Ei­ne Rei­se zum nie­der­län­di­schen Wein

Rheinische Post Goch - - WISSEN - VON FRANZ-JO­SEF ANT­WER­PES

Mit Weinanbau wird un­ser Nach­bar­land kaum in Ver­bin­dung ge­bracht. Da­bei wer­den in Süd-Lim­burg schon seit dem 13. Jahr­hun­dert Re­ben an­ge­pflanzt. Bö­den und Kli­ma schaf­fen dort ähn­lich gu­te Be­din­gun­gen wie in Bur­gund. Wir stel­len vier Win­zer und ih­re Wei­ne vor.

MAAS­TRICHT Wer an die Nie­der­lan­de denkt, denkt wahr­schein­lich an Kä­se, Tul­pen, Wohn­wa­gen, viel­leicht auch noch an To­ma­ten, aber wohl nicht an Wein, und doch gibt es mehr als 230 Wein­gär­ten in un­se­rem Nach­bar­land – ganz gro­ße und eher klei­ne. Selbst in ei­ner der nörd­li­chen Pro­vin­zen in Fries­land ge­hen ei­ni­ge En­thu­si­as­ten dem Weinanbau nach. Die größ­ten Gär­ten fin­det man aber im süd­lichs­ten Zip­fel der Nie­der­lan­de zwi­schen Aa­chen und Maas­tricht. Fast 50 Win­zer hat die nie­der­län­di­sche Sta­tis­tik er­fasst. Vier von ih­nen ha­ben wir stell­ver­tre­tend be­sucht.

Der Weinanbau hat hier ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on. Schon im 13. Jahr­hun­dert wur­den Re­ben ge­pflanzt und Jahr­hun­der­te spä­ter wie­der aus­ge­rupft, weil es ei­ne Käl­te­pe­ri­ode gab und man mit dem An­bau von Ge­trei­de mehr Er­trag er­wirt­schaf­te­te. Vor cir­ca 50 Jah­ren mach­ten aber die ers­ten Pio­nie­re Ver­su­che mit klei­nen La­gen, und vor 30 Jah­ren eta­b­lier­ten sich die ers­ten ech­ten Wein­gü­ter. Heu­te dehnt sich der An­bau jähr­lich im­mer wei­ter aus. Da­für gibt es gu­te Grün­de. Die Er­wär­mung der Er­de schafft in Südlim­burg ei­ne ähn­li­che Tem­pe­ra­tur wie in Bur­gund, und wie in Bur­gund ist das Ter­ro­ir für die Re­ben bes­tens ge­eig­net. Über­wie­gend be­steht der Bo­den aus Mer­gel, ein Ge­misch aus Ton, Sch­luff, Lehm oder an­de­ren St­ei­nen und Kalk, teil­wei­se aus dem frucht­ba­ren Löss. Vor al­lem die Bur­gun­der­re­ben (Früh-, Spät-, Grau­und Weiß­bur­gun­der) lie­ben Kalk.

Gut ge­deiht auch der früh­rei­fe Mül­ler-Thur­gau, den man heu­te vor­nehm Ri­va­ner nennt. Die Lim­bur­ger Win­zer ex­pe­ri­men­tie­ren auch mit vie­len neu­en, vor al­lem schim­mel­re­sis­ten­ten Sor­ten wie Aco­lon, ei­ner Kreu­zung der Sor­ten Dorn­fel­der und Blau­frän­kisch.

Güns­tig ist auch der Nie­der­schlag. Ähn­lich wie in Aa­chen fal­len jähr­lich rund 750 Mil­li­me­ter Re­gen. Von Vor­teil sind eben­falls die Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de zwi­schen Tag und Nacht. Das gibt den Wei­nen Fi­nes­se. Wie man Re­ben pflegt und Wein macht, ha­ben die Nie­der­län­der in Frank­reich und Deutsch­land ge­lernt. Im Ge­gen­satz zum gän­gi­gen Vor­ur­teil, dass die Nie­der­lan­de flach sei­en, ist der Sü­den Lim­burgs ei­ne mild­hü­ge­li­ge Ge­gend. Die Süd­hän­ge la­den da­zu ein, Re­ben zu pflan­zen. An sol­chen Stel­len Mais zu sä­en und zu se­hen, schmerzt das Herz je­des Wein­ken­ners.

