SCHULZ (SPD) „Sy­rer sind in der Tür­kei si­cher“

Rheinische Post Goch - - POLITIK - JAN DREBES, BIR­GIT MARSCHALL, GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

Der Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments sieht die Tür­kei als Schlüs­sel­land zur Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se. Von der Bun­des­re­gie­rung for­dert er mehr Fle­xi­bi­li­tät in der Haus­halts­po­li­tik. Steu­er­er­hö­hun­gen lehnt er ab.

BERLIN Mar­tin Schulz war zu Be­such in un­se­rer Ber­li­ner Re­dak­ti­on. Der SPD-Po­li­ti­ker und Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments mit dem Aa­che­ner Zun­gen­schlag stützt den Kurs von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in der Flücht­lings­po­li­tik. Ist es rich­tig, dass die Eu­ro­pä­er Er­do­gan ho­fie­ren, da­mit er den Flücht­lings­zu­strom nach Eu­ro­pa bremst? SCHULZ Die Tür­kei ist ein Schlüs­sel­land bei der Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­be­we­gung. Dort le­ben be­reits 2,5 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge. Wir müs­sen al­so mit der Tür­kei zu­sam­men­ar­bei­ten. Wer­den die Flücht­lin­ge dort an­ge­mes­sen ver­sorgt? SCHULZ Bei der Be­treu­ung der Flücht­lin­ge ist die Tür­kei bes­ser als man­ches Land in der EU. Die Tür­kei be­treut knapp 600.000 Men­schen in La­gern, in ei­ner vor­bild­li­chen Art und Wei­se. Ki­lis et­wa an der tür­kisch-sy­ri­schen Gren­ze ist ei­ne Stadt von 103.000 Ein­woh­nern mit 125.000 Flücht­lin­gen, wo ver­sucht wird, je­de Fa­mi­lie gut und men­schen­wür­dig un­ter­zu­brin­gen. Dort gibt es so­gar Grund- und wei­ter­füh­ren­de Schu­len. Die Tür­kei weist dar­auf hin, dass sie bis­lang sie­ben Mil­li­ar­den Dol­lar auf­ge­wen­det hat. Sie möch­te nun aus Eu­ro­pa drei Mil­li­ar­den Eu­ro Fi­nanz­hil­fen ha­ben. Ich hal­te es für ver­nünf­tig, der Tür­kei fi­nan­zi­ell zu hel­fen. Es ist auch rich­tig, Vi­sa-Er­leich­te­run­gen zu schaf­fen, die ge­ra­de auch für die Ge­schäfts­welt wich­tig sind, und die Tür­kei als si­che­res Her­kunfts­land ein­zu­stu­fen. Die Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en sind in der Tür­kei si­cher. Fin­den Sie den Kurs der Kanz­le­rin in der Flücht­lings­kri­se rich­tig? SCHULZ Frau Mer­kel liegt in­so­fern rich­tig, als die Eu­ro­päi­sche Uni­on und Deutsch­land wirt­schaft­lich und po­li­tisch in der La­ge sein müs­sen, ei­ne sol­che Kri­se zu be­wäl­ti­gen. Man be­wäl­tigt ei­ne Kri­se aber nicht, in­dem man sagt: Lasst die Leu­te kom­men, gleich­zei­tig aber nicht klar­macht, wo das Geld da­für her­kom­men soll. Die Last tra­gen die Bür­ger­meis­ter in Städ­ten und Ge­mein­den, die die Flücht­lin­ge ver­sor­gen müs­sen. Da brau­chen wir ei­ne viel prag­ma­ti­sche­re Hal­tung, dass die Ver­ant­wort­li­chen vor Ort ih­re Auf­ga­be auch be­wäl­ti­gen kön­nen. Da­zu ge­hört auch die Be­reit­schaft, zu­min­dest für ei­nen kur­zen, über­schau­ba­ren Zei­t­raum nicht dog­ma­tisch und starr an sei­ner Haus­halts­po­li­tik fest­zu­hal­ten. Berlin hät­te al­so ein­fach mal das Scheck­buch zü­cken sol­len in der Flücht­lings­kri­se? SCHULZ Die For­mu­lie­rung ist falsch. Berlin muss sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach­kom­men. Man kann nicht ei­ne Ent­schei­dung tref­fen, die Bund und Län­dern Hun­dert­tau­sen­de von Flücht­lin­gen be­schert, und die­se dann mit den Pro­ble­men al­lein­las­sen. Die 670 Eu­ro pro Mo­nat und Flücht­ling sind doch kein Pap­pen­stiel. SCHULZ Na­tür­lich nicht. Aber ich kann nicht be­ur­tei­len, ob das wirk­lich die wah­ren Kos­ten wi­der­spie­gelt. Je­den­falls kann die Kon­se­quenz aus Mer­kels Hal­tung, dass es für Deutsch­land kei­ne Ober­gren­ze bei der Auf­nah­me po­li­tisch Ver­folg­ter gibt, nur die sein, dass die ge­sam­te Re­gie­rung, in­klu­si­ve der Fi­nanz­po­li­ti­ker, an