Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

So“, sag­te ich und beug­te mich vor. „Sie müss­ten mir ein paar Fra­gen be­ant­wor­ten.“„Ich ant­wor­te wenn Sie mich frei­las­sen.“„War­ten wir’s ab“, mein­te ich. „Die Nacht ist lang.“

Ich stand auf und kehr­te in die Kü­che zu­rück. Ich ließ die Ja­lou­sie am Fens­ter her­un­ter, stell­te den Fern­se­her an und setz­te mich mit Alex’ Com­pu­ter an den Kü­chen­tisch.

„He“, rief er nach et­wa fünf Mi­nu­ten. „Ja“, rief ich zu­rück. „Was gibt’s?“„Wol­len Sie mich hier ein­fach so lie­gen las­sen?“

„Ja“, sag­te ich und stell­te den Fern­se­her lau­ter.

„Wie lan­ge?“, ver­such­te er ihn zu über­tö­nen. „Wie lan­ge brau­chen Sie denn?“„Was?“, schrie er. „Wo­für?“„Bis Sie mei­ne Fra­gen be­ant­wor­ten.“„Was für Fra­gen?“Ich ging raus in den Flur und setz­te mich wie­der auf den Stuhl.

„Seit wann ha­ben Sie ein Ver­hält­nis mit Ju­lie Yor­ke?“, be­gann ich.

Die Fra­ge hat­te er nicht er­war­tet, aber er fing sich rasch wie­der.

„Ich ha­be kei­ne Ah­nung, wo­von Sie re­den.“

Be­son­ders weit wa­ren wir in der letz­ten hal­ben St­un­de nicht ge­kom­men.

„Wie Sie mei­nen“, sag­te ich, stand auf und kehr­te an den Kü­chen­tisch und sei­nen Com­pu­ter zu­rück.

Im Fern­se­hen wur­den Fuß­bal­lHigh­lights prä­sen­tiert, und ich dreh­te die Laut­stär­ke noch wei­ter auf, da­mit Alex mich nicht auf sei­ner Tas­ta­tur tip­pen hör­te.

Da der Lap­top sich au­to­ma­tisch ins Draht­los­netz­werk ein­wähl­te,

erst, klick­te ich auf sein E-Mail-Pro­gramm und öff­ne­te sei­nen Postein­gang. Leicht­sin­nig von ihm, dach­te ich, dass er kein Pass­wort hat­te. Ich mar­kier­te sämt­li­che ein­ge­gan­ge­nen Nach­rich­ten der letz­ten zwei Wo­chen und lei­te­te sie en bloc an mein ei­ge­nes Mail­kon­to wei­ter. Das­sel­be mach­te ich mit sei­nem Ge­sen­de­tOrd­ner. Man konn­te nie wis­sen, wel­che In­for­ma­tio­nen sich als nütz­lich er­wie­sen, und es war kein Zu­fall, dass die Po­li­zei bei ei­ner Ver­haf­tung als Ers­tes die Fest­plat­te des Ver­haf­te­ten durch­such­te.

Ich warf ei­nen Blick auf die Fuß­ball­hö­he­punk­te und igno­rier­te das Ge­jam­mer aus dem Flur.

„Ma­chen Sie mich los“, kra­keel­te Alex. „Mir tun die Hän­de weh.“Ich wid­me­te mich wie­der dem Com­pu­ter­bild­schirm.

„Ich muss mich mal auf­set­zen“, jam­mer­te er. „Mein Rü­cken tut weh.“Ich igno­rier­te ihn wei­ter. Ich öff­ne­te ei­nen Ord­ner na­mens Rock-Kon­ten. Er ent­hielt rund zwan­zig Da­tei­en. Ich mar­kier­te sie al­le, häng­te sie an ei­ne E-Mail und schick­te auch sie an mei­nen Com­pu­ter.

Der Fuß­ball­über­blick ging zu En­de, und es folg­ten die Abend­nach­rich­ten. Über ei­nen ak­tu­el­len Fall von Frei­heits­be­rau­bung in Gre­en­ham wur­de er­freu­li­cher­wei­se nichts ver­mel­det.

Ich klick­te im Start­me­nü des Lap­tops auf Su­chen und ließ mir al­le Da­tei­en an­zei­gen, die das Wort ,Pass­wort’ oder ,Be­nut­zer­na­me’ ent­hiel­ten. Die acht Tref­fer häng­te ich an ei­ne neue Mail, und wie­der gab es Post für mich.

