Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Jetzt las­sen Sie mich ge­hen, sonst ru­fe ich die Po­li­zei.“„Sie sind nicht in der La­ge, ir­gend­wen zu ru­fen“, ent­geg­ne­te ich. „Und wenn je­mand die Po­li­zei ruft, dann bin ich das.“

„Dann mal los“, mein­te er. „Für mich wä­re das halb so wild.“

„Was wol­len Sie denn da­mit sa­gen?“

„Den­ken Sie drü­ber nach“, schlug er vor, selbst­si­che­rer ge­wor­den.

„Wis­sen Sie, was die Höchst­stra­fe für Er­pres­sung ist?“, frag­te ich. Er schwieg. „Vier­zehn Jah­re.“Er blin­zel­te nicht ein­mal. Of­fen­sicht­lich fühl­te er sich stark. Er nahm wohl an, ich wür­de ihm ein biss­chen dro­hen, ihn dann lau­fen­las­sen und nichts wei­ter un­ter­neh­men.

Aber An­nah­men wa­ren da­zu da, ge­prüft zu wer­den.

Ich hat­te Ian ge­sagt, ich wür­de die gan­ze Nacht un­ter­wegs sein. Nie­mand er­war­te­te mich in den nächs­ten St­un­den zu­rück. Ich hat­te es al­so nicht ei­lig.

Ich ließ ihn auf dem har­ten Bo­den lie­gen und ging in die Kü­che, um mir et­was zu trin­ken zu ho­len. Vom War­ten drau­ßen hat­te ich Durst be­kom­men.

„Ma­chen Sie mich los“, rief er aus dem Flur.

„Nein“, rief ich zu­rück und leg­te sein Han­dy auf der Ar­beits­flä­che ab.

„Hil­fe“, rief er, aber jetzt viel lau­ter. Schnell trat ich wie­der in den Flur. „Das wür­de ich an Ih­rer Stel­le nicht tun.“

„War­um nicht?“, frag­te er an­griffs­lus­tig.

Ich streif­te den Ruck­sack von den Schul­tern und nahm die Rol­le Kle­be­band her­aus. „Weil ich Ih­nen sonst das hier um den Kopf wi­ckeln müss­te. Le­gen Sie dar­auf Wert?“

Er rief nicht noch ein­mal, und ich ging wie­der in die Kü­che und nahm ei­ne Do­se Hei­ne­ken aus sei­nem Kühl­schrank. Ich trank ei­nen Schluck und spuck­te et­was Bier ne­ben sei­ne Bei­ne auf den Bo­den.

„Ha­ben Sie ei­ne Ah­nung, wie lan­ge ein Mensch oh­ne Flüs­sig­keits­zu­fuhr le­ben kann?“Er starr­te mich nur an. „Wie lan­ge es dau­ert, bis die De­hy­drie­rung zu ei­nem ir­re­ver­si­blen Nie­ren­scha­den und zum Tod führt?“

Die Fra­ge ge­fiel ihm of­fen­bar nicht, aber er war den­noch nicht son­der­lich be­un­ru­higt.

Ich bück­te mich und hol­te den Wan­d­ring mit der Ket­te und dem Vor­hän­ge­schloss aus dem Ruck­sack und zeig­te ihm die Sa­chen. Sein Ge­sichts­aus­druck ver­riet mir, dass er nicht wuss­te, wo­her sie ka­men und was es da­mit auf sich hat­te. Die aus­blei­ben­de Re­ak­ti­on hat­te ihm vi­el­leicht das Le­ben ge­ret­tet. Aber wenn ich ihn auch nicht um­brin­gen woll­te – ich hat­te noch was mit ihm vor. „Sind Sie Dia­be­ti­ker?“, frag­te ich. „Nein“, ant­wor­te­te er. „Ihr Glück.“Ich hol­te die ro­te Ver­band­s­ta­sche aus dem Ruck­sack. Es han­del­te sich um ein An­ti-Aids-Pack, wie Aben­teu­er­rei­sen­de es nann­ten. Ei­ne Reiß­ver­schluss­ta­sche mit je zwei ste­ri­len Sprit­zen, Ka­nü­len, In­jek­ti­ons­na­deln, Skal­pel­len, chir­ur­gi­schen Na­deln samt Fa­den und drei ste­ri­len klei­nen Beu­teln Koch­salz­lö­sung zur Re­hy­drie­rung im Not­fall. Ich hat­te mir das ei­ni­ge Jah­re zu­vor für ei­nen Re­gi­ments­aus­flug ge­kauft, ei­ne Ex­pe­di­ti­on zum Gip­fel des Kili­man­dscha­ro. Da­mit soll­te der Zu­gang zu ste­ri­len In­stru­men­ten ge­währ­leis­tet sein für den Fall, dass je­mand von uns me­di­zi­nisch ver­sorgt wer­den muss­te, denn ste­ri­les Ge­rät war nicht im­mer zu ha­ben, am we­nigs­ten in den ent­le­ge­nen Kran­ken­häu­sern des HIV-ge­plag­ten Afri­kas süd­lich der Sa­ha­ra.

