Zwei De­s­po­ten, ei­ne Mei­nung

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON KLAUS-HEL­GE DO­NATH UND THO­MAS SEIBERT

Bei ei­nem über­ra­schen­den Tref­fen im Kreml prä­sen­tie­ren sich Wla­di­mir Pu­tin und Ba­schar al As­sad als Waf­fen­brü­der.

MOS­KAU Für Wla­di­mir Pu­tin ist es schon zur Ge­wohn­heit ge­wor­den. Der Kreml-Chef liebt es, al­le Welt zu über­ra­schen. Ges­tern ge­lang ihm dies mit der Blitz­vi­si­te des sy­ri­schen Prä­si­den­ten Ba­schar al As­sad in Mos­kau. Schon am Di­ens­tag­abend muss der Sy­rer an­ge­reist sein. Als der Kreml dies dann ges­tern Mor­gen kund­tat, soll As­sad schon wie­der zu­rück in Da­mas­kus ge­we­sen sein. Der rus­si­sche Nach­rich­ten­sen­der Ros­si­ja 24 zeig­te zehn Mi­nu­ten des „Ar­beits­tref­fens“. Zwar zeig­ten Fo­tos ei­ne be­tont freund­li­che Be­grü­ßung, auf spä­te­ren Auf­nah­men lässt aber Pu­tin nicht den Anflug ei­nes Lä­chelns er­ken­nen, als er die Grün­de des rus­si­schen Ein­grei­fens in Sy­ri­en noch ein­mal dar­leg­te. Gleich zu An­fang mach­te er au­ßer­dem klar, dass es der Kreml war, der As­sad kurz­fris­tig nach Mos­kau ein­ge­la­den hat­te. „Ein­be­stellt“wä­re wohl tref­fen­der.

Der Mos­kau-Be­such des sy­ri­schen Prä­si­den­ten ist Aus­druck der dank der rus­si­schen Mi­li­tär­hil­fe ge­wach­se­nen Zu­ver­sicht der sy­ri­schen Re­gie­rung: Seit 2011 hat­te As­sad kei­nen Aus­lands­be­such mehr ris­kiert. Mit der Vi­si­te de­mons­trier­te er auch sei­nen An­spruch auf ei­ne Rol­le bei Ver­hand­lun­gen über die Zu­kunft Sy­ri­ens. Zu­dem zeig­te der Be­such, dass Russ­land wohl zu­nächst an As­sad fest­hal­ten will.

Vor dem Be­ginn der rus­si­schen Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on En­de Sep­tem­ber wa­ren As­sads Trup­pen in die De­fen­si­ve ge­ra­ten. In­zwi­schen ver­zeich­nen sie auf­grund der rus­si- schen Luft­an­grif­fe auf die Po­si­tio­nen di­ver­ser Re­bel­len­grup­pen wie­der Ge­län­de­ge­win­ne. Auch im Sü­den und im Os­ten der nord­sy­ri­schen Wirt­schafts­me­tro­po­le Alep­po bom­bar­dier­ten rus­si­sche Jets in den ver­gan­ge­nen Ta­gen die Stel­lun­gen der Re­bel­len so­wie der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat.

Nach tür­ki­schen Pres­se­mel­dun­gen ha­ben sich be­reits 50.000 Men­schen aus der um­kämpf­ten Ge­gend auf den Weg Rich­tung Tür­kei ge­macht, de­ren Gren­ze rund 50 Ki­lo­me­ter nörd­lich von Alep­po ver­läuft – wei­te­re 300.000 könn­ten bald fol­gen. Vor dem Krieg war Alep­po das wirt­schaft­li­che Zen­trum Sy­ri­ens und die größ­te Stadt des Lan­des mit mehr als zwei Mil­lio­nen Ein­woh­nern. Ei­ne neue Flucht­wel­le in die Tür­kei könn­te die Wan­de­rungs­be­we­gung der Sy­rer in Rich­tung Eu­ro­pa wei­ter ver­stär­ken.

