Zeit für den Kli­ma­schutz wird knapp

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON CHRIS­TI­NE LONGIN UND BIR­GIT MARSCHALL

In Bonn be­rei­ten 2000 Ex­per­ten den Ent­wurf für ei­nen Welt­kli­ma­ver­trag vor, den der Kli­ma­gip­fel An­fang De­zem­ber in Pa­ris be­schlie­ßen soll. Ist die Mensch­heit in der La­ge, für ein er­träg­li­ches Le­ben der En­kel zu sor­gen?

PA­RIS/BERLIN Nach­denk­lich stand François Hol­lan­de vor me­ter­ho­hen schmut­zig­grau­en Eis­mas­sen. „Wer noch am Kli­ma­wan­del zwei­felt, soll­te hier­her kom­men“, sag­te der fran­zö­si­sche Prä­si­dent ver­gan­ge­ne Wo­che auf dem da­hin­schmel­zen­den Sol­hei­ma­jökull-Glet­scher in Is­land. Sechs Wo­chen vor Be­ginn der Kli­ma­kon­fe­renz in Pa­ris soll­te der Be­such im ewi­gen Eis zei­gen, wie wich­tig der Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del ist. Ein Kampf, in dem trotz man­cher Zu­sa­gen vie­ler Län­der noch viel zu tun ist. „Um die ge­setz­ten Zie­le zu er­rei­chen, müs­sen die Län­der ih­re An­stren­gun­gen deut­lich ver­stär­ken“, mahn­te die In­dus­trie­län­der­Or­ga­ni­sa­ti­on OECD ges­tern zur Ei­le. Sie hat die Kli­ma­zu­sa­gen von 44 Län­dern aus­ge­wer­tet, die im­mer­hin rund 80 Pro­zent der Treib­haus­gas-Emis­sio­nen ver­ur­sa­chen. „Die Re­gie­run­gen brau­chen ei­nen po­li­ti­schen Weg, der zu null CO2Aus­stoß bis zum En­de des Jahr­hun­derts führt“, for­der­te die Or­ga­ni­sa­ti­on.

Ei­nen sol­chen Weg sucht die­se Wo­che die UN-Kli­ma­kon­fe­renz in Bonn, das letz­te gro­ße Tref­fen vor dem Pa­ri­ser Welt­kli­ma­gip­fel An­fang De­zem­ber. Fast 2000 De­le­gier­te feil­schen in Bonn um ei­nen Text­ent­wurf für das Pa­ri­ser Ab­kom­men. Von neun auf 34 Sei­ten wuchs der Text ges­tern mor­gen an – mit Hun­der­ten ecki­gen Klam­mern ver­se­hen. Das sind die Pas­sa­gen, die um­strit­ten sind. Zum Bei­spiel in Ar­ti­kel drei, in dem es um die „Dekar­bo­ni­sie­rung“, al­so die voll­stän­di­ge Ab­kehr der Län­der von den Kli­ma­kil­lern Koh­le, Öl und Gas geht. Ei­ne sol­che Ab­kehr müs­se es noch in die­sem Jahr­hun­dert ge­ben, hat­ten die sie­ben füh­ren­den In­dus­trie­na­tio­nen (G7) im Ju­ni bei ih­rem Gip­fel auf Schloss El­mau ge­for­dert. Sie selbst wol­len das schon 2050 er­rei­chen.

Doch die Jah­res­zah­len ste­hen im Bon­ner Text­ent­wurf eben­so in Klam­mern wie die Be­gren­zung der Er­der- wär­mung im Ver­gleich zum vor­in­dus­tri­el­len Zeit­al­ter. Un­ter zwei Grad lau­tet das Ziel, das nicht nur die fran­zö­si­sche Re­gie­rung er­rei­chen will. Im Ent­wurf ist so­gar von 1,5 bis zwei Grad die Re­de, doch von die­ser ehr­gei­zi­gen Zahl sind die Teil­neh­mer noch weit ent­fernt. Um das Ziel von zwei Grad zu er­rei­chen, müss­te der Aus­stoß der Treib­haus­ga­se laut OECD bis 2050 um 40 bis 70 Pro­zent ver­rin­gert wer­den. „Wir be­we­gen uns bei plus drei Grad“, räumt die Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin des UN-Kli­ma­se­kre­ta­ri­ats, Chris­tia­na Fi­gue­res, in der Zei­tung „Li­bé­ra­ti­on“ein. Rund 150 der 195 Teil­neh­mer­län­der der Kli­ma­kon­fe­renz ha­ben be­reits ih­re Re­duk­ti­ons­zie­le for­mu­liert. Ei­ni­ge wie Me­xi­ko knüpf­ten ih­re Zu­sa­gen aber an fi­nan­zi­el­le Hil­fen – ein wei­te­res heik­les The­ma. Denn die Ent­wick­lungs­län­der sol­len ab 2020 pro Jahr 100 Mil­li­ar­den US-Dol­lar er­hal­ten, um Kli­ma­schä­den ein­zu­däm­men. Auch die­se Sum­me steht im Ent­wurf von Bonn in Klam­mern, denn noch ist un­klar, wo­her das Geld kom­men soll. An­de­re Län­der wie die öl­rei­chen Golf­staa­ten ha­ben noch kei­ne Zu­sa­gen ge­macht. Gro­ße Ver­bes­se­run­gen Rich­tung Zwei-Gra­dZiel sind von ih­nen nicht zu er­war­ten.

