744 Top-Be­am­te ha­ben Ne­ben­jobs

Rheinische Post Goch - - VORDERSEITE - VON THO­MAS REI­SE­NER

Sie schrei­ben Gut­ach­ten und Bü­cher, lei­ten Se­mi­na­re und neh­men Prü­fun­gen ab: Die Ex­per­ti­se der Mi­nis­te­ri­al­be­am­ten in NRW ist auch in der Pri­vat­wirt­schaft ge­fragt. Sie wird dort gut be­zahlt.

DÜSSELDORF NRW-Fi­nanz­mi­nis­ter Nor­bert Wal­ter-Bor­jans (SPD) mag kein Bar­geld. Im Kampf ge­gen Steu­er­hin­ter­zie­hung und Schwarz­geld for­dert er Ober­gren­zen für Bar­zah­lun­gen – zum Schre­cken vie­ler Hand­wer­ker, Au­to­händ­ler und Gas­tro­no­men. Aber wer beim pri­va­ten Wei­ter­bil­dungs­in­sti­tut „tax­news“für 150 Eu­ro das Se­mi­nar „Kas­sen­füh­rung in bar­geld­in­ten­si­ven Un­ter­neh­men“bucht, be­kommt Tipps aus ers­ter Hand. Der Do­zent ist Be­triebs­prü­fer in der NRW-Fi­nanz­ver­wal­tung.

744 Mit­ar­bei­ter der zwölf NRWMi­nis­te­ri­en ha­ben Ne­ben­jobs. Im Durch­schnitt so­gar je­der von ih­nen mehr als zwei. Das geht aus ei­ner noch un­ver­öf­fent­lich­ten Auf­stel­lung des NRW-In­nen­mi­nis­te­ri­ums her­vor, die FDP-Frak­ti­ons­vi­ze Ralf Wit­zel an­ge­for­dert hat. Dem Gros der rund 5000 Be­am­ten und An­ge­stell­ten in den Mi­nis­te­ri­en ge­nügt dem­nach ihr Ein­kom­men. Aber die 744 Um­trie­bi­gen, die ne­ben­her ar­bei­ten, dürf­ten in der Spit­ze jähr­lich ein paar Tau­send Eu­ro zu­sätz­lich ein­neh­men. Un­ter 1200 Eu­ro pro Jahr wer­den die Ne­ben­ein­künf­te erst gar nicht er­fasst.

Der­ar­ti­ge Ein­bli­cke in die Ne­ben­ein­künf­te von Mi­nis­te­ri­al­be­am­ten sind sel­ten. „Ei­ne sta­tis­ti­sche Er­fas­sung der aus­ge­üb­ten Ne­ben­tä­tig­kei­ten fin­det nicht statt“, räumt NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) ein. Die Er­he­bung sei aus­schließ­lich auf Bit­ten der FDP für den Zei­t­raum Ju­ni 2013 bis Au­gust 2015 an­ge­fer­tigt wor­den. In­ter­es­sens­kon­flik­te schließt Jä­ger aber aus: „Die Re­ge­lun­gen des Ne­ben­tä­tig­keits­rechts stel­len si­cher, dass dienst­li­che Be­lan­ge nicht ne­ga­tiv be­trof­fen sind.“

Die­se Re­ge­lun­gen un­ter­schei­den zwi­schen „an­zei­ge­pflich­ti­gen“Ne­ben­jobs, die oft nur ein­fa­che­re Teil­zeit­jobs sind, und „ge­neh­mi­gungs­pflich­ti­gen“Jobs, für wel­che die Mi­nis­te­ri­ums­mit­ar­bei­ter ih­re be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on nut­zen. Letz­te­re sind be­son­ders lu­kra­tiv. Von den 1827 ver­zeich­ne­ten Ne­ben­jobs fie­len 1050 in die­se Ka­te­go­rie.

Be­son­ders äl­te­re Be­am­te der höchs­ten Be­sol­dungs­grup­pen füh­len sich zu den bes­ser be­zahl­ten Ne­ben­jobs hin­ge­zo­gen. Je­der zwei­te der „ge­neh­mi­gungs­pflich­ti­gen“Ne- ben­jobs ging an über 49-Jäh­ri­ge, die zu 57,4 Pro­zent im „hö­he­ren Di­enst“ar­bei­ten, al­so in der best­be­zahl­ten Lauf­bahn­grup­pe. Die so­ge­nann­te Be­sol­dungs­grup­pe B, die im NRW-Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um beim Mi­nis­te­ri­al­rat be­ginnt und bis zum Staats­se­kre­tär reicht, wird dort nach Be­rech­nun­gen des Bun­des der Steu­er­zah­ler mit mo­nat­lich 6743,88 bis 11671,78 Eu­ro ent­lohnt. Dass der Chef mal ei­ne Ne­ben­tä­tig­keit ver­bie­tet, kam in den NRW-Mi­nis­te­ri­en nur ein ein­zi­ges Mal vor: im Kul­tur­mi­nis­te­ri­um.

Die meis­ten Ne­ben­ver­die­ner ar­bei­ten im Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um. Aber auch im In­nen-, im Jus­tiz- und im Um­welt­mi­nis­te­ri­um wird f lei­ßig ne­ben­her ge­jobbt. Da­bei geht es vor al­lem um das Schrei­ben von Sach­bü­chern, Do­zen­ten- und Prü­fertä­tig­kei­ten oder die nicht nä­her kon­kre­ti­sier­te Mit­wir­kung in Gre­mi­en. Auch als Gut­ach­ter sind die Mi­nis­te­ri­al­be­diens­te­ten ger­ne un­ter­wegs.

Das stört Hei­ner Cloes­ges vom Bund der Steu­er­zah­ler NRW be­son­ders: „Das Land ver­gibt jähr­lich Gut­ach­ten in Mil­lio­nen­hö­he, weil die ei­ge­ne Ar­beits­zeit an­geb­lich nicht aus­reicht. Aber pri­vat geht das dann plötz­lich doch.“FDP-Mann Wit­zel warnt: „Die dienst­li­che Ver­ein­bar­keit der Ne­ben­tä­tig­kei­ten soll­te stren­ger über­prüft wer­den. Das Land darf kei­ne An­rei­ze set­zen, dass sich er­fah­re­ne Füh­rungs­kräf­te noch stär­ker auf Ne­ben­tä­tig­kei­ten kon­zen­trie­ren.“Der Deut­sche Be­am­ten­bund NRW war für ei­ne Stel­lung­nah­me nicht er­reich­bar.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.