„Okay, okay!“, kam es schließ­lich aus dem Flur. „Ich be­ant­wor­te Ih­nen Ih­re Fra­gen.“– Die Nach­rich­ten ei­nes E-Mail-Ord­ners mit dem Na- men Gi­bral­tar wur­den eben­falls noch in den Cy­ber­space ent­sandt. Dann über­zeug­te ich mich, dass al­les ver­schickt war, und lösch­te die an mich adres­sier­ten Mails aus dem Ge­sen­det-Ver­zeich­nis, da­mit Alex nicht sah, dass ich sie wei­ter­ge­lei­tet hat­te. Ich klapp­te den Lap­top zu, pack­te ihn wie­der in die Flug­ta­sche und stell­te die Ta­sche zu­rück auf den Bo­den.

Dann ging ich in den Flur, setz­te mich vor Alex auf den Stuhl und beug­te mich dro­hend über ihn.

Aber ich stell­te nicht wie­der die glei­che Fra­ge. Im er­prob­ten Ver­hör­ton frag­te ich ihn et­was völ­lig an­de­res.

„War­um ha­ben Sie Ro­de­rick Ward um­ge­bracht?“Er war ent­geis­tert. „H-hab ich nicht“, stam­mel­te er. „Wer denn sonst?“, frag­te ich. „Das weiß ich nicht.“„Er ist al­so um­ge­bracht wor­den“, stell­te ich fest.

„Nein“, heul­te er. „Es war ein Un­fall.“

„Ach was. Der Un­fall­her­gang war viel zu ab­we­gig. Das muss fin­giert ge­we­sen sein.“

„Den Au­to­un­fall mei­ne ich nicht“, sag­te er ein­fach. „Dass er gestor­ben ist, war der Un­fall. Ich woll­te sie noch war­nen, aber es war zu spät.“„Sie?“, frag­te ich ge­bannt. Er mach­te dicht. Ich zog ein zu­sam­men­ge­fal­te­tes Blatt Pa­pier aus der Ta­sche und hielt es ihm hin. Er starr­te un­gläu­big dar­auf. Ich kann­te den Text aus­wen­dig, so oft hat­te ich ihn mir in den letz­ten Ta­gen an­ge­se­hen. Es war der hand­ge­schrie­be­ne kur­ze Brief an Mrs. Stel­la Bee­cher, 26 Ban­bu­ry Dri­ve, Oxford, aus dem Sta­pel Post in Mr. Hor­ners Kar­ton: – Ich weiß nicht, ob das jetzt noch recht­zei­tig kommt, aber sag ihm, ich ha­be, was er will. – „Um was geht’s da?“, woll­te ich wis­sen. Er schwieg. „Und wer ist ,er’?“Wie­der kei­ne Ant­wort. „Und recht­zei­tig wo­für?“Er starr­te mich bloß an. „Sie wer­den mei­ne Fra­gen be­ant­wor­ten müs­sen, sonst bleibt mir nichts an­de­res üb­rig, als? . . .“Ich ließ den Satz in der Luft hän­gen. „Als was?“, frag­te er er­schro­cken. „Als Sie um­zu­brin­gen“, sag­te ich ru­hig.

Schnell pack­te ich sei­ne zu­sam­men­ge­bun­de­nen Fü­ße und zog ihm den lin­ken Schuh und die lin­ke So­cke aus. Mit dem Kle­be­band fi­xier­te ich sei­nen Fuß senk­recht an ei­nem der Stä­be des Trep­pen­ge­län­ders, so dass er ihn nicht mehr be­we­gen konn­te.

„Was ma­chen Sie denn?“, schrie er und wand sich ver­ge­bens. – „Ich tref­fe Vor­be­rei­tun­gen“, sag­te ich. „Mord will im­mer gut vor­be­rei­tet sein.“– „Hil­fe“, schrie er. Aber ich hat­te den Fern­se­her bei vol­ler Laut­stär­ke lau­fen las­sen, so dass er von ei­nem Wer­be­spot über­tönt wur­de.

Zur Si­cher­heit nahm ich je­doch noch ein Stück Kle­be­band und ver­schloss ihm den Mund, da­mit er es nicht noch ein­mal ver­such­te. Statt­des­sen at­me­te er nun an­ge­strengt durch die Na­se und fing an zu hy­per­ven­ti­lie­ren, wo­bei sich die Na­sen­lö­cher un­ter den gro­ßen, ver­ängs­tig­ten Au­gen hef­tig wei­te­ten und wie­der zu­sam­men­zo­gen.

„Al­so, Alex“, sag­te ich so ru­hig, wie ich es hin­be­kam. „Sie schei­nen sich nicht ganz dar­über im Kla­ren zu sein, in was für ei­ne bö­se La­ge Sie sich hier ge­bracht ha­ben.“

(Fort­set­zung folgt)

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