Wenn An­ge­la Mer­kel schei­tert . . .

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ

. . . kom­men meh­re­re Spit­zen­po­li­ti­ker für die Kanz­ler­schaft in Fra­ge. Ei­ni­ge dürf­ten aber le­dig­lich Über­gangs­kan­di­da­ten sein.

BERLIN Noch vor ei­nem hal­ben Jahr – es ka­men be­reits vie­le Hun­dert Flücht­lin­ge täg­lich – stand An­ge­la Mer­kel un­an­ge­foch­ten an der Spit­ze von Re­gie­rung und Be­liebt­heit. Die Wie­der­wahl 2017 schien ein Selbst­läu­fer zu sein. Doch jetzt schmilzt ihr An­se­hen von Wo­che zu Wo­che, wer­den vor al­lem Uni­ons­ab­ge­ord­ne­te im­mer ner­vö­ser und tra­gen wach­sen­de Kri­tik aus ih­ren Wahl­krei­sen in die emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Frak­ti­ons­sit­zun­gen.

Kann Mer­kel die Flücht­lings­dy­na­mik nicht stop­pen, droht auch die Dy­na­mik der Zwei­fel an ih­rer Kanz­ler­schaft au­ßer Kon­trol­le zu ge­ra­ten. Wenn in ei­nem hal­ben Jahr die Flücht­lings­wel­le er­neut an­steigt, die Uni­on in den Land­tags­wah­len mas­siv ver­liert, die Ge­walt es­ka­liert und die AfD zwei­stel­lig in die Par­la­men­te ein­zieht, wer­den die Fra­gen nach per­so­nel­len Al­ter­na­ti­ven ak­tu­ell wer­den.

Auf der Lis­te mög­li­cher Nach­fol­ger der 61-jäh­ri­gen Kanz­le­rin steht Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (73) auf Platz eins. Nicht nur, weil er mo­men­tan der be­lieb­tes­te Po­li­ti­ker ist. Er hat es zu­dem ver­stan­den, so­wohl als loya­ler und ver­läss­li­cher Ver­trau­ter der Kanz­le­rin zu agie­ren als auch hin­rei­chend deut­lich zu ma­chen, dass er an­ders könn­te, wenn man ihn lie­ße. Et­wa beim Gr­ex­it, dem Aus­stieg Grie­chen­lands aus dem Eu­ro. Und jetzt auch wie­der beim Ein­for­dern von mehr Au­gen­maß im Um­gang mit Flücht­lin­gen.

Als ab­so­lu­ter An­ti­po­de zur CDUVor­sit­zen­den in­sze­niert sich seit An­fang Sep­tem­ber CSU-Chef Horst See­ho­fer (66). Wer nach dem Schei- Die Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi

nis­te­rin brennt vor Ehr­geiz und gilt als durch­set­zungs­stark. Die Af­fä­ren um ih­re Dok­tor­ar­beit und nicht ziel­si­che­re Ge­weh­re na­gen an ih­rer Po­pu

la­ri­tät. Zu­gleich hat sie in der Uni­on nicht

ge­nü­gend Rück­halt.

Die saar­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin

gilt als Ge­heim­tipp für die Mer­kel-Nach­fol­ge. Klug, prä­zi­se, ziel­ori­en­tiert.

Die zier­li­che Per­son ist ei­ne ganz star­ke Frau. Al­ler­dings fehlt ihr ei­ne aus­rei­chen­de Haus­macht. tern Mer­kels ei­ne Al­ter­na­ti­ve braucht, kommt an ihm kaum vor­bei. Zwei­mal ha­ben die Christ­so­zia­len ver­geb­lich auf die Kanz­ler­schaft ge­hofft. Sie wä­ren mal dran. Auch wenn See­ho­fer nach 2017 ei­gent­lich aus der Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung in Bay­ern aus­schei­den woll­te, so hat er doch schon an­ge­deu­tet, sich zur Not auch noch ein­mal in die Pflicht neh­men zu las­sen.