Im Text sei bis­lang kein aus­rei­chen­der Über­prü­fungs-Mecha­nis­mus für das ge­mein­sa­me Kli­ma­ziel an­ge­legt, kri­ti­sie­ren Um­welt­ver­bän­de. Po­li­tisch er­wünscht wä­re ein Ver­fah­ren, das die Ver­trags­par­tei­en da­zu ver­pflich­tet, nach Ab­schluss des Ab­kom­mens re­gel­mä­ßig ih­re Koh­len­di­oxid-Re­duk­ti­on im Lich­te der ak­tu­el­len Ent­wick­lun­gen zu über­prü­fen und die Plä­ne zur Re­duk­ti­on ent­spre­chend nach­zu­bes­sern.

Für Gre­en­peace und an­de­re Nicht­Re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen ist es wich­tig, dass der Ver­pflich­tungs­zeit­raum mög­lichst kurz ist. „Er soll­te bei ma­xi­mal fünf Jah­ren lie­gen, um da­nach die Zie­le nach oben zu kor­ri­gie­ren“, sagt der po­li­ti­sche Di­rek­tor von Gre­en­peace Deutsch­land, Ste­fan Krug. Um Fris­ten wie die­se wird in den kom­men­den Ta-

Chris­ti­na Fi­gue­res gen in Bonn noch ge­run­gen. Ziel ist es, ei­nen Ent­wurf hin­zu­be­kom­men, der dann die Ver­hand­lungs­grund­la­ge für Pa­ris ist. „Die Streit­punk­te müs­sen vor­her ein­ge­dampft wer­den“, for­dert Krug.

Die Vor­aus­set­zun­gen für ein Ge­lin­gen in Pa­ris sind zu­min­dest güns­ti­ger als bei der ge­schei­ter­ten Kli­ma­kon­fe­renz 2009 in Ko­pen­ha­gen. Da hat­ten die Teil­neh­mer ei­nen 300 Sei­ten lan­gen Text vor­lie­gen, den die dä­ni­sche Re­gie­rung al­lein und nicht die Staa­ten zu­sam­men ent­wor­fen hat­ten, über den näch­te­lang ge­run­gen wur­de. „Das war nicht ent­scheid­bar“, er­in­nert sich Krug. Des­halb will Gast­ge­ber Frank­reich dies­mal schon vor­ab ei­nen Kon­sens her­stel­len, der dann zu ei­nem Kon­fe­renz­er­folg füh­ren soll. Hol­lan­de zeig­te sich am Mon­tag zum ers­ten Mal zu­ver­sicht­lich: „Wir ha­ben ein ge­wis­ses Ver­trau­en in das Er­geb­nis die­ser Kon­fe­renz.“

An mäch­ti­gen An­wäl­ten man­gelt es dem Kli­ma­schutz nicht. Papst Fran­zis­kus, UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ban Ki Moon, US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma, Chi­nas Staats­chef Xi Jin­ping, Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel – sie al­le rich­ten ein­dring­li­che Ap­pel­le an die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft, end­lich die Er­der­wär­mung zu stop­pen. Selbst zehn gro­ße Öl­kon­zer­ne ha­ben sich ge­ra­de wer­be­wirk­sam da­zu be­kannt. Ein­sicht und wohl auch der Wil­le sind da, doch der Teu­fel steckt wie im­mer im De­tail – und das gilt um­so mehr, wenn 190 Na­tio­nen ver­su­chen, trotz mas­si­ver Ein­fluss­ver­su­che von Lob­by­is­ten ih­re In­ter­es­sen un­ter ei­nen Hut zu brin­gen.

Doch dies­mal steht das ge­mein­sa­me In­ter­es­se der Ret­tung des Pla­ne­ten tat­säch­lich über al­lem. In vie­len Welt­re­gio­nen ist das Le­ben schon un­er­träg­lich ge­wor­den, weil enor­me Hit­ze­pe­ri­oden, Über­schwem­mun­gen und Wir­bel­stür­me zum All­tag ge­hö­ren. Ein ge­sun­des Le­ben in ver­gif­te­ten Groß­städ­ten ist schon heu­te nicht mehr mög­lich. Der G7-Gip­fel­be­schluss von Schloss El­mau mit dem Be­kennt­nis zum Aus­stieg aus der Ver­feue­rung fos­si­ler Ener­gi­en bis 2050 war ein Mei­len­stein auf dem ge­mein­sa­men Weg zum Ziel. Nun kommt es vor al­lem auf Chi­na, In­di­en und an­de­re gro­ße Schwel­len­län­der an.

„Wir be­we­gen uns in Rich­tung plus drei Grad Er­der­wär­mung in den

nächs­ten Jah­ren“

Che­fin des UN-Kli­ma­se­kre­ta­ri­ats

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