Er schrie nicht, aber das lag nicht nur dar­an, dass er um sein Le­ben bang­te. Ich hat­te be­wusst so zu­ge­schla­gen, dass es ihm die Luft aus dem Brust­korb trieb, und oh­ne Luft konn­te er nicht schrei­en. Er re­agier­te über­haupt nicht. Wie er­hofft, hat­te ihm mein Blitz­an­griff ei­nen Schock ver­setzt.

Ich dreh­te ihm bei­de Ar­me auf den Rü­cken und fes­sel­te ihm mit den Ka­bel­bin­dern, die ich in der Ta­sche hat­te, die Hän­de. Da­nach mit zwei wei­te­ren die Fuß­ge­len­ke.

Das Gan­ze hat­te nur we­ni­ge Se­kun­den ge­dau­ert.

Ich stand auf und ging nach drau­ßen. Ich nahm Alex’ Kof­fer von der Ein­gangs­stu­fe, prüf­te mit ei­nem bei­läu­fi­gen Blick, dass sich nichts ge­tan hat­te, ging wie­der hin­ein und schloss die Haus­tür. Alex hat­te sich nicht ge­rührt.

„Ich ha­be kei­ne Ah­nung, wo­von Sie re­den“, stritt er die Er­pres­sung na­tür­lich rund­weg ab.

Er lag noch auf dem Fuß­bo­den im Flur, aber ich hat­te ihn auf den Rü­cken ge­dreht, da­mit er mich se­hen konn­te. Dann hat­te ich sei­ne Ta­schen ab­ge­klopft, ihm sein Han­dy ab­ge­nom­men und es aus­ge­schal­tet. Er hat­te mich mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen die gan­ze Zeit an­ge­starrt. Aber er hat­te mich trotz der dunk­len Sa­chen, der Müt­ze und der Matsch­strei­fen im Ge­sicht so­fort er­kannt.

„Sie be­strei­ten al­so, dass Sie mei­ne Mut­ter er­presst ha­ben?“, frag­te ich ihn.

„Und ob!“, sag­te er ent­schie­den. „So ei­nen Blöd­sinn hab ich ja noch nie ge­hört.

(Fort­set­zung folgt)

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