Niers­bach soll vor den Sport­aus­schuss

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON GI­AN­NI COS­TA UND PATRICK SCHE­RER

Nach wie vor ist un­klar, was mit 6,7 Mil­lio­nen Eu­ro pas­siert ist, die der Deut­sche Fuß­ball-Bund an die Fi­fa über­wie­sen hat. Die Grü­nen for­dern nun, dass der DFB-Prä­si­dent dar­über das Bun­des­tags-Gre­mi­um in­for­miert.

DORTMUND/DÜSSELDORF Wolf­gang Niers­bach blickt staats­tra­gend drein. Der Prä­si­dent des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des (DFB) ist an die­sem Tag nach Dortmund ge­kom­men. Dort wird am Sonn­tag das Deut­sche Fuß­ball­mu­se­um er­öff­net. Im Pro­to­koll sei­nes Be­suchs steht ein Rund­gang durch die Aus­stel­lung. Der 64Jäh­ri­ge wird um­la­gert von Ka­me­ras, je­de Be­we­gung von ihm, je­der Ge­sichts­aus­druck wird ein­ge­fan­gen, als ob man dar­aus ir­gend­et­was schlie­ßen könn­te, was ei­ne Ant­wort auf die drän­gends­te Fra­ge im deut­schen Fuß­ball lie­fert: Was ist aus den 6,7 Mil­lio­nen Eu­ro ge­wor­den, die der DFB an die Fi­fa über­wie­sen hat?

„Die WM 2006 war ein Som­mer­mär­chen, und sie ist ein Som­mer­mär­chen. Das Som­mer­mär­chen ist nicht zer­stört“

Wolf­gang Niers­bach

DFB-Prä­si­dent

Niers­bach wirkt mü­de, als er vor die Mi­kro­fo­ne tritt. Er sagt: „Die WM 2006 war ein Som­mer­mär­chen, und sie ist ein Som­mer­mär­chen. Das Som­mer­mär­chen ist nicht zer­stört, weil ich auch hier noch mal sa­ge: Es hat kei­ne schwar­zen Kas­sen ge­ge­ben, es hat kei­nen Stim­men­kauf ge­ge­ben.“Niers­bach muss al­ler­dings auch „den ei­nen of­fe­nen Punkt“ein­räu­men: „Dass man die Fra­ge stel­len muss, (...) wo­für die­se Über­wei­sun­gen der 6,7 Mil­lio­nen ver­wen­det wur­den.“Die du­bio­se Zah­lung des WM-Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees an den Welt­ver­band Fi­fa hat­te der DFB ein­ge­räumt. Wie der „Spie­gel“be­rich­tet hat­te, soll das Geld in ei­ner „schwar­zen Kas­se“da­zu ge­dient ha­be, Stim­men für den Zu­schlag der WM 2006 in Deutsch­land zu be­kom­men. Der DFB de­men­tiert dies. Nun hat sich die Frank­fur­ter Staats­an­walt­schaft ein­ge­schal­tet. Als mög­li­che Tat­be­stän­de nann­te ei­ne Spre­che­rin Be­trug, Un­treue oder Kor­rup­ti­on. Es wird ge­prüft, ob es ei­nen An­fangs­ver­dacht für ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren gibt.

Nach ei­ge­nem Be­kun­den sucht der DFB in Per­son von Wolf­gang Niers­bach schon seit ei­ner gan­zen Wei­le nach Un­ter­la­gen, die do­ku­men­tie­ren könn­ten, was aus dem Geld ge­wor­den ist. Und war­um es nie zu­rück­ge­for­dert wur­de, ob­wohl das Kul­tur­pro­gramm, für das es ur­sprüng­lich ein­mal be­stimmt ge­we­sen sein soll, nie statt­ge­fun­den hat. Der DFB-Prä­si­dent hat zur Auf­klä­rung al­ler­dings vor­erst nicht den ver­bands­in­ter­nen Kon­troll­aus­schuss ein­ge­schal­tet, son­dern die in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­te Wirt­schafts­kanz­lei Fresh­fiel­ds-Bruck­haus-De­rin­ger mit Er­mitt­lun­gen be­auf­tragt. Was sich nach gro­ßem Auf­klä­rungs­wil­len an­hört, ist al­ler­dings nur ein un­taug­li­cher Ver­such, für Trans­pa­renz zu sor­gen. Die Kanz­lei be­rät un­ter an­de­rem die Bun­des­re­gie­rung und ist auch beim Volks­wa­gen-Skan­dal als Kri­sen­ma­na­ger ein­ge­setzt. Mit ei­ner un­ab­hän­gi­gen Un­ter­su­chung hat das im Fall des DFB aber ziem­lich we­nig zu tun. Denn ob und wel­che Tei­le des Ab­schluss­be­richts ver­öf­fent­licht wer­den, ent­schei­det aus­schließ­lich der DFB. Im Kl­ar­text: Der Ver­band wird nur her­aus­be­kom­men, was er auch her­aus­be­kom­men will.

