Nicht was man trägt, ist wich­tig, son­dern wie

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Das ge­schei­tes­te und amü­san­tes­te Buch über Stil, das es je gab: „Frau­en und Klei­der“ist ei­ne Schatz­kis­te vol­ler Ge­gen­warts­ana­ly­sen.

NEW YORK Ge­nau so muss man das ma­chen, nur so be­kommt man die Ge­gen­wart zu fas­sen: in­dem man die Din­ge und Sa­chen be­rich­ten lässt, die uns um­ge­ben. Die Au­to­rin­nen Lean­ne Sh­ap­ton, Shei­la He­ti und Hei­di Ju­la­vits ha­ben das ge­tan, sie stel­len Klei­dung in den Mit­tel­punkt ih­res tol­len Buchs „Frau­en und Klei­der“, sie ha­ben Ja­cken, Rö­cke und T-Shirts vom Wa­ren­cha­rak­ter be­freit und be­trach­ten sie nicht län­ger als Ober­fläch­lich­kei­ten, als „Must Ha­ves“oder „Do’s & Dont’s“al­so, als „the­se foo­lish things“, wie das in Mo­de­ma­ga­zi­nen so oft der Fall ist. Son­dern im Ge­gen­teil als das, was sie wer­den, wenn man sie be­rührt und sei­nem Le­ben ein­ver­leibt, als Zei­chen näm­lich, die man le­sen kann, und de­ren Ge­schich­ten zu­sam­men­ge­nom­men den Ro­man un­se­rer Zeit er­ge­ben.

„Was wir tra­gen, was wir sind“heißt der Band, der in den USA zum Best­sel­ler ge­wor­den ist, im Un­ter­ti­tel. Er ist ei­ne Schatz­kis­te vol­ler Sto­rys, Ana­ly­sen, Gra­fi­ken, Bil­der, Ge­sprä­che und Il­lus­tra­tio­nen. Die Her­aus­ge­be­rin­nen ha­ben rund 600 Frau­en, dar­un­ter be­rühm­te wie TVS­tar Le­na Dun­ham („Girls“), die Mu­si­ke­rin Kim Gor­don (So­nic Youth) oder die Künst­le­rin Cin­dy Sher­man, Fra­gen zum The­ma Klei­dung zu­ge­schickt. „Hast du je et­was ge­kauft, das dein Le­ben ver­än­dert hat?“, woll­ten sie wis­sen, „ver­folgst du mit der Art, wie du dich an­ziehst, ein po­li­ti­sches Ziel?“und „wie be­ein­flusst dein kul­tu­rel­ler Hin­ter­grund dei­ne Klei­der­wahl?“Man sieht es schon, das ist ein in­tel­lek­tu­el­ler Zu­gang zum The­ma, es gibt kein tri­via­les Ge­plän­kel über Gar­de­ro­be und Gla­mour. Den­noch ist das al­les amü­sant und kurz­wei­lig.

Ei­ne Frau schreibt et­wa, dass sie als Mut­ter klei­ner Kin­der in New York am liebs­ten ei­nen ziem­lich häss­li­chen Par­ka trägt, weil der gro­ße Ta­schen hat, in de­nen sie al­les mit sich füh­ren kann, was man auf dem Weg vom Kin­der­gar­ten eben so braucht. Sie be­trach­tet die­ses un­för­mi­ge Klei­dungs­stück ge­nau­er, sie ge­rät ins Phi­lo­so­phie­ren über das un­ge­lieb­te Stück Stoff, und so dank­bar sie über ih­re prak­ti­sche „Mom- Uni­form“ei­ner­seits ist, so sehr er­sehnt sie an­der­seits die Zeit, da die Kin­der end­lich groß sind: Dann wer­de sie nur noch De­si­gner-Klei­der tra­gen, „Wow-Klei­der“, je­den­falls kei­ne Sä­cke, in de­nen sich ih­re Per­sön­lich­keit auf­löst. Ei­ne an­de­re Au­to­rin er­zählt, wie sie ei­ne Be­kann­te in ei­nem Kleid von Isa­bel Ma­rant sah und dass sie sich in das Kleid ver­lieb­te und es auch kauf­te, es aber nie mit Wür­de tra­gen konn­te, weil es nach­ge­macht war und sie im­mer an die an­de­re Frau er­in­ner­te.

Sol­che Be­kennt­nis­se sind nie Selbst­zweck, das Sub­jek­ti­ve wird nach den Prin­zi­pi­en der ame­ri­ka­ni­schen Es­say­is­tik ins All­ge­mei­ne über­führt, die Au­to­rin­nen schla­gen die Brü­cke ins ge­sell­schaft­li­che Um­feld. Die Tex­te sind eben­so psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en wie an­thro­po­lo­gi­sche Be­weis­füh­run­gen, ih­re Er­kennt­nis­se lau­ten so: Stil ist ei­ne Art, zur Welt zu spre­chen. Stil ist nicht das, was man trägt, son­dern die Art, wie man es trägt. Und: Stil ist die Auf­he­bung der Dis­tanz zwi­schen Kör­per und Cha­rak­ter.

