Die pin­nen, die Rö­mer!

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

Heu­te er­scheint auch in Deutsch­land der neue As­te­rix. „Der Pa­py­rus des Cä­sar“han­delt von rö­mi­scher Ge­schichts­fäl­schung. Bis ei­ne Art Ju­li­an Ass­an­ge in der Fi­gur des Po­le­mix sei­nen Auf­tritt hat . . .

GAL­LI­EN Wer et­was ge­gen Ge­walt­ex­zes­se (ins­be­son­de­re ge­gen Sü­d­eu­ro­pä­er und Mu­si­ker), hem­mungs­lo­sen Dro­gen­kon­sum (zur Leis­tungs­stei­ge­rung) so­wie un­ge­sun­de Er­näh­rung (fleisch- und al­ko­hol­las­tig) hat, soll­te ers­tens die­sen Co­mic nicht und zwei­tens auch in die­sem Bei­trag kei­ne Zei­le wei­ter­le­sen. Weil es an die­ser Stel­le nicht po­li­tisch kor­rekt, son­dern bar­ba­risch hei­ter zu­ge­hen wird.

Der neue As­te­rix ist al­so ein­ge­trof­fen, und wer glaubt, dass man dar­um nicht gleich so ein gro­ßes Bo­hei ma­chen sol­le, spinnt oder ist Rö­mer, was ei­gent­lich das glei­che ist. Da­bei be­ginnt der neue und 36. Band na­he­zu se­ri­ös: Cä­sar hat sein Buch über den Gal­li­schen Krieg voll­endet und dar­in auch über Rück­schlä­ge im Kampf ge­gen die Un­beug­sa­men be­rich­tet, die blö­der­wei­se ih­rem Na­men al­le Eh­re ma­chen. Sol­che Wahr­heits­lie­be aber fin­det Syn­di­cus – der win­di­ge Be­ra­ter des Im­pe­ra­tors – sei­ner­seits ziem­lich blöd und emp­fiehlt sei­nem groß­na­si­gen Di­enst­herrn, die­ses Ka­pi­tel kur­zer­hand zu strei­chen.

Ge­sagt, ge­tilgt – das ge­schichts­ge­fälsch­te Buch des rö­mi­schen Kai­sers kommt in den Han­del, wird na­tür­lich ein Best­sel­ler und von den an­ti­ken Ga­zet­ten ge­fei­ert. Doch die Strei­chung si­ckert durch; schlim­mer noch: das letz­te Ori­gi­nal­ma­nu­skript ge­langt aus­ge­rech­net in die Hän­de von Po­le­mix, der „Kol­por­teur von Neu­ig­kei­ten“und der­zeit Kor­re­spon­dent der „Gal­li­schen Re­vue“in Rom ist. Ziem­lich bil­lig ist es, hin­ter dem blon­den Jüng­ling Ju­li­an Ass­an­ge zu ver­mu­ten – den­noch: Es ist so.

Po­le­mix je­den­falls wit­tert ei­ne fet­te „Pla­ga Ver­sus“(Schlag­zei­le) und setzt zur Aus­wei­tung der Em­pö­rungs­zo­ne auch die gal­li­schen Un­ge­beug­ten in Kennt­nis. Gro­ße Stim­mung dar­auf im Dorf, und Big Boss Ma­jes­tix sinnt so­fort auf ei­ne wort­rei­che Ge­gen­dar­stel­lung. Doch be­vor es kom­plett li­te­ra­risch lang­wei­lig zu wer­den droht, muss Drui­de Mi­ra­cu­lix sein Völk­chen dar­an er­in­nern, dass doch nur Grie­chen und Rö­mer Bü­cher pin­nen und le­sen; die Gal­li­er aber der aus­schließ­lich münd­li­chen Über­lie­fe­rung ver­trau­en.

Al­so flie­gen zeit­ge­mäß die Fäus­te, die rö­mi­sche Le­gio­nen mal un­ter Zu­hil­fe­nah­me von Do­pe (Zau­ber­trank) de­zi­mie­ren, mal aus ur­wüch­si­ger Kraft wie bei Obe­lix, der seit ei­nem Un­fall in Kin­der­ta­gen ge­wis­ser­ma­ßen na­tur-sto­ned ist und blei­ben wird. Der di­cke Hin­kel­stein­lie­fe­rant im MSV-Tri­kot ist al­ler­dings psy­chisch an­ge­schla­gen, seit er in sei­nem Ho­ro­skop – ge­bo­ren im Zei­chen der Ebe­resche – fol­gen­de Rat­schlä­ge um die Oh­ren kriegt: „Mei­den Sie Kon­flik­te. Mehr Selbst­kri­tik. We­ni­ger Wild­schwei­ne.“Ein Schick­sals­schlag, frag­los. Und so wird er schon von Ge­wis­sens­bis­sen ge­pei­nigt, wenn er wie­der ein­mal ei­nen Rö­mer ir­gend­wie zer­trüm­mern muss.

