Düsseldorf plä­diert auf nicht schul­dig

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON DOROTHEE KRINGS

Darf ein Kampf­pi­lot ein Pas­sa­gier­flug­zeug ab­schie­ßen, wenn er da­mit den Tod von 70.000 Men­schen ver­hin­dert? Die­se Fra­ge er­ör­tert Fer­di­nand von Schi­rach in sei­nem ers­ten Thea­ter­stück „Ter­ror“– und macht das Pu­bli­kum zu Rich­tern.

DÜSSELDORF Ir­gend­wann ver­liert der jun­ge Kampf­pi­lot vor Ge­richt die Fas­sung. Schweiß steht auf sei­ner Stirn; er fal­tet die Hän­de wie zum Ge­bet, springt aus dem Zeu­gen­stand. Er hat­te doch nur Se­kun­den, um ei­ne schreck­li­che Ent­schei­dung zu tref­fen: Schuss aus­lö­sen und die 164 Men­schen an Bord ei­ner Pas­sa­gier­ma­schi­ne in den Tod schi­cken. Oder nichts tun, die ent­führ­te Ma­schi­ne flie­gen las­sen und dar­auf war­ten, dass die Ter­ro­ris­ten an Bord den Flie­ger in ein Sta­di­on stür­zen – in dem 70.000 Men­schen Fuß­ball schau­en.

326 zu 256 Stim­men lau­tet das Ur­teil in der Pre­mie­re – Frei­spruch

für den Pi­lo­ten

Der Pi­lot hat ei­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung ge­trof­fen. Ge­gen den Be­fehl vom Bo­den hat er sei­ne Waf­fen be­tä­tigt, Men­schen ge­tö­tet, um mehr Men­schen zu ret­ten. Er hat sich wis­sent­lich schul­dig ge­macht. Und nun sitzt ihm die­se über­heb­li­che Staats­an­wäl­tin mit dem süß­li­chen Lä­cheln ge­gen­über und be­lehrt ihn kühl über Prin­zi­pi­en. Dar­über, dass man Men­schen­le­ben nicht ge­gen­ein­an­der auf­wie­gen darf. Nie­mals. Weil das ge­gen den ers­ten Satz des Grund­ge­set­zes ver­stößt. Da­ge­gen, dass die Wür­de des Men­schen un­an­tast­bar ist. Die Grund­la­ge un­se­rer Ver­fas­sung. In den Au­gen der Staats­an­wäl­tin hat sich der ehr­gei­zi­ge Pi­lot zum Rich­ter über Le­ben und Tod ge­macht. Aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den zwar, doch für sie än­dert das nichts an der Sa­che. Und weil Ni­co­le Hee­sters ei­ne groß­ar­ti­ge Schau­spie­le­rin ist, ei­ne Gran­de Da­me mit prä­zi­sen Ges­ten, stren­gem Blick, die per­so­ni­fi­zier­te Chef­an­klä­ge­rin, ist der Zu­schau­er hin- und her­ge­ris­sen: Mo­ritz von Treu­en­fels als Pi­lot ist doch so sym­pa­thisch, ernst­haft, be­schei­den und tief ver­zwei­felt über die Fol­gen sei­ner Tat. Wie könn­te man ihn ver­ur­tei­len?

Fer­di­nand von Schi­rach ist ein ge­schick­ter Au­tor mit bes­tem In­stinkt für pa­cken­de Stof­fe. Sei­ne ers­te Kar­rie­re hat er als Straf­ver­tei­di­ger ge- macht, er hat tag­täg­lich mit Schuld und Süh­ne zu tun ge­habt und das dra­ma­ti­sche Po­ten­zi­al von Ge­schich­ten er­kannt, die in ein Ver­bre­chen mün­den. So ist er zum Er­zäh­ler ge­wor­den, zum Best­sel­ler-Au­tor. Und nun spie­len gleich 14 Büh­nen in der Re­pu­blik sein ers­tes Thea­ter­stück. Da­bei ist „Ter­ror“ei­gent­lich ein we­nig ori­gi­nel­les Stück, in dem ein be­kann­tes ethi­sches Di­lem­ma brav von al­len Sei­ten be­trach­tet wird. Ein biss­chen Kant, ein biss­chen Ver­fas­sungs­recht, Uti­li­ta­ris- mus und Ge­sin­nungs­ethik, das ist Se­mi­nar­kost in Dia­log­form. Und Re­gis­seur Kurt Jo­sef Schild­knecht in­sze­niert das am Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus auch noch bie­der im stei­fen Ge­richts­saal-Am­bi­en­te. Al­les grau in grau.

