Lasst Mil­de wal­ten!

Rheinische Post Goch - - POLITIK - Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rer Au­to­rin: kolumne@rhei­ni­sche-post.de

Wir le­ben in ei­ner Kul­tur des Ur­tei­lens. Das hat vie­le Vor­tei­le, denn Ur­teils­kraft ist ei­ne Vor­aus­set­zung für ein mün­di­ges Le­ben. Dar­um ist die Er­zie­hung zu kri­ti­schem Den­ken so wich­tig. Das kos­tet Ner­ven. Es kann auch ko­mi­sche For­men an­neh­men, wenn El­tern mei­nen, selbst die ba­nals­ten Klei­nig­kei­ten vor ih­ren Spröss­lin­gen ar­gu­men­ta­tiv er­ör­tern zu müs­sen, statt ein­fach mal ei­ne An­sa­ge zu ma­chen.

Im Grun­de aber ist es ein ho­hes Gut, sei­nen kri­ti­schen Geist nut­zen zu dür­fen, sei­ne Mei­nung ver­tre­ten und an­de­ren ei­ne ab­wei­chen­de zu­ge­ste­hen zu kön­nen. Das ist die Grund­la­ge un­se­res Mit­ein­an­ders.

Al­ler­dings ist das kri­ti­sche Den­ken so sehr Be­stand­teil un­se­rer Wahr­neh­mung von Welt, dass es vie­len Men­schen schwer­fällt, da­von ein­mal ab­zu­las­sen. So sehr sind sie ge­wöhnt, al­les zu be­ur­tei­len und stän­dig be­ur­teilt zu wer­den, dass sie ver­ges­sen ha­ben, was Mil­de ist.

In west­li­chen Ge­sell­schaf­ten ist kri­ti­sches Den­ken ge­fragt. Men­schen ur­tei­len stän­dig und schnell. Da­bei kann es von Vor­teil sein, die Be­wer­tungs­ma­schi­ne auch mal aus­zu­stel­len.

Mil­de be­deu­tet kei­nes­wegs, den kri­ti­schen Geist ab­zu­schal­ten. Mil­de Men­schen sind nicht un­kri­tisch. Sie wis­sen nur, dass sie sich auch täu­schen kön­nen. Und dass sie ei­ge­ne Feh­ler ha­ben. Und dass man dar­um et­was, das man bei an­de­ren als falsch er­kannt hat, auch ein­fach mal ste­hen las­sen kann. Weil Ein­sicht bes­ser ist als Be­leh­rung.

Der ernst­haf­te Mil­de geht aber noch wei­ter. Er nimmt sich nicht nur zu­rück, wenn es um Ur­tei­le geht. Er kann auch wahr­neh­men, oh­ne gleich zu be­wer­ten, er kann Din­ge wir­ken las­sen. Das be­deu­tet auch, Nä­he zu­zu­las­sen. Denn oft dient das be­stän­di­ge Ur­tei­len ei­gent­lich da­zu, sich an­de­re vom Leib zu hal­ten, die ei­nem an­ders­ar­tig, fremd, su­spekt er­schei­nen.

So kann stän­di­ges Ur­tei­len ein Pro­blem wer­den. Statt im­mer gleich zu be­wer­ten, was der an­de­re tut und denkt, ist es heil­sam, sich erst der Wir­kung be­wusst zu wer­den. Dann kann die Re­ak­ti­on auf et­was Uner­war­te­tes auch Neu­gier­de sein oder Er­hei­te­rung. Ur­tei­len macht das Herz eng und legt die Stirn in Fal­ten. Mil­de ist ei­ne Form von Frei­heit.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.