DREY­ER (SPD) „Die Be­schimp­fun­gen ha­ben mas­siv zu­ge­nom­men“

Rheinische Post Goch - - POLITIK - JAN DREBES, RE­NA LEH­MANN, BIR­GIT MARSCHALL, GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK FÜHR­TEN DAS IN­TER­VIEW. DAS VOLL­STÄN­DI­GE GE­SPRÄCH KÖN­NEN SIE UN­TER WWW.RP-ON­LI­NE.DE LE­SEN.

Die rhein­land-pfäl­zi­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin über den rau­en Ton in der Flücht­lings­de­bat­te und ei­nen Pakt für In­te­gra­ti­on.

BERLIN Die SPD-Po­li­ti­ke­rin Ma­lu Drey­er ist die ers­te Frau an der Spit­ze von Rhein­land-Pfalz. Sie emp­fin­det das po­li­ti­sche Kli­ma im Land als so an­ge­spannt wie lan­ge nicht. Frau Drey­er, den­ken Sie seit dem At­ten­tat auf die neue Köl­ner Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Re­ker an­ders über Ih­re Auf­trit­te nach? DREY­ER Vie­le Po­li­ti­ker, ge­ra­de sol­che in Spit­zen­äm­tern, wer­den mir zu­stim­men, dass die Zahl der EMails mit Ge­walt­an­dro­hun­gen und Be­schimp­fun­gen in jüngs­ter Zeit mas­siv zu­ge­nom­men hat. Aber über öf­fent­li­che Auf­trit­te den­ke ich we­der des­we­gen noch we­gen des schreck­li­chen und ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen At­ten­tats auf Frau Re­ker an­ders nach. Wel­che Stim­mung schlägt Ih­nen im Wahl­kampf ent­ge­gen? DREY­ER Die meis­ten Men­schen, de­nen ich be­geg­ne, wol­len an­pa­cken, hel­fen und sind of­fen für Flücht­lin­ge. Ich bin nicht im Wahl­kampf­mo­dus. Das Ma­na­gen die­ser Auf­ga­be braucht viel Zu­wen­dung. Mich be­schäf­tigt aber, dass sich mehr Men­schen auch bei grö­ße­ren Bür­ger­ver­samm­lun­gen in ei­ner un­ver­hoh­len rechts­ra­di­ka­len Art äu­ßern, die ich vor ei­ni­gen Mo­na­ten noch nicht für mög­lich ge­hal­ten hät­te. Wie lan­ge kön­nen denn die Län­der dem Zu­zug von 5000 bis 10.000 Flücht­lin­gen pro Tag stand­hal­ten? DREY­ER Die Län­der ha­ben kei­nen Ein­fluss auf den Zustrom. Klar ist, dass wir al­le ex­trem ge­for­dert sind, bis ans Li­mit – die Län­der und un­se­re Kom­mu­nen. Für mich ist auch klar, dass die Zahl der Flücht­lin­ge, die nach Deutsch­land kom­men, klei­ner wer­den muss. Hier brau­chen wir Lö­sun­gen auf eu­ro­päi­scher und in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne. Al­so kei­ne Tran­sit­zo­nen an den deut­schen Lan­des­gren­zen ein­rich­ten... DREY­ER Das schon gar nicht. Sol­che Qua­si-Haft­an­stal­ten sind nicht um­setz­bar und wür­den nichts brin­gen. Al­so war­um wei­ter dar­über re­den? Tei­len Sie denn die Auf­fas­sung der Kanz­le­rin, das sei al­les zu schaf­fen? DREY­ER Es ist ja nicht nur ei­ne Auf­fas­sung, son­dern viel­mehr ei­ne Hal­tung. Und ich ver­tei­di­ge die­se Hal­tung als rich­tig. Ist in Deutsch­land die schwar­ze Null, al­so der Bun­des­haus­halt oh­ne Neu­ver­schul­dung in Ge­fahr? DREY­ER Es steht mir als Mi­nis­ter­prä­si­den­tin nicht zu, über den Bun­des­haus­halt zu spe­ku­lie­ren. Ich neh­me nur wahr, dass der Fi­nanz­mi­nis­ter sagt, es sei ge­nug Geld da. Dann will ich das auch glau­ben. Trotz­dem wird die Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se noch viel mehr Geld kos­ten, oder? DREY­ER In der Tat: Hier ha­ben wir ei­ne ge­wal­ti­ge Auf­ga­be zu stem­men. Wir brau­chen ei­nen fi­nan­zi­ell gut aus­ge­stat­te­ten Pakt für die In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen zwi­schen Bund, Län­dern und Kom­mu­nen. Es geht hier auch um die Gestal­tung un­se­res Ge­mein­we­sens und um ein fried­li­ches und so­zia­les Mit­ein­an­der al­ler Bür­ger – von neu­en und al­ten. Wie soll der Pakt kon­kret aus­se­hen? DREY­ER Wir brau­chen ei­nen Pakt, der Sprach­kur­se für wirk­lich al­le Flücht­lin­ge ga­ran­tiert und die In­te­gra­ti­on von Kin­dern und Ju­gend­li­chen in den Schu­len si­chert. Der An­fang ist be­reits ge­macht, in­dem die Bun­des­län­der zum Bei­spiel Hun­der­te neue Leh­rer ein­stel­len. Au­ßer­dem er­hö­hen wir das An­ge­bot der Sprach­kur­se. Aber wenn wir die In­te­gra­ti­on wirk­lich gut ma­chen wol­len, brau­chen wir viel mehr Prag­ma­tis­mus zwi­schen Bund und Län­dern. Dann muss zum Bei­spiel das Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot im Bil­dungs­be­reich zwi­schen Bund und Län­dern ge­lo­ckert wer­den.

FOTO: DPA

Die rhein­land-pfäl­zi­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­lu Drey­er (54)

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