Bei mei­nen Be­geg­nun­gen mit Wein­lieb­ha­bern und Win­zern tref­fe ich auf dem Win­se­ler­hof in Land­graaf, un­weit von Her­zo­gen­rath, den be­kann­tes­ten Ho­te­lier Lim­burgs: Ca­mil­le Oost­we­gel. Er ge­hört zu den neu­en Win­zern, die in der jüngs­ten Zeit Re­ben ge­pflanzt ha­ben. Am Win­se­ler­hof ste­hen seit drei Jah­ren 400 Stö­cke Mül­ler-Thur­gau und Spät­bur­gun­der, und in die­sem Jahr sind die ers­ten Trau­ben reif. Schon 1985 hat Oost­we­gel Re­ben bei Cha­teau Neer­can­ne bei Maas­tricht ge­pflanzt: 400 Stö­cke Spät­bur­gun­der. Das Schloss liegt auf ei­nem Hü­gel und hat ein sehr gu­tes Mi­kro­kli­ma. Vor sie­ben Jah­ren setz­te er sei­ne 600 Stö­cke auf Cha­teau St. Ger­lach in der Nä­he von Val­ken­burg, auch ei­nes sei­ner Ho­tels. Aus den Re­ben macht er mit Mar­cel Soo­mers vom Wein­gut From­berg ei­nen Ro­sé brut, ei­nen tro­cke­nen Trop­fen. Auf die Stö­cke auf dem Win­se­ler­hof an­ge­spro­chen, sagt Oost­we­gel: „Der Na­me Win­se­ler­hof kommt von Win­zer­hof. Schon die Rö­mer ha­ben hier Wein an­ge­pflanzt.“

Die Re­ben ste­hen auf Löss. Übe­r­all in Südlim­burg stößt man auf Löss­bo­den, aber auch auf Mer­gel. Oost­we­gel er­war­tet ei­ne gro­ße Zu­kunft für den Weinanbau in Lim­burg. Das Kli­ma und der Bo­den sei­en bes­tens ge­eig­net. Die 80 Hekt­ar Wein­ber­ge, die ge­gen­wär­tig be­ar­bei­tet wer­den, dürf­ten sich eher ver­dop­peln. Zu­dem hät­ten die Win­zer durch ih­re Stu­di­en in Deutsch­land und Frank­reich die Kennt­nis, wel­che Re­ben man setzt und wie man den Wein be­han­delt.

Der nächs­te Be­such gilt dem Wein­gut From­berg in Ubachs­berg. In­ha­ber Mar­cel Soo­mers ist Voll­zeit­win­zer. 1991 hat sein Schwie­ger­va­ter mit dem Weinanbau an­ge­fan­gen. Der Bo­den war hän­gig, aber auch karg. In Ubachs­berg gibt es teil­wei­se nicht den re­la­tiv wei­chen Mer­gel, der auch Kalk ent­hält, son­dern rich­tig fes­ten Kalk­stein. Das ist für die Re­ben ein be­son­ders ge­eig- ne­ter Bo­den, zu­mal er Ma­g­ne­si­um, Kal­zi­um und Ka­li­um auf­weist. Wenn die Reb­stö­cke 70, 80 Jah­re alt sind, könn­ten sie 25 Me­ter lan­ge Wur­zeln ha­ben. Man baut Mül­lerThur­gau, Au­xer­rois und auch Ries­ling an, na­tür­lich auch Spät­bur­gun­der (Pi­not noir). Wel­chen Wein wür­de Soo­mers emp­feh­len? Er rät zu ei­nem 2013 Mül­ler-Thur­gau – ei­nem wun­der­schön run­den Trop­fen. Die von man­chen ver­ach­te­te Re­be kann auf gu­tem Bo­den viel Fi­nes­se ent­wi­ckeln, aber meis­tens muss sich der Mül­ler-Thur­gau mit „Ack­er­gold“– oft nur mitt­le­re La­gen – be­gnü­gen.