Doch – das Stück wirkt. Un­ge­mein so­gar! Und das hat zwei Grün­de. Schi­rach be­dient sich ei­nes so ein­fa­chen wie cle­ve­ren Kniffs: Er macht die Zu­schau­er zu Rich­tern und kün­digt das auch an. Nach der Ver­hand­lung soll per Ham­mel­sprung ab­ge- stimmt wer­den. Nach der Pau­se ha­ben die Zu­schau­er die Wahl, durch das Tör­chen „schul­dig“oder „nicht schul­dig“zu ih­ren Plät­zen zu­rück­zu­keh­ren. Da­bei wer­den sie ge­zählt. Da­mit ist das Pu­bli­kum bei der Sa­che: Es soll ja ent­schei­den, ist ge­fragt, ist ein­mal tat­säch­lich Adres­sat des Abends.

Man kann das spü­ren: an der Kon­zen­tra­ti­on in den Rei­hen und auch wäh­rend der Pau­se im Foy­er: Men­schen ver­ges­sen, am Sekt zu nip­pen, weil sie dar­über strei­ten, wie wich­tig das Ge­wis­sen ist und wie mäch­tig die Ver­fas­sung. Da baut sich Span­nung auf, und die Macht von Grup­pen: Als die Pau­sen­glo­cke läu­tet, bil­den sich Mehr­hei­ten an den Tör­chen, wer­den je­ne be­äugt, die al­lein auf der an­de­ren Sei­te nach oben ge­hen. Als sei das al­les nicht nur Spiel. 326 zu 256 lau­tet am En­de das Ur­teil. Der Pi­lot ist frei­ge­spro­chen. Zu­min­dest in der Pre­mie­re.

Pa­ckend ist die­ser Abend aber vor al­lem we­gen der Schau­spie­ler. Sie las­sen die En­ge des Ge­richts­saals bald ver­ges­sen, for­men aus Rechts­er­ör­te­run­gen lei­den­schaft­li­che Plä­doy­ers und da­mit erst dra­ma­ti­sche Tex­te. Ni­co­le Hee­sters und Mo­ritz von Treu­en­fels lie­fern sich hart­nä­cki­ge Re­de­du­el­le, Vio­la Po­bitsch­ka ist ei­ne er­grei­fen­de An­ge­hö­ri­ge, Andre­as Gro­th­gar ein ge­wief­ter Ver­tei­di­ger und über al­lem thront Wolf­gang Reinbacher als warm­her­zi­ger Vor­sit­zen­der des Ge­richts.

Sie al­le sind ver­dammt, den Zu­schau­ern zu ge­fal­len. Das ist das Raf­fi­nier­te an ei­nem Stück, das an­sons­ten mit Kli­schees ar­bei­tet in ei­nem kon­stru­ier­ten Fall. Die Schau­spie­ler aber müs­sen über­zeu­gen, müs­sen das Pu­bli­kum zu gnä­di­gen Rich­tern ma­chen, das ist Teil des Kon­strukts. In Düsseldorf ge­lingt das je­dem Ein­zel­nen, und so tref­fen die Wi­der­sprü­che mit vol­ler Wucht auf­ein­an­der – und der Abend kann Span­nung ent­fal­ten.

Fer­di­nand von Schi­rach hat kein gran­dio­ses Stück ge­schrie­ben, aber ein wir­kungs­vol­les. Ei­nes, das die Zu­schau­er ernst nimmt. Man wird es ihm dan­ken. Deutsch­land­weit.

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