Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Sei­ne Au­gen lie­ßen mich nicht los. „Des­halb möch­te ich es Ih­nen er­klä­ren. Seit sie­ben Mo­na­ten er­pres­sen Sie mei­ne Mut­ter um wö­chent­lich zwei­tau­send Pfund, ganz ab­ge­se­hen da­von, dass Sie von ihr ver­langt ha­ben, Ren­nen zu ver­lie­ren. Manch­mal ho­len Sie das Geld selbst an dem Post­fach in der Cheap Street ab, manch­mal schi­cken Sie Ju­lie Yor­ke.“

Ich hol­te die drei Ab­zü­ge der Fo­tos von Ju­lie her­vor, die ich vom Taj Mahal aus ge­macht hat­te, und hielt sie ihm hin. We­gen des Kle­be­bands über dem Mund war sei­ne Re­ak­ti­on schwer ein­zu­schät­zen, aber er wur­de blass und blick­te mit trau­ri­gen, fle­hen­den Au­gen von den Fo­tos zu mir.

„Und“, fuhr ich fort, „da Sie mei­ne Mut­ter mit der In­for­ma­ti­on er­pres­sen, dass sie nicht Steu­ern zahlt, wie sie soll­te, sind Sie ent­we­der im Be­sitz ih­rer Steu­er­un­ter­la­gen, oder Sie hat­ten Zu­gang da­zu.“

Ich hol­te das ro­te An­ti-Aids-Pack wie­der aus mei­nem Ruck­sack. Alex wur­de wo­mög­lich noch blas­ser.

„Mein Pro­blem ist nun Fol­gen­des“, sag­te ich. „Wenn ich Sie frei­las­se, ha­ben Sie im­mer noch die Steu­er­un­ter­la­gen mei­ner Mut­ter. Und selbst wenn Sie mir die aus­hän­di­gen, wis­sen Sie trotz­dem Be­scheid.“

Ich nahm die gro­ße Sprit­ze aus dem Pack, steck­te ei­ne neue Na­del auf und zog ei­ne or­dent­li­che Por­ti­on Koch­salz­lö­sung aus dem Beu­tel mit dem In­su­lin-Eti­kett auf, der noch am Trep­pen­ge­län­der hing.

„So sieht’s aus“, sag­te ich. „Wenn Sie al­so nicht ko­ope­rie­ren, muss ich wohl oder übel ver­hin­dern, dass Sie mit dem Fi­nanz­amt spre­chen.“

Ich hielt die Sprit­ze ge­gen das Licht und jag­te ei­nen fei­nen Strahl Flüs­sig­keit durch die Na­del. „Ich ha­be Ih­nen ja schon er­klärt, dass der Kör­per, um rich­tig zu funk­tio­nie­ren, auf In­su­lin an­ge­wie­sen ist“, sag­te ich. „Wenn er aber zu viel In­su­lin be­kommt, sinkt der Glu­ko­se­spie­gel im Blut dras­tisch ab, was ei­ne so­ge­nann­te Hy­po­gly­kämie aus­löst. Die führt in der Re­gel zu ei­nem An­fall, dann zum Ko­ma und zum Tod. Er­in­nern Sie sich an den Fall der Kran­ken­schwes­ter Be­ver­ley Al­litt, die im Grant­ham Ho­s­pi­tal meh­re­re Kin­der um­ge­bracht hat? Die Me­di­en nann­ten sie den To­des­en­gel. Ei­ni­ge ih­rer Op­fer hat sie durch In­ji­zie­ren ei­ner Über­do­sis In­su­lin ge­tö­tet.“

Auch das hat­te ich im In­ter­net nach­ge­se­hen. Ich be­rühr­te sei­nen Fuß. „Und wenn man In­su­lin zwi­schen die Ze­hen spritzt, Alex, dann ist der Ein­stich nur sehr schwer oder gar nicht zu ent­de­cken, und weil der Kör­per ja selbst In­su­lin pro­du­ziert, wür­de es gar nicht auf­fal­len, wuss­ten Sie das? Es wür­de aus­se­hen, als wä­ren Sie an den Fol­gen der Un­ter­zu­cke­rung und an­schlie­ßen­dem Herz­an­fall ge­stor­ben.“

Die­se Aus­sa­ge stimm­te so nicht ganz. Dia­be­tes wird heu­te mit rein syn­the­ti­schem In­su­lin be­han­delt, und das un­ter­schei­det sich nach­weis­bar von dem im mensch­li­chen Or­ga­nis­mus er­zeug­ten.

Aber das konn­te Alex nicht wis­sen.

