Gre­en­peace, Steag und die Braun­koh­le

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON ANT­JE HÖ­NING UND BIR­GIT MARSCHALL

Meh­re­re Bie­ter reich­ten In­ter­es­sen­be­kun­dun­gen für Vat­ten­falls ost­deut­sche Braun­koh­le ein. Die Kraft­werks-Re­ser­ve für RWE und an­de­re kommt da­ge­gen we­gen EU-Be­den­ken nicht vor­an. Auch Stadt­wer­ke wol­len ge­gen sie vor­ge­hen.

ES­SEN/BERLIN Der schwe­di­sche Va­ten­fall-Kon­zern kann sich freu­en: Bis zum gest­ri­gen Stich­tag reich­ten gleich meh­re­re Bie­ter ei­ne In­ter­es­sens­be­kun­dung für den Kauf der ost­deut­schen Braun­koh­le-Ak­ti­vi­tä­ten von Vat­ten­fall ein. Ne­ben den tsche­chi­schen Un­ter­neh­men CEZ und EPH will auch Gre­en­peace die Braun­koh­le ha­ben. Gre­en­peace Nor­dic lie­fer­te ges­tern ein „State­ment of In­te­rest“bei der US-Bank Ci­ti­group ab, die den Ver­kauf ab­wi­ckelt. Aber auch der Es­se­ner Strom­ver­sor­ger Steag, der seit län­ge­rem ei­nen Ein­stieg dis­ku­tiert, soll im Ren­nen blei­ben, wie es in Bran­chen­krei­sen heißt. Auf die Steag set­zen Po­li­tik und Ge­werk­schaft ih­re Hoff­nun­gen. Schließ­lich geht es in den ost­deut­schen Kraft­wer­ken und Ta­ge­bau­en von Vat­ten­fall um 8000 Jobs.

Und Gre­en­peace will ein­stei­gen, um aus­zu­stei­gen: „Gre­en­peace plant, die Braun­koh­le­spar­te in ei­ne ge­mein­nüt­zi­ge Stif­tung zu über­füh­ren. De­ren Zweck ist der Aus­stieg aus der Koh­le­ver­stro­mung bis 2030“, sag­te ges­tern Gre­en­peace- Prä­si­den­tin An­ni­ka Ja­cob­son. Die Kraft­wer­ke (wie Jänsch­wal­de und Schwar­ze Pum­pe in Bran­den­burg) stie­ßen mehr Koh­len­di­oxid (CO2) aus als ganz Schwe­den.

Die Tsche­chen wol­len die Kraft­wer­ke zwar wei­ter­be­trei­ben. Und EPH hat auch Er­fah­rung in dem Ge­schäft. Den Tsche­chen ge­hört be­reits die Mi­brag, die nach RWE und Vat­ten­fall der dritt­größ­te deut­sche Braun­koh­le-Kon­zern ist. Doch in der Po­li­tik hat man Sor­ge, dass die Tsche­chen am En­de in den deut­schen Kraft­wer­ken die tsche­chi­sche Koh­le ver­feu­ern und es für die ost­deut­schen Ta­ge­baue eng wird. Um dies zu ver­hin­dern, kam die Steag ins Spiel. Das Es­se­ner Un­ter­neh­men woll­te dies nicht kom­men­tie­ren. „Zu Bie­ter­ver­fah­ren äu­ßert wir uns nicht“, sag­te der Spre­cher. Noch of­fen wä­re auch, wie die Steag ei­nen mög­li­chen Kauf stem­men könn­te. We­der sie noch ih­re Ei­gen­tü­mer (Stadt­wer­ke aus klam­men Ruhr­ge­biet­städ­ten) ha­ben das Geld da­zu.

Das hat Gre­en­peace auch nicht. Da der Wert des Un­ter­neh­mens mit 500 Mil­lio­nen Eu­ro aber weit un­ter den Ewig­keits­las­ten des Braun­koh­le­aus­stiegs lie­ge, müs­se oh­ne­hin

An­ni­ka Ja­cob­son der Staat mit ein­stei­gen, ar­gu­men­tiert Gre­en­peace.

Vat­ten­fall will sich zum ver­trau­li­chen Pro­zess nicht äu­ßern und er­klär­te nur: „Al­le po­ten­zi­el­len Bie­ter wer­den gleich be­han­delt.“Micha­el Vas­si­lia­dis, Chef der Ge­werk­schaft IG BCE, hat be­reits vor län­ge­rem be­tont: „Das Braun­koh­le­ge­schäft von Vat­ten­fall muss mit vol­ler Zu­kunfts­fä­hig­keit er­hal­ten blei­ben.“Dann kön­ne der Ver­kauf ei­ne Chan­ce für die Be­schäf­tig­ten sein. Laut Vat­ten­fall wird der Ver­kaufs­pro­zess bis ins Jahr 2016 dau­ern.

Schnel­ler sol­len Ent­schei­dun­gen für Braun­koh­le-Kraft­wer­ke fal­len, die in ei­ne vom Strom­kun­den zu be­zah­len­de Ka­pa­zi­täts­re­ser­ve ge­hen sol­len. So sol­len 1,3 Gi­ga­watt Ka­pa­zi­tät von RWE und 1,3 Gi- ga­watt von Vat­ten­fall und Mi­brag vom Netz ge­nom­men wer­den, um den Kli­ma­schutz vor­an­zu­trei­ben. Auf ei­ner ers­ten Lis­te sol­len al­lein fünf Blö­cke von RWE (un­ter an­de­rem in Nie­der­au­ßem und Frim­mers­dorf) ste­hen.

Al­ler­dings hat es das Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um bis­lang nicht ge­schafft, ei­ne bei­hil­fe­kon­for­me Re­ge­lung hin­zu­be­kom­men. Ei­gent­lich soll­te es schon ver­gan­ge­ne Wo­che ei­nen Durch­bruch ge­ben. Doch die EU hat Be­den­ken, weil sie ei­ne Be­hin­de­rung eu­ro­päi­scher Ver­sor­ger ver­mu­tet. Hek­tisch wird seit Ta­gen zwi­schen Berlin und Brüssel ver­han­delt. Ei­gent­lich soll das Gan­ze bis zum 4. No­vem­ber ste­hen, wenn das Bun­des­ka­bi­nett ein gan­zes Strom­pa­ket be­han­delt. Doch selbst dann wä­re der Weg noch nicht frei. Der Stadt­wer­ke-Ver­bund Tria­nel (Aa­chen) prüft mit an­de­ren Stadt­wer­ken wie München, ge­gen die Re­ser­ve vor­zu­ge­hen. Tria­nel kün­dig­te an, ei­ne Be­tei­li­gung am EU-Ver­fah­ren („No­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren“) zu prü­fen. Am En­de die­ses Ver­fah­ren kann ei­ne Kla­ge vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof ste­hen. „Die Kraft­werks­re­ser­ve braucht nie­mand. Sie ist nur ei­ne Aus­re­de für den Ein­stieg des Staa­tes in die­se neue Art der Braun­koh­le-Sub­ven­tio­nie­rung“, sagt auch Grü­nen­Frak­ti­ons­vi­ze Oli­ver Kri­scher.

„Gre­en­peace plant, die

Braun­koh­le­spar­te in ei­ne ge­mein­nüt­zi­ge Stif

tung zu über­füh­ren“

Gre­en­peace-Prä­si­den­tin

FO­TO: IMAGO

Das Schau­fel­rad ei­nes Braun­koh­le-Bag­gers von Vat­ten­fall.

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