Es gibt vie­le schö­ne Ru­bri­ken in die­sem Band. So soll­ten Frau­en Fo­tos von ih­ren Müt­tern aus je­ner Zeit ein­sen­den, als die­se noch kei­ne Kin­der hat­ten. Die Töch­ter soll­ten ih­re Müt­ter so­dann be­schrei­ben, und das zu le­sen, ist wun­der­bar. Es wer­den Land­kar­ten von Schlaf­zim­mer­bö­den ge­zeich­net, auf de­nen Frau­en als Ent­schei­dungs­hil­fe Al­ter­na­tiv-Out­fits für An­läs­se wie Prä­sen­ta­tio­nen oder Be­wer­bun­gen aus­ge­brei­tet ha­ben. In ei­ner an­de­ren Ru­brik le­gen Frau­en ih­re Hän­de auf Fo­to­ko­pie­rer und er­zäh­len die Ge­schich­ten der Rin­ge, die sie tra­gen. Da­durch wird of­fen­bar, wie viel Ge­hirnar­beit der Ent­schei­dung vor­aus­geht, ein Schmuck­stück an­zu­le­gen, wie viel Per­sön­lich­keit in die­ser Ent­schei­dung steckt und wie sehr wir an Din­gen hän­gen.

Als männ­li­cher Le­ser er­fährt man Neu­es aus dem Näh­käst­chen, et­wa wenn Frau­en ver­ra­ten, wie we­nig Ein­fluss der Le­bens­part­ner auf den ei­ge­nen Klei­dungs­stil hat. Dass Frau­en auf der Stra­ße eben nicht Män­nern nach­se­hen, steht da auch, son­dern Frau­en, und zwar sol­chen, die mit ih­ren Klei­dern et­was aus­drü­cken, er­zäh­len oder für et­was ste­hen. Ei­ne Tür­kin er­zählt, dass sie nur Schwarz tra­ge, aus Pro­test ge­gen die Re­gie­rung, und die 18-jäh­ri­ge Re­ba Sik­der sagt, wie es ist, in Ban­gla­desch als Nä­he­rin zu ar­bei­ten.

Das Buch er­fährt schließ­lich ei­ne Er­wei­te­rung in den Be­spre­chun­gen, die es er­hält – man muss nur mal schau­en, wie die zu­meist weib­li­chen Re­zen­sen­ten in den USA dar­auf re­agier­ten, wie sie die The­sen durch Plau­de­rei­en über ei­ge­ne Vorlie­ben be­stä­tig­ten, wie sie sich al­so an der Ge­gen­warts­kun­de be­tei­lig­ten. Man fragt sich, wie lan­ge man war­ten muss, bis es so et­was auch für Män­ner gibt.

Sh­ap­ton, He­ti und Ju­la­vits sind in den USA ziem­lich be­kannt, sie schrei­ben Ro­ma­ne und su­chen zeit­ge­mä­ße For­men des Er­zäh­lens. Sh­ap­ton er­reg­te 2010 auch bei uns Auf­se­hen, als sie ei­nen Liebesroman ver­öf­fent­lich­te, der oh­ne Wor­te aus­kam, le­dig­lich in der Form ei­nes Auk­ti­ons-Ka­ta­logs Ge­gen­stän­de zeig­te, die aus ei­ner zer­bro­che­nen Be­zie­hung üb­rig ge­blie­ben wa­ren. Der Le­ser konn­te sich die Roman­ze aus dem In­ven­tar selbst zu­sam­men­bau­en: ein Ex­pe­ri­ment mit herz­er­grei­fen­der Wir­kung. „Frau­en und Klei­der“ist ähn­lich ge­ar­tet. Wer es liest, sieht den Klei­der­schrank künf­tig als Archiv sei­ner Emo­tio­nen und Klei­dung als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form: Je­des Stück, so es be­wusst ge­wählt wur­de, at­met Er­in­ne­run­gen aus, hat Be­deu­tung, un­ter­stützt Per­sön­lich­keit. Viel­leicht ist das die Leh­re die­ses Buchs: Es bringt nichts, an­de­re zu ko­pie­ren. Stil lässt sich nicht über­tra­gen.

Ich wer­den kann man nur al­lei­ne.

Was ist Stil? Die Auf­he­bung der Dis­tanz zwi­schen Kör­per und Cha­rak­ter

FO­TO: GUS PO­WELL / S. FI­SCHER VER­LAG

Die New Yor­ker Her­aus­ge­be­rin­nen des Buchs „Frau­en und Klei­der“be­trei­ben Gesellschaftskunde, in­dem sie über Stil phi­lo­so­phie­ren (v.l.): Hei­di Ju­la­vits (47) Lean­ne Sh­ap­ton (42) und Shei­la He­ti (38).

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