Kei­ne Sor­ge, dass al­les sind Ne­ben-Epi­söd­chen ei­nes gro­ßen Epos, mit dem die ge­sam­te rö­mi­sche Ge- schichts­schrei­bung mal wie­der kom­plett neu­for­mu­liert wer­den muss und hier nicht ver­ra­ten wer­den soll.

Das ist bei ei­ner Ge­schich­te, die sich vor al­lem um Wahr­heit und Nach­rich­ten dreht, kei­ne Klei­nig­keit. Aber wo wir schon ein­mal beim Me­di­um sind: Po­le­mix wie auch die Rö­mer brin­gen ei­ne neu­mo­di­sche und ge­wief­te Über­mitt­lung von Kurznachrichten zum Ein­satz; das sind Brief­tau­ben, die mit ih­ren „An­hän­gen“nicht im­mer ans rech­te Ziel kom­men und für zu­sätz­lich man­che Ver­wir­rung sor­gen.

Nach „As­te­rix bei den Pik­ten“vor zwei Jah­ren ist Band 36 das zwei­te Heft vom Künst­ler-Duo Je­an-Yves Fer­ri (Text) und Di­dier Con­rad (Zeich­nun­gen). Sie tra­ten das Rie­sener­be des 88-jäh­ri­gen Al­bert Uder­zo und Re­né Go­scin­ny – der be­reits 1977 ge­stor­ben ist – an. Aber sie sind viel mehr als nur zwei Hand­lan­ger zur Pro­duk­ti­on ge­lun­ge­ner und so­mit ge­winn­brin­gen­der Pla­gia­te. Die bei­den Neu­en sind bei den bei­den Al­ten in die Schu­le ge­gan­gen, sind in ih­re Fuß­stap­fen ge­tre­ten und de­zent ei­ge­ne We­ge ge­gan­gen. Der Witz von Fer­ri ist et­was schär­fer, sein Hu­mor fri­scher; Con­rad ist beim be­kann­ten En­sem­ble ein gu­ter Ko­pist und ul­ki­ger Frei­geist in der Schöp­fung der neu­en Fi­gu­ren.

Und war­um die­ser his­to­ri­sche Aus­flug? Weil es am En­de dann doch wirk­lich rüh­rend wird: mit dem letz­ten bei­den Bil­dern, die sich – oh teuf­li­scher Stil­bruch – nicht der ob­li­ga­ten Fres­sor­gie un­ter frei­em Him­mel wid­men.

Nein, ganz am Schluss die­ser 36. Hel­den­ge­schich­te kom­men wir tat­säch­lich in der Ge­gen­wart an. Denn die wah­re Ge­schich­te der Gal­li­er wird münd­lich von Drui­de zu Drui­de wei­ter­ge­ge­ben. Und dann sitzt ein sehr lang- und wei­ß­jäh­ri­ger Greis in ei­nem Pa­ri­ser Stra­ßen­ca­fé zwei jun­gen Män­nern ge­gen­über. Die lau­schen den un­glaub­li­chen Ge­schich­ten. „Hörst Du, Al­bert?“, fragt der ei­ne. „Groß­ar­tig, Re­né!“, dar­auf der an­de­re.

Es sind al­so Uder­zo und Go­scin­ny, de­nen die As­te­rix-Aben­teu­er ein­ge­flüs­tert wer­den. Aus ur­al­ter Drui­den-Qu­el­le. Die­ses Bild ist ei­ne post­mo­der­ne Selbst­be­glau­bi­gung und tritt am En­de den Be­weis an, das es As­te­rix und Obe­lix und all die an­de­ren, das Dorf wie auch den Zau­ber­trank wirk­lich ge­ge­ben ha­ben muss.

Un­glaub­lich, aber wahr. Al­les, al­les wahr.

Die un­be­sieg­ba­ren Gal­li­er beim hei­te­ren Pa­py­rus­le­sen.

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