Mer­kel wür­digt Trau­er­ar­beit in Hal­tern

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFE­GER

Sie­ben Mo­na­te nach dem Ab­sturz der Ger­m­anwings-Ma­schi­ne hat Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel Schü­ler in Hal­tern be­sucht. Sie sprach mit ih­nen und An­ge­hö­ri­gen über die Ver­ar­bei­tung der Ka­ta­stro­phe.

HAL­TERN Vie­le sind es nicht, die vor das Jo­seph-Kö­nig-Gym­na­si­um in Hal­tern am See ge­kom­men sind, um An­ge­la Mer­kel zu se­hen. An­ders als sonst, wenn die Bun­des­kanz­le­rin ir­gend­wo auf­taucht, wer­den dies­mal nur we­ni­ge Han­dys ge­zückt. Nie­mand fragt nach ei­nem Sel­fie mit der CDU-Po­li­ti­ke­rin. Statt­des­sen ap­plau­die­ren die Men­schen ver­hal­ten, als Mer­kel vor dem Schul­ge­bäu­de von Bür­ger­meis­ter Bo­do Klim­pel und Schul­lei­ter Ul­rich Wes­sel emp­fan­gen wird.

Die 61-Jäh­ri­ge ist ges­tern Vor­mit­tag nach Hal­tern ge­kom­men, um ihr Ver­spre­chen ein­zu­lö­sen, das sie den Fa­mi­li­en nach dem Flug­zeug­ab­sturz bei ei­ner Trau­er­fei­er in Köln ge­ge­ben hat. Sie spricht mit Hin­ter­blie­be­nen, mit Schü­lern und An­ge­hö­ri­gen in dem Gym­na­si­um, das um zwei Leh­re­rin­nen und 16 Schü­ler trau­ert. Die Ka­ta­stro­phe war ein Schock, die Kle­in­stadt am öst­li­chen Rand des Ruhr­ge­biets ist am 24. März zum Sym­bol für die Trau­er um die Ab­sturz­op­fer ge­wor­den. Bil­der des Ker­zen­mee­res vor der Schu­le sind um die Welt ge­gan­gen.

Der Schul­lei­ter ist froh, dass Mer­kel den Schü­lern und dem Kol­le­gi­um bei­steht. „Ihr Kom­men ist ein Zei­chen der An­teil­nah­me, das den Hin­ter­blie­be­nen zeigt, dass ih­re Kin­der nicht ver­ges­sen sind.“

Mer­kel legt auf dem Schul­hof an der Ge­denk­ta­fel, in der die Na­men der To­ten ein­gra­viert sind, ei­ne Blu­me nie­der und hält für ei­nen kur­zen Mo­ment in­ne. Spä­ter wird sie sa­gen, dass ihr in die­sem Au­gen­blick deut­lich ge­wor­den sei, mit wie viel Lie­be und Mit­ge­fühl die­se Schu­le mit dem schreck­li­chen Er­eig­nis um­ge­he und so ver­su­che, da­mit fer­tig zu wer­den.

Die Fra­ge nach dem War­um ei­nes sol­chen Un­glücks kön­ne nie­mand be­ant­wor­ten, sagt Mer­kel, als sie nach den ver­trau­li­chen Ge­sprä­chen auf dem Schul­hof zu al­len Schü­lern spricht. Sie sei ge­kom­men, weil sie „deut­lich ma­chen möch­te, dass ich an sie den­ke, dass die Bun­des­re­gie­rung an sie denkt, aber dass auch vie­le an­de­re Men­schen an sie den­ken.“

Mit der Bun­des­kanz­le­rin ist aber auch noch ein­mal für ei­nen Tag der gro­ße Me­dien­tross zu­rück­ge­kehrt. Die Über­tra­gungs­wa­gen vie­ler Fern­seh­sen­der ste­hen vor dem Schul­ge­bäu­de. Die Schü­ler hof­fen, dass es das letz­te Mal ge­we­sen ist, dass sie von den Ka­me­ras und Fo­to­ob­jek­ti­ven be­drängt wer­den, die dies­mal aber kei­nes­falls so in­ten­siv und auf­dring­lich auf die Ju­gend­li­chen ge­rich­tet sind wie in den Ta­gen nach dem Ab­sturz. Da­für sorgt schon die Po­li­zei, die das Gym­na­si­um mit ei­nem Groß­auf­ge­bot ab­schirmt.

Es gibt vie­le Schü­ler, die es nicht so gut fin­den, dass die Kanz­le­rin sie­ben Mo­na­te nach dem Un­glück zu ih­nen in die Schu­le ge­kom­men ist. Das rei­ße die noch nicht ver­heil­ten Wun­den wie­der von Neu­em auf, sagt ei­ne Ober­stu­fen­schü­le­rin, die mit vie­len der To­ten be­freun­det ge­we­sen ist. Es sei­en be­son­ders die im­mer glei­chen Fra­gen nach Nor­ma­li­tät, die ihr und den an­de­ren Schü­lern ge­stellt wer­den und die sie ner­ven. „Nor­ma­li­tät?“, fragt die an­ge­hen­de Abitu­ri­en­tin. „Nor­ma­li­tät kann es nach so ei­nem schreck­li­chen Er­eig­nis für kei­nen von uns mehr ge­ben.“

Ei­ne Ein­schät­zung, die auch Schul­lei­ter Ul­rich Wes­sel teilt. Zwar, sagt er, herr­sche auf den Gän­gen und Flu­ren sei­nes Gym­na­si­ums ei­ne schein­ba­re Un­be­fan­gen­heit. Schaue man aber ge­nau­er hin, so stel­le man fest, dass das nur ei­ne ober­fläch­li­che Ge­las­sen­heit sei. „Be­son­ders bei den äl­te­ren Schü­lern, die die To­ten kann­ten, spü­re ich nach wie vor ei­ne tie­fe Trau­er“, sagt er. Aber es sind nicht nur sei­ne Schü­ler, die die Tra­gö­die nicht ver­ar­bei­tet ha­ben. Auch Wes­sel selbst lei­det. „Aber es geht hier nicht um mich, son­dern um die An­ge­hö­ri­gen“, sagt er, wenn man ihn auf sei­ne Ge­füh­le an­spricht. Die Bil­der von der Bei­set­zung, von der tie­fen Trau­er, ho­len ihn wie­der ein. Im Früh­jahr, zum Jah­res­tag des Ab­stur­zes, will er mit Schü­lern nach Frank­reich flie­gen und zur schwer zu­gäng­li­chen Un­glücks­stel­le wan­dern. Er hofft, dass das Un­fass­ba­re da­durch viel­leicht ein we­nig fass­ba­rer wird.

Um 13.30 Uhr steigt Mer­kel wie­der in ih­re Li­mou­si­ne. Mit ihr ver­schwin­den auch die Ka­me­ras und Über­tra­gungs­wa­gen. Die Schü­ler hof­fen für im­mer.

FO­TO: DPA

Schü­ler ste­hen Spa­lier für An­ge­la Mer­kel und NRW-Schul­mi­nis­te­rin Syl­via Löhr­mann (l.). Rechts ne­ben der Kanz­le­rin geht Schü­ler­spre­che­rin Jo­han­na Kö­nig.

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