ei­nem Strang zieht. Lei­der ist das nicht der Fall. Ich se­he nur ei­ne Par­tei, die un­ein­ge­schränkt hin­ter der Po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung steht, und das ist mei­ne, die SPD. Die CDU ist ge­spal­ten, und die CSU fährt ei­nen völ­lig an­de­ren Kurs. Die Re­gie­rung hat Angst vor ei­ner Neid­de­bat­te, wenn zu gro­ße Sum­men pro Flücht­ling ge­zahlt wer­den. SCHULZ Wenn die Men­schen nicht in ei­ner Wei­se be­las­tet wer­den, die sie als un­ge­recht emp­fin­den, dann sind sie sehr so­li­da­risch. Das er­le­ben wir ja der­zeit. Wenn aber Kin­der dau­er­haft kei­nen Schul­sport mehr ma­chen kön­nen, weil die Turn­hal­le be- legt ist, oder El­tern kei­nen Ki­ta-Platz be­kom­men, weil der für an­de­re re­ser­viert ist, dann sto­ßen Sie auf Ab­leh­nung. Da­her hängt die Ak­zep­tanz der Flücht­lin­ge in ho­hem Maß von der fi­nan­zi­el­len und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Aus­stat­tung für Städ­te und Ge­mein­den ab. Brau­chen wir al­so Steu­er­er­hö­hun­gen in Deutsch­land? SCHULZ. Nein. Geld ist ge­nug da. Es gibt Re­kord­steu­er­ein­nah­men. Ist das Du­blin-Ab­kom­men nur noch Ma­ku­la­tur? SCHULZ Du­blin war für die Asyl­re­ge­lung po­li­tisch Ver­folg­ter ge­schaf­fen wor­den. Für ei­nen so ho­hen Flücht­lings­zu­strom ist es nicht ge­macht. Es sam­melt sich al­les un­ter dem Dach der po­li­tisch Ver­folg­ten, weil wir für die tem­po­rär Schutz­su­chen­den und für Ein­wan­de­rungs­wil­li­ge kei­ne aus­rei­chen­den Rechts­nor­men ha­ben. Wir be­nö­ti­gen in Eu­ro­pa un­be­dingt ein­heit­li­che Re­geln, die für al­le drei Grup­pen We­ge öff­nen, nach Eu­ro­pa zu kom­men, näm­lich für po­li­tisch Ver­folg­te, für Men­schen, die ein­wan­dern wol­len, und für sol­che, die tem­po­rär Schutz su­chen. Und dann ge­hen al­le nach Deutsch­land, Schwe­den oder Frank­reich? SCHULZ Nein, ein sol­ches ein­heit­li­ches eu­ro­päi­sches Ein­wan­de­rungs­recht wür­de auch fest­le­gen, in wel­che Län­der Men­schen ge­hen kön­nen. Dar­an müss­ten sich so­wohl die Flücht­lin­ge als auch an­de­re Ein­wan­de­rungs­wil­li­ge hal­ten – dass sie dort­hin ge­hen, wo es Ka­pa­zi­tä­ten gibt. Sind Tran­sit­zo­nen nach EU-Recht mög­lich? SCHULZ Ich hal­te Tran­sit­zo­nen nicht für sinn­voll. Sie ver­schlei­ern doch nur das Pro­blem, dass wir viel zu lan­ge Be­ar­bei­tungs­zei­ten für Asyl­an­trä­ge in Deutsch­land ha­ben. Seit zwei Jah­ren weist Sig­mar Ga­b­ri­el in je­der Pres­se­kon­fe­renz dar­auf hin, dass wir mehr Per­so­nal für das Bun- des­amt für Flücht­lin­ge und mehr Wohn­raum be­nö­ti­gen. Er ist im­mer­hin Mi­nis­ter und kann das be­ein­flus­sen. SCHULZ Des­halb for­dern wir das ja. War­um es noch nicht ge­lun­gen ist, müs­sen Sie die fra­gen, die das seit ge­rau­mer Zeit igno­riert ha­ben. Wir ha­ben stei­gen­de Um­fra­ge­wer­te für die AfD. Be­kom­men wir ös­ter­rei­chi­sche Ver­hält­nis­se? SCHULZ Das glau­be ich nicht. So stark sind die nicht, aber sie sind ge­fähr­lich. Rein nu­me­risch ist die An­zahl von Rechts­ex­tre­men in Deutsch­land ge­rin­ger als in an­de­ren Län­dern. Aber die Ge­walt­be­reit­schaft und die Bru­ta­li­tät sind deut­lich hö­her. In Deutsch­land gibt es oh­ne Zwei­fel rechts­ex­tre­me Ge­walt. Und es gibt ei­ne bis weit in die Mit­te hin­ein rei­chen­de Angs­t­rhe­to­rik, die den Rechts­ex­tre­mis­ten Mut macht. Sie sind schon als Kanz­ler­kan­di­dat, Au­ßen­mi­nis­ter und Ber­li­ner Bür­ger­meis­ter ge­han­delt wor­den. . . SCHULZ Ich ha­be ein Amt, das ich ger­ne aus­fül­le. Dass ich auch für an­de­re Äm­ter ge­han­delt wer­de, ehrt mich.

FOTO: LAIF

„Dass ich auch für an­de­re Äm­ter ge­han­delt wer­de, ehrt mich“, sagt EU-Par­la­ments­prä­si­dent Mar­tin Schulz (59). Das Foto zeigt ihn in Mai vor ei­nem TV-Auf­tritt.

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