El­tern­ver­ein: Bur­kas stö­ren Schul­frie­den

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON LESLIE BROOK, DA­VID FI­SCHER, MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK, PHIL­IPP STEM­PEL

Die Dis­kus­si­on um den Ge­sichts­schlei­er an Schu­len bricht nicht ab: Nicht nur Grund­schu­len, auch wei­ter­füh­ren­de Schu­len kön­nen die Ver­hül­lung per Kon­fe­renz­be­schluss ver­bie­ten. Und auch Ar­beit­ge­ber dür­fen Vor­schrif­ten ma­chen.

DÜSSELDORF Meh­re­re El­tern ste­hen vor der Adolf-Kla­ren­bach-Schu­le im Düs­sel­dor­fer Stadt­teil Holt­hau­sen. In we­ni­gen Mi­nu­ten ist der Un­ter­richt be­en­det. Ei­ne Mus­li­ma mit schwar­zem Kopf­tuch und bo­den­lan­gem Ge­wand blickt über den Me­tall­zaun mit ab­ge­blät­ter­tem blau­en An­strich. „Das ist nicht in Ord­nung“, sagt die 35-Jäh­ri­ge, die sich Ay­sche nennt. „Mei­ne mus­li­mi­schen Schwes­tern wer­den des­halb nicht den Ni­kab ab­le­gen“, sagt sie. Ni­kab ist ara­bisch und meint Ge­sichts­schlei­er.

„In frei­en Ge­sell­schaf­ten muss es mög­lich sein, sei­nem Ge­gen­über ins Ge­sicht zu bli­cken“

Tho­mas Volk

Is­lam­wis­sen­schaft­ler

In ih­rer neu­en Schul­ord­nung hat­te die Düs­sel­dor­fer Grund­schu­le Ni­kab und Bur­ka un­ter­sagt. Wer sein Kind ab­ho­len oder mit Leh­rern spre­chen will, muss mit un­ver­schlei­er­tem Ge­sicht er­schei­nen. Das Schlei­er­ver­bot wur­de auch mit der Angst der Kin­der vor Per­so­nen in Ganz­kör­per­schlei­er be­grün­det. Doch wer hat tat­säch­lich Angst? „Das sind doch nur die El­tern“, meint Ay­sche. An­de­re mus­li­mi­sche El­tern äu­ßern Ver­ständ­nis: „Kopf­tuch? Kein The­ma. Schlei­er? Kein The­ma. Aber im Ge­sicht? Ich muss wis­sen, wer kommt, wer geht“, sagt der 42-jäh­ri­ge Va­ter Na­veed Am­jad, ein Pa­kis­ta­ner und Mus­lim, der den Kurs der Schu­le un­ter­stützt. „Man weiß nicht: Steckt ein Mann oder ei­ne Frau un­ter dem Schlei­er? Da muss man doch Angst ha­ben.“

Auch der El­tern­ver­ein NRW stellt sich hin­ter die Ent­schei­dung der Düs­sel­dor­fer Grund­schu­le. Die Vor­sit­zen­de Re­gi­ne Schwarz­hoff er­klärt: „Ich hal­te Bur­kas an Schu­len für ab- so­lut un­zu­träg­lich. In un­se­rem Kul­tur­kreis wird da­durch die Kom­mu­ni­ka­ti­on so­wie ei­ne ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit be­ein­träch­tigt – so­gar der Schul­frie­den kann auf die­se Wei­se ge­stört wer­den“, sagt Schwarz­hoff.

El­tern­ver­tre­ter und Ge­werk­schaf­ten for­dern ei­ne lan­des­ein­heit­li­che Re­ge­lung. Das Schul­mi­nis­te­ri­um hält an der be­ste­hen­den Pra­xis fest: Nach ei­nem Be­schluss der Schul­kon­fe­renz kön­nen Grund- und wei­ter­füh­ren­de Schu­len in ih­re Schul­ord­nun­gen ein Ver­bot auf­neh­men. „Das müs­sen die Schu­len ei­gen­ver­ant­wort­lich klä­ren, denn die Fäl­le sind sehr un­ter­schied­lich und nur der Dis­kurs vor Ort hilft“, sagt die Spre­che­rin des Schul­mi­nis­te­ri­ums, Bar­ba­ra Lö­cher­bach. An­ders sieht das bei ver­hüll­ten Schü­le­rin­nen aus: „Das ist ge­ne­rell nicht er­laubt, denn ein Ge­sichts­schlei­er wi­der­spricht dem Prin­zip der of­fe­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on“, sagt Lö­cher­bach.

