Angst, Hass, Ver­blen­dung

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON GRE­GOR MAYNTZ UND LOTHAR SCHRÖ­DER

Ein Jahr ist die Pegida-Be­we­gung alt. In die­ser Zeit er­leb­ten die selbst er­nann­ten Ret­ter des Abend­lan­des meh­re­re Brü­che, gleich­zei­tig ra­di­ka­li­sier­ten sich wei­te Tei­le der Pro­tes­tie­rer. Die Het­ze hält sie of­fen­bar zu­sam­men.

BERLIN/DÜSSELDORF Die po­li­ti­schen Ak­teu­re in Berlin sind sich nach ei­nem Jahr Pegida ei­nig. „Knall­har­te Rechts­ex­tre­mis­ten“, sagt der CDU-In­nen­mi­nis­ter. „Pegida sät den Hass, der dann zur Ge­walt wird“, er­gänzt der SPD-Jus­tiz­mi­nis­ter. Gibt es al­so ei­nen di­rek­ten Weg von der Pro­test­wie­se in Dres­den zum An­schlag auf OB-Kan­di­da­tin Hen­ri­et­te Re­ker in Köln?

We­gen des bei Pegida ge­zeig­ten Gal­gens und den für Kanz­le­rin und Vi­ze­kanz­ler „re­ser­vier­ten“Stri­cken dar­an er­mit­telt die Staats­an­walt­schaft, ob da­mit zum Mord an Po­li­ti­kern auf­ge­ru­fen wur­de. Wie passt das zu dem Be­fund des Dresd­ner Po­li­tik­wis­sen­schaft­lers Hans Vor­län­der, dass die Pegida-De­mons­tran­ten „mehr­heit­lich kei­ne Be­we­gung von Rechts­ex­tre­mis­ten“bil­de­ten? Of­fen­sicht­lich ist die Sze­ne in Be­we­gung, be­stim­men in jüngs­ter Zeit im­mer mehr die Scharf­ma­cher die Wahr­neh­mung von Pegida.

Im Mai noch war Vor­län­ders Kol­le­ge Wer­ner Pat­zelt zu dem Schluss ge­kom­men, dass Pegida sich nach den Ver­wer­fun­gen im Früh­jahr „deut­lich zum rech­ten Rand hin re­sta­bi­li­siert, doch nicht ra­di­ka­li­siert“ha­be. Im Schnitt sei der Pegida-De­mons­trant um die 49 Jah­re alt, männ­lich, be­rufs­tä­tig und ha­be oft ein un­ter­durch­schnitt­li­ches Ein­kom­men. Gut 50 Pro­zent der Pe­gi­daAn­hän­ger glaub­ten, Deutsch­land vor­an­zu­brin­gen, wenn sie mit ih­ren De­mons­tra­tio­nen da­für sorg­ten, dass es we­ni­ger Aus­län­der ge­be. Rund 30 Pro­zent der De­mons­tran­ten sei­en so­gar eher links von der Mas­se der Mit­de­mons­tran­ten an­ge­sie­delt, sorg­ten sich aber um die Rah­men­be­din­gun­gen der Zu­wan­de­rung. Et­wa 17 Pro­zent sei­en rechts­ra­di­kal und be­jah­ten Ge­walt ge­gen po­li­ti­sche Geg­ner. Da­mals hielt Wer­ner Pat­zelt noch ein Ver­schwin­den von Pegida für mög­lich. Doch der Flücht­lings­strom hat die Be­we­gung wie­der­be­lebt.

Wa­ren auch schon im Früh­jahr ein­zel­ne Pegida-Ab­le­ger in an­de­ren Städ­ten we­gen ih­rer Ra­di­ka­li­sie­rung oder rechts­ex­tre­mis­ti­schen Un­ter­wan­de­rung in das Blick­feld des Ver­fas­sungs­schut­zes ge­ra­ten, ver­zeich­ne­ten die Wis­sen­schaft­ler um Vor­län­der auch in Dres­den selbst nun ei­ne Ver­schär­fung. Durch die fort­schrei­ten­de Zu­spit­zung der Rhe­to­rik droh­ten die „Gren­zen zwi­schen sprach­li­cher und phy­si­scher En­t­hem­mung zu ver­schwin­den“.

Auch die Si­cher­heits­be­hör­den re­gis­trie­ren ei­ne Zu­nah­me des „het­ze­ri­schen und ag­gres­si­ven Po­ten­zi­als“. Des­we­gen wer­de die Ent­wick­lung von Pegida und an­de­ren „Gi­da“-Grup­pen vom Ver­fas­sungs­schutz ver­folgt, er­klär­te ein Spre­cher des In­nen­mi­nis­te­ri­ums. Und Uni­ons-In­nen­ex­per­te Ste­phan Mayer ver­lang­te, dem Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz mehr Stel­len zur Be­ob­ach­tung der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Be­stre­bun­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len: „Der Ver­fas­sungs­schutz ist hier schon sehr auf­merk­sam, muss al­ler­dings auch in Zu­kunft sei­ne Ak­ti­vi­tä­ten per­so­nell noch ver­stär­ken.“

Die Pegida-De­mons­tra­ti­ons­zü­ge durch un­se­re In­nen­städ­te sind auch Aus­druck von Angst und Un­si­cher­heit der Be­tei­lig­ten. Die kann in sol­chen Mär­schen und im Um­feld von Gleich­ge­sinn­ten zu ei­ner vor­läu­fi­gen Be­ru­hi­gung füh­ren. Es kann aber auch un­ge­dul­dig ma­chen, wenn kein ein­zi­ges po­li­ti­sches Ziel auf ab­seh­ba­re Zeit wirk­lich durch­setz­bar zu sein scheint. Aus der Macht der Grup­pe wird dann die zu­neh­men­de Ohn­macht des Ein­zel­nen. Ge­nau an die­sem Punkt scheint die Ge­walt­be­reit­schaft zu wach­sen.

Bis­lang war der Ein­zel­tä­ter vor al­lem ein Phä­no­men des is­la­mis­ti­schen Ter­rors; in­zwi­schen gibt es auch ei­ne deut­sche Va­ri­an­te mit spe­zi­fi­schen Merk­ma­len. Wie je­ne im Le­ben des mut­maß­li­chen At­ten­tä­ters Frank S. aus Köln. Ein Mann mitt­le­ren Al­ters, der von vie­len so­zia­len Be­zü­gen ge­trennt ist: seit Jah­ren ar­beits­los und al­lein le­bend, ge­hör­te er ver­mut­lich kei­ner ter­ro­ris­ti­schen

Ein Plan steht hin­ter

dem Ge­walt­akt, der ei­ner macht­vol­len

Sym­bol­fi­gur gilt

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.