Steu­er­de­als mit Star­bucks und Fi­at il­le­gal

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON CHRIS­TO­PHER ZIEDLER

Vie­le Län­der zei­gen sich bei der Be­steue­rung nach­sich­tig, wenn so gro­ße Un­ter­neh­men ins Land ge­lockt wer­den. Die Nie­der­lan­de und Lu­xem­burg sind laut EU-Kom­mis­si­on je­doch zu weit ge­gan­gen. Sie sol­len nun Steu­ern nach­for­dern.

BRÜS­SEL Es ist ei­ne Pre­mie­re im Kampf für mehr Steu­er­ge­rech­tig­keit: Erst­mals hat die EU-Kom­mis­si­on Steu­er­de­als zwi­schen Mit­glieds­staa­ten und mul­ti­na­tio­na­len Un­ter­neh­men für un­zu­läs­sig er­klärt. Toch­ter­fir­men des US-Kaf­fee­rös­ters Star­bucks in den Nie­der­lan­den und des ita­lie­ni­schen Au­to­bau­ers Fi­at in Lu­xem­burg ha­ben über so­ge­nann­te „tax ru­lings“jah­re­lang ei­ne Vor­zugs­be­hand­lung er­fah­ren. „Die Steu­er­vor­be­schei­de ste­hen nicht im Ein­klang mit EU-Wett­be­werbs­recht, wenn sie die Ab­ga­ben­last der Un­ter­neh­men künst­lich sen­ken“, sag­te die zu­stän­di­ge Kom­mis­sa­rin Marg­re­the Ves­ta­ger, „sie sind il­le­gal.“

Bei­de Un­ter­neh­men müs­sen nun je­weils 20 bis 30 Mil­lio­nen Eu­ro an Steu­ern nach­zah­len – Star­bucks für die Zeit zwi­schen 2008 und 2014, Fi­at für die ver­gan­ge­nen drei Jah­re. Die Nie­der­lan­de und Lu­xem­burg, die nun die Steu­er­er­klä­run­gen bei­der Kon­zer­ne mit den Vor­ga­ben der EU-Kom­mis­si­on neu be­rech­nen müs­sen, kri­ti­sier­ten die Ent­schei­dung: Man ha­be sie „ei­ni­ger­ma­ßen über­rascht“zur Kennt­nis ge­nom­men, hieß es in ei­ner Er­klä­rung der Haa­ger Re­gie­rung, die „die Kri­tik­punk­te der Kom­mis­si­on vor wei­te­ren Schrit­ten ge­nau prü­fen wird“. Lu­xem­burgs Fi­nanz­mi­nis­ter Pier­re Gra­megna teil­te mit, das Groß­her­zog­tum be­hal­te sich recht­li­che Schrit­te vor. Wett­be­werb­s­ent­schei­dun­gen kön­nen vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof an­ge­foch­ten wer­den.

Im Fall von Star­bucks be­an­stan­det die EU-Kom­mis­si­on vor al­lem zwei Aspek­te: Das Toch­ter­un­ter­neh­men Star­bucks Ma­nu­fac­tu­ring mit Sitz in Amsterdam, die ein­zi­ge Rös­te­rei des Kon­zerns in Eu­ro­pa, zahl­te ho­he Li­zenz­ge­büh­ren für das Star­bucks-Röst­ge­heim­nis an ein wei­te­res Toch­ter­un­ter­neh­men na­mens Al­ki in Groß­bri­tan­ni­en. Im Ge­gen­satz da­zu er­hiel­ten unabhängige Rös­te­rei­en, die im Auf­trag von Star­bucks ar­bei­ten, das „Ge­heim­re- zept“oh­ne Be­zah­lung. „Es gibt al­so ei­nen Markt­preis, der hier hät­te zur An­wen­dung kom­men müs­sen, näm­lich null“, hieß es. Da­ge­gen va­ri­ier­ten die kon­zern­in­ter­nen Li­zenz-Zah­lun­gen mit dem Se­gen der Fi­nanz­be­hör­den von Jahr zu Jahr stark, so dass in den Nie­der­lan­den stets ein nur sehr ge­rin­ger zu ver­steu­ern­der Ge­winn ver­blieb.

Ves­ta­ger zu­fol­ge hat die Star­bucks-Toch­ter im ver­gan­ge­nen Jahr nur 600.000 Eu­ro Steu­ern ge­zahlt – bei ei­nem Um­satz von rund 350 Mil­lio­nen Eu­ro. Der Fi­nanz­dienst­leis­ter Fi­at Fi­nan­ce and Tra­de über­wies bei ei­nem Um­satz von et­wa 830 Mil­lio­nen Eu­ro nur un­ge­fähr 400.000 Eu­ro an den Lu­xem­bur­ger Fis­kus – und ver­schaff­te dem Kon­zern so ex­trem güns­ti­ge Fi­nan­zie­rungs­kon­di­tio­nen. „Auch wenn das kei­ne spek­ta­ku­lä­ren Sum­men sind“, sag­te die Kom­mis­sa­rin zur Rück­zah­lungs­for­de­rung, „so ist es doch viel mehr als bis­her.“Ih­re Be­hör­de wies zu­dem dar­auf hin, dass ih­re Ex­per­ten sich nur klei­ne Aus- schnit­te gro­ßer Kon­zer­ne an­ge­schaut hät­ten.

Ves­ta­ger er­hofft sich von den ers­ten Ent­schei­dun­gen die­ser Art – Er­mitt­lun­gen ge­gen App­le in Ir­land, Ama­zon in Lu­xem­burg so­wie Fir­men in wei­te­ren EU-Staa­ten lau­fen noch – Si­gnal­wir­kung. „Al­le Fir­men, ob groß oder klein, müs­sen ei­nen fai­ren Steu­er­an­teil zah­len“, sag­te die Dä­nin, „ich hof­fe, dass die­se Bot­schaft von den Re­gie­run­gen wie von den Un­ter­neh­men selbst ge­hört wird.“

So sol­len die ers­ten Ent­schei­dun­gen als Prä­ze­denz­fall da­für die­nen, dass et­wa der Wert geis­ti­gen Ei­gen­tums wie des Kaf­fee­re­zepts nicht will­kür­lich be­zif­fert wer­den darf. Ves­ta­ger kün­dig­te zu­dem an, Leit­li­ni­en da­zu zu ver­öf­fent­li­chen, wel­che Steu­er­vor­be­schei­de zu­läs­sig sind und wel­che nicht. Zu­gleich warb sie für neue Ge­set­ze wie die ein­heit­li­che Kör­per­schafts­steu­er­ba­sis in Eu­ro­pa, auf die sich die Mit­glied­staa­ten bis­her nicht ei­ni­gen konn­ten.

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