Er­freu­li­cher­wei­se hat­ten wir wäh­rend der Ex­pe­di­ti­on kei­nen Ge­brauch da­von ma­chen müs­sen, und ich hat­te das An­ti-Aids-Pack un­an­ge­tas­tet wie­der mit nach En­g­land ge­bracht. Jetzt er­wies es sich vi­el­leicht doch noch als nütz­lich.

Ich nahm ei­ne der Sprit­zen her­aus und steck­te ei­ne In­jek­ti­ons­na­del auf. Alex sah mir zu.

„Was ha­ben Sie vor?“Zum ers­ten Mal klang er be­un­ru­higt.

„Zeit für mein In­su­lin“, sag­te ich. „Sie wol­len doch si­cher nicht, dass ich ins Zu­cker­ko­ma fal­le, oder? Wo Sie so ver­schnürt sind.“

Alex be­ob­ach­te­te auf­merk­sam, wie ich ei­nen Beu­tel Koch­salz­lö­sung aus der ste­ri­len Ver­pa­ckung nahm und ihn ans Trep­pen­ge­län­der häng­te. Auf der Ver­pa­ckung kleb­te ein Eti­kett mit dem fet­ten Auf­druck In­su­lin, der ihm nicht ent­gan­gen sein konn­te. Mei­ne Fra­ge, ob er Dia­be­ti­ker sei, hat­te er ver­neint. Er wuss­te al­so hof­fent­lich nicht, dass In­su­lin prak­tisch im­mer ge­brauchs­fer­tig in Sprit­zen oder in Am­pul­len ge­lie­fert wur­de. Den über­zeu­gend wir­ken­den In­su­lin-Auf­kle­ber hat­te ich am Nach­mit­tag mit Ian Nor­lands Dru­cker fa­bri­ziert.

Ich zog ein win­zi­ges biss­chen von der kla­ren Flüs­sig­keit in der klei­ne­ren der bei­den Sprit­zen auf, schob mei­nen schwar­zen Rol­li hoch, kniff die Haut am Bauch zu­sam­men und steck­te die Na­del hin­ein. Ich drück­te den Kol­ben durch und spritz­te mir die Flüs­sig­keit un­ter die Haut. Da­bei lä­chel­te ich Alex an.

„Wie oft müs­sen Sie das ma­chen?“, frag­te er. „Zwei-, drei­mal am Tag“, sag­te ich. „Was ist denn In­su­lin ei­gent­lich?“„Ein Hor­mon, das den Mus­keln hilft, die vom Blut­zu­cker ge­lie­fer­te Ener­gie zu ver­ar­bei­ten. Bei den meis­ten Men­schen er­zeugt es die Bauch­spei­chel­drü­se selbst.“

„Und was pas­siert, wenn Sie keins ha­ben?“

„Dann steigt mein Blut­zu­cker­spie­gel so stark an, dass die Or­ga­ne nicht mehr rich­tig ar­bei­ten, bis ich schließ­lich ins Ko­ma fal­le und ster­be.“

Wie­der lä­chel­te ich ihn an. „Das wür­den wir ja jetzt nicht wol­len, oder?“

Er ant­wor­te­te nicht. Vi­el­leicht wä­re es ihm ge­ra­de recht ge­we­sen. Aber es wür­de nicht pas­sie­ren. In Wirk­lich­keit war ich na­tür­lich nicht zu­cker­krank, aber mein bes­ter Freund am Gym­na­si­um war Dia­be­ti­ker ge­we­sen, und ich hat­te tau­send­mal zu­ge­se­hen, wie er sich In­su­lin ge­spritzt hat­te, wenn auch je­weils mit ei­ner Spe­zi­al­sprit­ze und ei­ner dün­ne­ren, we­ni­ger schmerz­haf­ten Na­del. Mir die Salz­lö­sung un­ter die Haut zu sprit­zen war zwar ein biss­chen un­an­ge­nehm, aber harm­los.

Ich ging wie­der in die Kü­che und hob sei­ne Flug­ta­sche auf. Sie war schwer. Un­ter an­de­rem war ein Lap­top drin und ei­ne gro­ße Fla­sche zoll­frei­er Wod­ka, die den Auf­prall auf den Fuß­bo­den ir­gend­wie heil über­stan­den hat­te. Ich stell­te die Ta­sche auf den Kü­chen­tisch, nahm den Com­pu­ter her­aus und schal­te­te ihn an. Wäh­rend er hoch­fuhr, trug ich ei­nen Kü­chen­stuhl auf den Flur, stell­te ihn Alex vor die Fü­ße und setz­te mich hin.

(Fort­set­zung folgt)

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