Die Flücht­lings­kri­se lässt die tür­ki­sche Re­gie­rung über neue We­ge zu ei­ner Lö­sung des Sy­ri­en-Kon­flikts nach­den­ken. Meh­re­re Me­di­en zi­tier­ten hoch­ran­gi­ge tür­ki­sche Re­gie­rungs­ver­tre­ter mit den Wor­ten, An­ka­ra sei nun be­reit, ei­nen Macht­ver­bleib von As­sad für ei­ne sechs­mo­na­ti­ge Über­gangs­zeit zu ak­zep­tie­ren. Die USA wol­len den Vor­schlag dem­nach mit Russ­land dis­ku­tie­ren. Der tür­ki­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Ah­met Da­vu­tog­lu sag­te da­zu, die Re­ge­lung müs­se si­cher­stel­len, dass As­sad am En­de aus dem Amt schei­de.

Im Ge­spräch mit Pu­tin be­dank­te sich As­sad für die rus­si­sche In­ter­ven­ti­on, die ei­nen wei­te­ren Vor­marsch der als „Ter­ro­ris­ten“be­zeich­ne­ten Fein­de ge­stoppt ha­be. Der Kampf müs­se wei­ter­ge­hen und sei die Vor­aus­set­zung für ei­ne po­li­ti­sche Lö­sung des Kon­flikts. Pu­tin be­ton­te, Russ­land wol­le über das mi­li­tä­ri­sche En­ga­ge­ment hin­aus auch den „po­li­ti­schen Pro­zess“in Sy­ri­en un­ter­stüt­zen, „im Ein­klang mit den an­de­ren Groß­mäch­ten“.

Nie­mand weiß, ob im Kreml Rück­zugs­sze­na­ri­en für As­sad ent­wor­fen wur­den, die Mos­kau auf län­ge­re Sicht die jüngst er­ziel­ten tak­ti­schen Vor­tei­le in der Re­gi­on si­chern könn­ten. Ein Exil für As­sad hält der Po­li­to­lo­ge Behlük Özkan von der Istan­bu­ler Mar­ma­ra-Uni­ver­si­tät je­den­falls für Wunsch­den­ken. Selbst als es 2013 und 2014 schon sehr schlecht stand um das As­sad-Re­gime, sei der Prä­si­dent nicht ge­wi­chen – „war­um soll­te er jetzt ge­hen?“

Wie auch im­mer – Mos­kau ist dar­auf an­ge­wie­sen, dass die herr­schen­de Eli­te Sy­ri­ens auch in ei­ner neu­en Re­gie­rungs­kon­stel­la­ti­on ton­an­ge­bend bleibt. An­sons­ten wird Russ­land nicht nur Mi­li­tär­ba­sen ver­lie­ren – auch die sun­ni­ti­sche Mehr­heit in der Re­gi­on dürf­te sich ge­gen ei­nen Ver­bleib der Rus­sen weh­ren. Nur ein mi­li­tä­ri­scher Sieg könn­te die­se Ent­wick­lung ab­wen­den. Der ist je­doch – wenn über­haupt – nur mit Bo­den­trup­pen zu er­rin­gen, vor de­ren Ein­satz der Kreml aber nach den Er­fah­run­gen im Af­gha­nis­tan-Krieg bis­lang zu­rück­zuckt. Hät­ten Russ­lands Mi­li­tärs al­lei­ne zu ent­schei­den, wä­re die Infanterie trotz­dem schon längst aus­ge­rückt, mei­nen Be­ob­ach­ter in Mos­kau. Der Druck auf den Kreml sei­tens der Ar­mee soll wach­sen. Russ­lands Füh­rung scheint je­doch kei­ne kla­re Stra­te­gie zu ver­fol­gen.

FOTO: DPA

Be­such beim Schutz­herrn: Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin (63) be­grüßt den sy­ri­schen Macht­ha­ber Ba­schar al As­sad (50) im Kreml be­tont freund­lich.

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