Am Gal­gens­teeg in Ge­fan­gen­schaft ge­ra­ten

Rheinische Post Goch - - ZUHAUSE IN KRANENBURG - VON HANS RÜHL

8. Fe­bru­ar 1945 – ers­ter Tag der Of­fen­si­ve „Ve­ri­ta­ble“: Ein Mann folgt den Spu­ren sei­nes Va­ters im Kra­nen­bur­ger Grenz­ge­biet.

KRANENBURG Was Krie­ge den Men­schen in den be­trof­fe­nen Ge­bie­ten an Not und Elend auf­bür­den, das füh­ren uns die Flücht­lings­strö­me aus dem na­hen Ori­ent, aus Asi­en und Afri­ka tag­täg­lich dras­tisch vor Au­gen. Dass die Be­völ­ke­rung im nie­der­rhei­ni­schen Grenz­ge­biet einst eben­falls den Bom­ben und Gra­na­ten aus­ge­setzt war und vie­le Fa­mi­li­en in der Frem­de Schutz su­chen muss­ten, da­zu wird der Kreis de­rer, die je­ne schlim­me Zeit be­wusst mit­er­lebt ha­ben, im­mer klei­ner.

Das Be­vri­j­dings­mu­se­um und die Air­bor­ne Vri­en­den in Groes­beek ha­ben sich im zu­rück­lie­gen­den Jahr mul­ti­me­di­al be­müht, das da­ma­li­ge Front­ge­sche­hen wie das Schick­sal vie­ler Leu­te bei­der­seits der Gren­ze durch Hör­stei­ne und Schau­ta­feln in die Ge­gen­wart zu ho­len und vor der Ver­ges­sen­heit zu be­wah­ren. Die­ses Ge­samt­mo­sa­ik be­steht aus zig­tau­send un­ter­schied­li­chen Ein­zel­stein­chen. Wenn dar­an nach sie­ben Jahr­zehn­ten mehr ge­dacht wird als et­wa nach fünf­zig Jah­ren, ist das ne­ben den in na­her Zu­kunft feh­len­den Zeit­zeu­gen auch der Tat­sa­che zu­zu­schrei­ben, dass vie­les in Mi­li­tär­ar­chi­ven erst nach lan­ger Zeit zur Ein­sicht frei­ge­ge­ben wird.

Auch Fa­mi­li­en ge­hen den Spu­ren ih­rer ge­fal­le­nen An­ge­hö­ri­gen nach und be­su­chen de­ren Grä­ber auf den vie­len Sol­da­ten­fried­hö­fen. Doch in­ter­es­sie­ren sich auch man­che für die Or­te, in die der Zwei­te Welt­krieg ih­re zum Mi­li­tär ein­ge­zo­ge­nen Ver­wand­ten ver­schlug, um sich von der Um­ge­bung und de­ren Be­son­der­hei­ten ein ei­ge­nes Bild zu ma­chen. Weil der Kra­nen­bur­ger Orts­be­reich Schef­fen­thum der letz­te Ein­satz­ort von Rolf Bar­ge (1919 - 2002) war, kam un­längst sein Sohn Klaus-Die­ter Bar­ge (68) mit sei­ner Frau Ed­da aus der Nä­he von Wol­fen­büt­tel nach hier. Un­ter­kunft fand er in der Neu­en­ho­fer Müh­le, in der nach sei­ner Kennt­nis der Va­ter da­mals als vor­ge­scho­be­ner Ar­til­le­rie-Be­ob­ach­ter eben­falls sein Quar­tier ge­habt ha­ben dürf­te. Die Gäs­te aus Nie­der­sach­sen spa­zier­ten ge­dan­ken­voll den Gal­gens­teeg hin­auf zum Hö­vel.

