Re­ker ist wie­der bei Be­wusst­sein

Rheinische Post Goch - - VORDERSEITE - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER UND DET­LEV HÜWEL

Die Kli­nik-Ärz­te ha­ben die schwer ver­letz­te und bei der Köl­ner OB-Wahl sieg­rei­che Kan­di­da­tin aus dem künst­li­chen Ko­ma ge­holt. Der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt über­nimmt die Er­mitt­lun­gen ge­gen den At­ten­tä­ter.

KÖLN Die bei der Köl­ner OB-Wahl sieg­rei­che Hen­ri­et­te Re­ker ist ges­tern nach Be­rich­ten ver­schie­de­ner Me­di­en aus der Nar­ko­se zu­rück­ge­holt wor­den. Die Ärz­te hat­ten sie am Sams­tag nach dem Mes­ser­stich ei­nes At­ten­tä­ters in den Hals, bei dem die Luft- und Spei­se­röh­re ver­letzt wur­den, in ein künst­li­ches Ko­ma ver­setzt, um ih­ren Kör­per zu scho­nen. Wann sie die In­ten­siv­sta­ti­on ver­las­sen darf, ist noch of­fen. „Sie muss wei­ter­hin in sta­tio­nä­rer Be­hand­lung in der Uni­k­li­nik Köln ver­blei­ben. Der Hei­lungs­ver­lauf nimmt bei ei­ner Ver­let­zung die­ser Art üb­li­cher­wei­se ei­ne ge­wis­se Zeit in An­spruch“, sagt Pro­fes­sor Ed­gar Schö­mig, Vor­stands­vor­sit­zen­der und Ärzt­li­cher Di­rek­tor der Uni­k­li­nik.

Der we­gen des At­ten­tats auf Hen­ri­et­te Re­ker in Un­ter­su­chungs­haft sit­zen­de Frank S. (44) hat be­reits ei­ne Haft­stra­fe ver­bü­ßen müs­sen. Das er­fuhr un­se­re Re­dak­ti­on aus Jus­tiz­krei­sen. Dem­nach soll der 44Jäh­ri­ge 1998 we­gen ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Rhein­bach ge­ses­sen ha- ben. Der Fall war of­fen­bar En­de 1997 vor dem Amts­ge­richt Sieg­burg ver­han­delt wor­den. S. hat­te da­mals sei­nen Wohn­sitz in Bonn-Beu­el und soll dort in der rechts­ra­di­ka­len Sze­ne ak­tiv ge­we­sen sein.

Bis­lang hat­ten die Er­mitt­lungs­be­hör­den stets mit­ge­teilt, dass der ar­beits­lo­se Ma­ler und La­ckie­rer bis zu dem An­schlag am ver­gan­ge­nen Sams­tag­mor­gen nicht po­li­zei­lich in Er­schei­nung ge­tre­ten sei. Der Chef der Köl­ner Kri­mi­nal­po­li­zei, Nor­bert Wagner, hat­te er­klärt, dass in der Da­ten­bank nichts Straf­recht­li­ches ge­gen S. zu fin­den sei. Nach Re­cher­chen un­se­rer Re­dak­ti­on hängt das mit der Ver­jäh­rungs­frist des Vor­falls zu­sam­men. „Der Fall wur­de of­fen­bar aus dem Bun­des­zen­tral­re­gis­ter ge­löscht, so dass die Po­li­zei nichts über ihn fin­den konn­te“, sag­te ein In­si­der. Ges­tern über­nahm die Bun­des­an­walt­schaft die Er­mitt­lun­gen in dem Fall.

Frank S. hat­te sich nach der Atta­cke auf Re­ker, bei der auch vier wei­te­re Per­so­nen zum Teil schwer ver­letzt wor­den wa­ren, wi­der­stands­los von der Po­li­zei ab­füh­ren las­sen. In den Ver­hö­ren gab er an, aus Frem­den­hass ge­han­delt zu ha­ben. Er ha­be, so heißt es aus Po­li­zei­krei­sen, Flücht­lin­ge und Aus­län­der da­für ver­ant­wort­lich ge­macht, dass er kei­ne Ar­beit fin­de. Re­ker wähl­te er of­fen­bar ge­zielt als Op­fer aus, weil die 58-Jäh­ri­ge als Köl­ner So­zi­al­de­zer­nen­tin die obers­te Flücht­lings­be­auf­trag­te der Stadt war.

Nach Re­cher­chen un­se­rer Re­dak­ti­on woll­te S. vor sie­ben Jah­ren of­fen­bar der rechts­ra­di­ka­len NPD bei­tre­ten. Er ha­be 2008 an der Par­tei In- ter­es­se ge­zeigt, heißt es beim Ver­fas­sungs­schutz. In jüngs­ter Zeit sei der Be­schul­dig­te den Er­mitt­lun­gen zu­fol­ge spo­ra­disch in rechts­ge­rich­te­ten On­li­ne-Fo­ren in Er­schei­nung ge­tre­ten. Der Ver­fas­sungs­schutz be­stä­tig­te zu­dem ei­nen „Spie­gel On­li­ne“-Be­richt, wo­nach der 44-Jäh­ri­ge in den 90er Jah­ren in der in­zwi­schen ver­bo­te­nen „Frei­heit­li­chen Deut­schen Ar­bei­ter­par­tei“(FAP) ak­tiv war. Des Wei­te­ren lie­gen Er­kennt­nis­se vor, dass der Tä­ter 1994 an ei­nem „Ru­dolf Hess-Ge­denk­marsch“in Lu­xem­burg teil­nahm und von den dor­ti­gen Si­cher­heits­be­hör­den in Ge­wahr­sam ge­nom­men wur­de.

Der Städ­te- und Ge­mein­de­bund for­der­te un­ter­des­sen mehr staat­li­chen Schutz für Kom­mu­nal­po­li­ti­ker. Droh-Mails soll­ten an ei­ne zen­tra­le Stel­le zur Straf­ver­fol­gung wei­ter­ge­lei­tet wer­den kön­nen.

In Köln legt Jür­gen Ro­ters (SPD) heu­te die Ober­bür­ger­meis­ter-Amts­ket­te nie­der. Ei­gent­lich hät­te mor­gen im Rat der Stadt die Ve­rei­di­gung von Hen­ri­et­te Re­ker als Ober­bür­ger­meis­te­rin er­fol­gen sol­len.

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