Wie vie­le Frau­en in Deutsch­land Bur­ka tra­gen, ist nicht be­kannt. Der Is­lam­wis­sen­schaft­ler Tho­mas Volk von der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung schätzt, dass die Zahl im nied­ri­gen drei­stel­li­gen Be­reich liegt. Der Voll- schlei­er wer­de von Frau­en mit ei­nem stren­gen, or­tho­do­xen Is­lam-Ver­ständ­nis ab dem Ein­tritt in die Pu­ber­tät ge­tra­gen. Volk un­ter­stützt ein Ver­bot im schu­li­schen Be­reich. „In frei­en und de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaf­ten muss es mög­lich sein, sei­nem Ge­gen­über ins Ge­sicht zu bli­cken.“

Laut Ex­per­ten ist die Re­ge­lung für Schu­len nicht eins zu eins auf Hoch­schu­len zu über­tra­gen. Be­su­che­rin­nen mit Voll­schlei­er kön­nen Ju­ris­ten zu­fol­ge nicht ein­fach vom Ge­län­de ver­bannt wer­den. Das öf­fent­li­che Haus­recht be­sagt, dass ei­ne Hoch­schu­le ei­ne Per­son nur des Hau­ses ver­wei­sen kann, wenn ei­ne Ge­fahr oder Stö­rung von die­ser aus­geht, sie den Un­ter­richt stört oder Sa­chen be­schä­digt. Das Tra­gen ei­ner Bur­ka ist wohl nicht als Stö­rung zu wer­ten.

Bei Stu­die­ren­den hat die Hoch­schu­le eher ei­ne Hand­ha­be, das zeigt ein Fall an der Uni­ver­si­tät Gie­ßen. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te die Uni er­klärt, dass ei­ne Lehr­amts­stu­den­tin mit Ganz­kör­per­schlei­er nicht an Hoch­schul­ver­an­stal­tun­gen teil­neh­men darf. Die Hoch­schu­le be­grün­de­te das da­mit, dass ein aka­de­mi- scher Dis­kurs durch die Ver­schleie­rung nicht mög­lich sei, weil Mi­mik und Ges­tik als wich­ti­ge Aspek­te der Kom­mu­ni­ka­ti­on feh­len wür­den.

Ein­deu­ti­ger sieht das in der Ar­beits­welt aus: „Der Ar­beit­ge­ber darf grund­sätz­lich Klei­der­vor­schrif­ten ma­chen“, sagt der Ar­beits­rechts­pro­fes­sor Ja­cob Jous­sen von der Ruhr­Uni­ver­si­tät Bochum, „das ist durch das ihm zu­ste­hen­de Di­rek­ti­ons­recht ab­ge­deckt.“Die An­wei­sun­gen müss­ten aber im Rah­men des „bil­li­gen Er- mes­sens“er­fol­gen. „Ver­ein­facht aus­ge­drückt heißt das, die Vor­schrift muss ge­recht und an­ge­mes­sen sein.“

Im Fal­le der Bur­ka oder des Nikabs hät­te man zwei Rech­te, die mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren: das Di­rek­ti­ons­recht des Ar­beit­ge­bers und die re­li­giö­se Aus­le­bung des Ar­beit­neh­mers. „Wür­de ein sol­cher Fall vor Ge­richt lan­den, wür­den sich die Rich­ter un­ter an­de­rem an­schau­en, ob der Ar­beit­neh­mer in ei­nem Ge­schäfts­feld mit Pu­bli­kums­ver­kehr ein­ge­setzt wird.“Ei­ner Putz­frau, die nachts ar­bei­te, wenn al­le an­de­ren nicht mehr im Hau­se sei­en, kön­ne man das Tra­gen des Schlei­ers schwer­lich ver­bie­ten.

An­ders, wenn die Frau in ei­nem Bü­ro mit Pu­bli­kum ein­ge­setzt wer­de. In Frank­furt hat­te ein Ein­woh­ner­mel­de­amt ei­ner Mit­ar­bei­te­rin das Tra­gen un­ter­sagt und ar­gu­men­tiert, dass für die Stel­le Au­gen­kon­takt nö­tig und die Ver­schleie­rung nicht mit der Wer­te­ord­nung ver­ein­bar sei. Die Be­hör­de be­kam Recht. Jous­sen: „Bei Glau­bens­fra­gen wer­den die Ein­schrän­kungs­mög­lich­kei­ten für den Ar­beit­ge­ber im­mer sehr eng, aber der Glau­be ge­winnt nicht im­mer.“

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