Am Gal­gens­teeg war der zum Ar­til­le­rie-Re­gi­ment 184 ge­hö­ren­de Wacht­meis­ter, der 1943 sei­ne Her­tha ge­hei­ra­tet hat­te, am ers­ten Tag der ge­wal­ti­gen Mont­go­me­ry-Ope­ra­ti­on „Ve­ri­ta­ble“am 8. Fe­bru­ar 1945 den ein­rü­cken­den En­g­län­dern in die Hän­de ge­fal­len. Bis zum 25.7.1946 dau­er­te sei­ne Ge­fan­gen­schaft in meh­re­ren bel­gi­schen La­gern. Sein Flucht­ver­such en­de­te nach 14 Ta­gen. An­fang April 1945 wa­ren bei ei­nem Bom­ben­an­griff auf sei­ne thü­rin­gi­sche Hei­mat­stadt Nord­hau­sen sei­ne El­tern, zwei Schwes­tern und ein klei­ner Nef­fe we­ni­ge Ta­ge vor dem Ein­marsch der Ame­ri­ka­ner ums Le­ben ge­kom­men. Nach der Heim­kehr fand er Ar­beit im Blei­ch­er­öder Elek­tri­zi­täts­werk, da­nach in der Zen­tra­le der Ener­gie­ver­sor­gung in Er­furt. In die­ser Lan­des­me­tro­po­le ar­bei­te­te spä­ter auch sein Sohn als Di­plom-In­ge­nieur. Seit sei­ner Pen­sio­nie­rung be­fasst sich die­ser als Hob­by­his­to­ri­ker vor al­lem mit Mi­li­tär­ge­schich­te, auch für das fran­zö­si­sche At­lan­tik­wal­lFo­rum“und für das deut­sche „Fo­rum der Wehr­macht“. So stieß er auch auf die Kar­te vom Kampf­ver­lauf um Kranenburg am ers­ten An­griffs­tag der Bri­ten. Auf der zwi­schen Maas und Waal nur 11 km brei­ten Front dräng­ten En­g­län­der und Ka­na­di­er hier gleich­sam durch ein von Reichs­wald und über­flu­te­ter Nie­de­rung ge­bil­de­tes Na­del­öhr in Rich­tung Kle­ve vor. Ins­ge­samt be­nutz­ten die Ero­be­rer vor­wie­gend hö­her ge­le­ge­ne, aber durch den strö­men­den Re­gen ver­schlamm­te Ne­ben­we­ge - die Nie­de­rung stand un­ter Was­ser. Mehr als 200 Ge­fan­ge­ne gab es vor Nüt­ter­den, das vom Kar­ten­aus­schnitt nicht mehr er­fasst wird. Wie lang­sam und mü­he­voll das Un­ter­neh­men an­lief, do­ku­men­tiert der er­läu­ter­te Kar­ten­aus­schnitt. Er lässt ah­nen, dass es hier noch hef­ti­gen deut­schen Wi­der­stand ge­ge­ben hat. Ei­ne eng­li­sche Zei­tung er­wähnt Häu­ser­kämp­fe in Schott­hei­de und des­sen Orts­be­reich Kö­nigs­hei­de. Alois Tis­sen, ei­ner der ers­ten auf Schott­hei­de von den En­g­län­dern an­ge­trof­fe­nen Zi­vi­lis­ten in der schon im Herbst eva­ku­ier­ten Grenz­ge­mein­de und nach dem Krieg Bür­ger­meis­ter in Kranenburg, be­rich­tet in Mar­le­ne Lin­kes Büch­lein „Kriegs­schau­platz Kreis Kle­ve“, dass der Pan­zer­gra­ben für die Al­li­ier­ten kein gro­ßes Hin­der­nis war. Üb­ri­gens gab die­se Pu­bli­ka­ti­on Bar­ge den An­stoß da­zu, das Kriegs­ge­sche­hen am un­te­ren lin­ken Nie­der­rhein in­ten­siv zu er­kun­den, auch an Hand von Be­rich­ten in der Grenz­land­post. Die mehr­far­bi­ge Kar­te - Eck­punk­te: Rich­ters­gut-Drül­ler Berg-Fras­selt-Schwarz­was­ser - ein Uni­kat - ist beim Be­rich­ten­den nach Te­le­fo­nat per EMail er­hält­lich.

Das Be­vri­j­dings­mu­se­um be­müht sich, das Front­ge­sche­hen und per­sön­li­che Schick­sa­le vor dem Ver­ges­sen zu be­wah­ren.

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