Ein In­ter­es­se an ei­ner ra­schen Auf­klä­rung ha­ben die Grü­nen an­ge­mel­det und bit­ten da­zu Niers­bach vor den Sport­aus­schuss des Bun- des­tags: „Wir wer­den als Frak­ti­on den Ta­ges­ord­nungs­punkt ,Be­richt über die Ver­ga­be der Fuß­ball-WM 2006’ be­an­tra­gen und da­für den DFB-Prä­si­den­ten als Sach­ver­stän­di­gen la­den“, sag­te Öz­can Mut­lu, sport­po­li­ti­scher Spre­cher von Bünd­nis 90/Die Grü­nen.

Sach­dien­li­che Hin­wei­se könn­te ver­mut­lich ein ehe­ma­li­ger Strip­pen­zie­her beim DFB lie­fern. Doch Ex-Prä­si­dent Theo Zwan­zi­ger ist bis heu­te noch nicht be­fragt wor­den – ob­wohl er doch 2005 als Schatz­meis­ter die Zah­lung an die Fi­fa zu­sam­men mit Ex-Ge­ne­ral­se­kre­tär Horst R. Schmidt an­ge­wie­sen hat­te. Dies ver­wun­dert schon ein we­nig, weil in­ner­halb des DFB doch an­geb­lich be­reits seit Som­mer er­mit­telt wird. Zwan­zi­ger weilt im Ur­laub. Er ver­weist dar­auf, schon seit drei Jah­ren, als er nicht mehr im Amt war, Franz Be­cken­bau­er, Niers­bach und wei­te­re Be­tei­lig­te auf­ge­for­dert zu ha­ben, ei­ne Kom­mis­si­on ein­zu­rich­ten, um die Geld­flüs­se zu prü­fen. Zwan­zi­ger hat­te al­ler­dings selbst aus­rei­chend Mög­lich­kei­ten, die Auf­klä­rung vor­an­zu­trei­ben. Bis 2012 stand er an der Spit­ze des DFB. Er hat in die­ser Zeit nichts un­ter­nom­men. Er hat nicht die Jus­tiz ein­ge­schal­tet. Er ist nicht an die Öf­fent­lich­keit ge­gan­gen. Er hat ab­ge­war­tet. Nun wird von vie­len ge­mut­maßt, Zwan­zi­ger sei der In­for­mant des „Spie­gel“ge­we­sen, um Niers­bach auf gro­ßer Büh­ne vor­zu­füh­ren. Der könn­te vor dem Sprung ste­hen, Prä­si­dent der Ue­fa zu wer­den. „Sol­che Vor­wür­fe sind ein­fach be­schä­mend“, sagt der 70-Jäh­ri­ge im Ge­spräch mit die­ser Re­dak­ti­on. „Man soll­te sich auf die Fak­ten kon­zen­trie­ren. Für was wur­den die Gel- der ver­wen­det?“Ei­ne Ant­wort dar­auf gibt er nicht. „Wenn ich aus dem Ur­laub zu­rück bin, wer­de ich ei­ne ge­naue Do­ku­men­ta­ti­on des Vor­gangs of­fen­le­gen. An­ders geht es lei­der nicht mehr.“Beim DFB er­wä­gen laut In­for­ma­tio­nen der „SZ“ei­ni­ge, Straf­an­zei­ge ge­gen Zwan­zi­ger we­gen Un­treue zu er­stat­ten.

Wi­der­spruch ge­gen die Re­cher­che des „Spie­gel“er­hob ges­tern die „Bild“. Nach An­ga­ben des Bou­le­vard­blatts sei­en die 6,7 Mil­lio­nen Eu­ro von Ex-Adi­das-Chef Ro­bert Lou­is-Drey­fus erst 2002 an den DFB über­wie­sen wor­den. Da­mit hät­te die­ses Geld nicht für den Kauf von Funk­tio­närs-Stim­men ver­wen­det wer­den kön­nen. Die WM 2006 wur­de 2000 an Deutsch­land ver­ge­ben. Lou­is-Drey­fus soll laut „Spie­gel“das Geld vor­ge­streckt und spä­ter über die Fi­fa zu­rück­be­kom­men ha­ben.

FOTO: IMAGO

Wolf­gang Niers­bach mit dem Mas­kott­chen der WM, Go­leo, im März 2006 in Kai­sers­lau­tern.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.