„Al­so dann“, ich lä­chel­te ihn an und zeig­te ihm noch ein­mal die Sprit­ze, „zwi­schen wel­che bei­den Ze­hen hät­ten Sie’s gern?“

Es sah aus, als wür­de er ohn­mäch­tig. Er ver­dreh­te die Au­gen, und sein Atem wur­de plötz­lich ganz flach. Ich woll­te nicht, dass er vor lau­ter Angst ei­nen Herz­an­fall be­kam. Das wä­re schwer zu er­klä­ren ge­we­sen.

„Alex“, rief ich, und sein Blick kon­zen­trier­te sich wie­der auf mein Ge­sicht. „Es liegt bei Ih­nen. Es ge­nügt, wenn Sie mit­spie­len und mei­ne Fra­gen be­ant­wor­ten. Aber Sie müs­sen ganz of­fen sein und mir al­les sa­gen. Ist das klar?“Er nick­te eif­rig. „Und Sie wer­den mir wirk­lich auf al­les ant­wor­ten?“Er nick­te wie­der. „Sie hal­ten nichts zu­rück?“Er schüt­tel­te den Kopf, und ich trat auf ihn zu und riss ihm das Kle­be­band vom Mund.

„Los geht’s“, be­fahl ich. „Wer hat Ro­de­rick Ward um­ge­bracht?“Schwei­gen. „Noch ei­ne Chan­ce be­kom­men Sie nicht“, sag­te ich ernst.

„Wo­her soll ich wis­sen, dass Sie mich nicht doch um­brin­gen, wenn ich Ih­nen al­les er­zählt ha­be?“

„Das kön­nen Sie nicht wis­sen, aber ha­ben Sie ei­ne an­de­re Wahl?“, er­wi­der­te ich. „Und wenn ich ge­nug be­las­ten­de In­for­ma­tio­nen über Sie be­kom­me, so dass Sie selbst ge­fähr­det wä­ren, wenn Sie mei­ne Mut­ter ans Fi­nanz­amt ver­rie­ten, dann hät­ten wir bei­de et­was in der Hand. Wenn dann ei­ner von uns Anzeige er­stat­tet, tritt ge­nau das ein, was wir un­be­dingt ver­mei­den wol­len. Weil wir uns ge­gen­sei­tig rui­nie­ren könn­ten, sind wir si­cher, das ist ein biss­chen wie die nu­klea­re Ab­schre­ckung. Aus Furcht vor der Ver­gel­tung wür­den we­der Sie noch ich von un­se­ren In­for­ma­tio­nen Ge­brauch ma­chen.“

„Aber tö­ten könn­ten Sie mich im­mer noch.“

„Ja, mag sein, aber wo­zu? Es wä­re nicht nö­tig, und selbst ich brin­ge nicht oh­ne Grund Men­schen um.“

Da ihn das nicht son­der­lich zu be­ru­hi­gen schien, mach­te ich sei­nen Fuß vom Trep­pen­ge­län­der los, zog ihn dar­an über den Fuß­bo­den und lehn­te ihn mit dem Rü­cken an die Wand ne­ben der Kü­chen­tür.

„So.“Ich hock­te mich wie­der auf den Stuhl. „Wenn Sie Ro­de­rick Ward nicht um­ge­bracht ha­ben, wer war es dann?“

Ich hat­te im­mer noch Zwei­fel, ob er es mir sa­gen wür­de, und so spiel­te ich wie in Ge­dan­ken ein we­nig mit der Sprit­ze. „Sei­ne Schwes­ter“, sag­te Alex. Ich sah ihn an. „Stel­la Bee­cher?“Er schien über­rascht, dass ich ih­ren Na­men kann­te, da­bei hat­te ich ihm doch den Brief ge­zeigt, den er ihr wohl ge­schrie­ben hat­te. Er nick­te.

„War­um hat sie denn ih­ren ei­ge­nen Bru­der um­ge­bracht?“

„Woll­te sie ja gar nicht“, sag­te er. „Es war ein Un­fall.“„Wei­ter!“„Er war schon tot, als er in den Fluss kam. Er ist in der Ba­de­wan­ne er­trun­ken.“

„Und wie­so bit­te hat Stel­la Bee­cher ihn in die Ba­de­wan­ne ge­steckt?“

„In die Ba­de­wan­ne ge­steckt ist gut. Die woll­ten aus ihm raus­krie­gen, wo das Geld ge­blie­ben ist.“„Wel­ches Geld?“, frag­te ich. „Das von Freds Va­ter.“Ich war ver­wirrt. „Fred?“„Fred Sut­ton“, sag­te er. Der Sohn des al­ten Sut­ton. Der Mann, den ich bei der Un­ter­su­chung von Ro­de­rick Wards Tod im Ge­richt ge­se­hen hat­te. „Fred Sut­ton und Stel­la Bee­cher ken­nen sich al­so?“„Ob die sich ken­nen?“Er lach­te. „Die le­ben zu­sam­men. Sie sind so gut wie ver­hei­ra­tet.“

(Fort­set­zung folgt)

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