Mer­kel selbst hat ho­hes Zu­trau­en in die saar­län­di­sche Re­gie­rungs­che­fin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er (53), die mehr als ein­mal Mut be­wies, et­wa beim Wech­sel von der Ko­ali­ti­on mit Grü­nen und FDP zur gro­ßen Ko­ali­ti­on. Die Kanz­le­rin gab auch ei­ner an­de­ren am­bi­tio­nier­ten Po­li­ti­ke­rin die Chan­ce, sich für das höchs­te Re­gie­rungs­amt zu qua­li­fi­zie­ren: Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur- Der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter steht loy­al zur Kanz­le­rin. Im Fal­le ei­nes Stur­zes dürf­te er ers­te Wahl der Uni­ons­ab­ge­ord­ne­ten sein. Er ist zur­zeit der be­lieb­tes­te und er­fah­rens­te Po­li­ti­ker Deutsch­lands. Die Kanz­le­rin setzt für die Lö­sung der Flücht­lings­kri­se be­wusst ihr Amt aufs Spiel. Zäu­ne und Ab­schot­tung wird es nicht mit ihr

ge­ben. Sie sucht fie­ber­haft nach an­de­ren Lö­sun­gen. su­la von der Ley­en (57). Die hat es sich zwar mit der Frak­ti­on ver­scherzt, kann aber in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen te­le­gen die Men­schen über­zeu­gen. Für ei­nen Neu­an­fang in Kri­sen­zei­ten nicht die schlech­tes­te Qua­li­fi­ka­ti­on. Per­spek­ti­visch wird zu­dem Ju­lia Klöck­ner (42) ge­han­delt. Sie müss­te da­für je­doch zu­nächst ein­mal Rhein­land-Pfalz ge­win­nen. Und wenn sie das nächs­ten Der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent ist der­zeit der größ­te Kri­ti­ker der Kanz­le­rin. Er will die Flücht­lings­kri­se mit Ober­gren­zen und stren­gen Kon­trol­len lö­sen. Er wä­re da­mit die lo­gi­sche Al­ter­na­ti­ve zu Mer­kel. Er hat aber auch in sei­ner CSU Geg­ner. Die rhein­land-pfäl­zi­sche Spit­zen­kan­di­da­tin für die CDU wirkt sym­pa­thisch, frisch und volks­nah. Sie muss aber erst ei­ne Land­tags­wahl ge­win­nen, be­vor sie für hö­he­re Äm­ter ge­han­delt wird. März schaf­fen soll­te, kä­me die­ser Er­folg auch Mer­kel zu­gu­te – und die Kanz­le­rin wä­re im Amt sta­bi­li­siert.

An­de­rer­seits hät­te die ak­tu­el­le Mer­kel-Ko­ali­ti­on oh­ne Mer­kel ihr Fun­da­ment ver­lo­ren. SPD-Chef Sig­mar Ga­b­ri­el (56) wür­de in dem Fall auch Al­ter­na­ti­ven er­wä­gen. Er könn­te selbst Bun­des­kanz­ler wer­den, wenn sich SPD, Grü­ne und Lin­ke da­zu ent­schlös­sen, und zwar un- ab­hän­gig da­von, ob es erst zä­he ro­trot-grü­ne Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen gä­be oder die Lin­ken ein rot-grü­nes Über­gangs­bünd­nis le­dig­lich to­le­rier­ten.

Für Mer­kel selbst kä­me, so wird von in­ter­es­sier­ten Krei­sen in Berlin kol­por­tiert, auch der Pos­ten des Ge­ne­ral­se­kre­tärs der Ver­ein­ten Na­tio­nen in Be­tracht. Der Job wird 2016 va­kant, und wenn die Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se ei­ne glo­ba­le Auf­ga­be ist, könn­te man ar­gu­men­tie­ren, dass dies ei­ne Per­sön­lich­keit vom Ge­wicht Mer­kels er­for­de­re. Doch die Kanz­le­rin strebt die­ses Amt nicht an.

Frei­lich sind die­se Spe­ku­la­tio­nen vor al­lem Re­ser­ve-Sze­na­ri­en. Rea­lis­ti­scher ist, dass sich beim CSUPar­tei­tag im No­vem­ber, beim CDUPar­tei­tag im De­zem­ber und in den Wahl­kämp­fen bis März die Rei­hen schlie­ßen, und zwar hin­ter Mer­kel.

FO­TOS: CHAPERON, DPA (5) | GRAFIK: WE­BER

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