Das nächs­te Wein­gut liegt nur fünf Ki­lo­me­ter Luft­li­nie von der Aa­che­ner Stadt­gren­ze ent­fernt und ist s aa M Wein­gut Apos­tel­hoeve

Maas­tricht ei­nes der größ­ten in Lim­burg: Wi­jn­go­ed St. Mar­ti­nus. Dort tref­fe ich auf Wieb­ke Ned­der­mann, ei­ne Deut­sche, die in Geisenheim Wein­bau stu­diert hat – mit Ab­schluss als In­ge­nieur. Seit vier Jah­ren macht sie hier ih­ren Job. Wel­cher Bo­den do­mi­niert auf die­sem Gut? Mer­gel gibt es und Feu­er­stein, aber auch Löss und Lehm. Und wie sieht es mit dem Er­trag aus? Bei Weiß­wein schwankt er zwi­schen 3500 und 5000 Li­ter je Hekt­ar und bei Rot­wein zwi­schen 2500 und 3000 Li­ter. Das ist ver­gleichs­wei­se we­nig. In Deutsch­land gibt es Win­zer, die bei Weiß­wein 8000 bis 10.000 Li­ter ern­ten und bei Rot­wein 5000 bis 7000 Li­ter. Al­ler­dings ist die Ten­denz: sin­ken­de Er­trä­ge und hö­he­re Qua­li­tät. Auch in den Nie­der­lan­den geht es weg von den staub­tro­cke­nen Trop­fen hin zu Wei­nen mit ei­ner ge­rin­gen Rest­sü­ße. Wieb­ke Ned­der­mann scheint Wein­gut From­berg

Ubachs­berg auch auf Cu­vees zu set­zen, al­so dem Ver­schnitt meh­re­rer Rebs­or­ten. Beim Bor­deaux stört sich kei­ner dran, dass er seit eh und je ei­ne Cu­vee ist.

Der letz­te Be­such führt zum be­kann­tes­ten Wein­gut der Nie­der­lan­de, dem Apos­tel­hoeve, di­rekt im Sü­den von Maas­tricht, dicht an der bel­gi­schen Gren­ze. Ma­thieu Hulst be­wirt­schaf­tet dort neun Hekt­ar mit klas­si­schen Rebs­or­ten. Von den schim­mel­re­sis­ten­ten Re­ben, die an­de­re Win­zer nicht nur in den Nie­der­lan­den pflan­zen, hält er we­nig. Auch hier auf sanf­ten Hü­geln wach­sen die Re­ben auf Löss und Mer­gel.

Be­rühm­te Re­stau­rants in den Nie­der­lan­den ha­ben die Apos­tel­hoeve-Wei­ne auf der Kar­te, und die nie­der­län­di­sche Flug­ge­sell­schaft KLM bie­tet sie ih­ren Flug­gäs­ten als be­son­de­res Pro­dukt an. Mar­loes Zui­din­ga, ein be­kann­ter Som­me­lier aus Ams­ter­dam, schrieb: „Der Apos­tel­hoeve kann sich als ei­ner der we­ni­gen Wei­ne mit aus­län­di­schen Al­ter­na­ti­ven mes­sen.“Wer ei­nen nie­der­län­di­schen Wein kau­fen will, kann das meist nur di­rekt beim Win­zer. Es wird aber nicht mehr lan­ge dau­ern, bis auch in der Aa­che­ner Re­gi­on der Wein­han­del ein brei­te­res Sor­ti­ment an­bie­tet.

Die Lim­bur­ger Win­zer ex­pe­ri­men­tie­ren auch mit vie­len neu­en, vor al­lem schim­mel­re­sis

ten­ten Sor­ten

Der Au­tor war von 1978 bis 1999 Re­gie­rungs­prä­si­dent des Re­gie­rungs­be­zir­kes Köln.

Weinanbau in Süd-Lim­burg

FO­TOS: LIM­BURG TOU­RIS­MUS

In der leicht hü­ge­li­gen Lim­bur­ger Land­schaft, hier Re­ben des Wein­guts St. Mar­ti­nus, ge­deiht der Wein we­gen des idea­len Kli­mas sehr gut.

Das Wein­gut Apos­tel­hoeve ist das be­kann­tes­te der Nie­der­lan­de.

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