El­tern über­wa­chen ih­re Kin­der mit Apps

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON JEN­NY TO­BI­EN

Mit Tracking-Apps kann der Nach­wuchs ge­or­tet und über­wacht wer­den. Da­ten­schüt­zer schla­gen Alarm.

BERLIN (dpa) Den Schul­weg ver­fol­gen, Face­book-Freund­schaf­ten und Ins­ta­gram-Bil­der durch­stö­bern oder das Han­dy aus der Fer­ne für an­de­re Funk­tio­nen sper­ren, bis die Toch­ter zu­rück­ruft: Mit Hil­fe di­ver­ser Apps kön­nen El­tern ih­ren Nach­wuchs auf Schritt und Tritt über­wa­chen. Der US-An­bie­ter „Qus­to­dio“et­wa wirbt un­ver­blümt: „Der ein­fachs­te Weg Ih­re Kin­der on­li­ne zu kon­trol­lie­ren.“Im An­ge­bot: Or­tung, Über­wa­chung so­zia­ler Netz­wer­ke, Sper­ren unerwünschter Kon­tak­te. Und der „Un­sicht­bar-Mo­dus“sor­ge da­für, dass das Kind die Kon­trol­le gar nicht mit­be­kom­me.

„Ich hal­te das für ei­nen voll­kom­men fal­schen Weg“, sagt der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Deut­schen Kin­der­hil­fe, Rai­ner Becker. „Al­le in Deutsch­land ha­ben mit Be­trof­fen­heit er­lebt, wie uns die NSA über­wacht. Nie­mand will das. Ich kann nicht nach­voll­zie­hen, war­um wir das bei un­se­ren ei­ge­nen Kin­dern ma­chen, nur weil sie Kin­der sind.“

In ei­ner Not­la­ge oder bei de­menz­kran­ken Men­schen kön­ne so ei­ne Funk­ti­on sinn­voll sein. Als Schutz vor ei­nem Se­xu­al­tä­ter kön­ne aber auch ei­ne Trackin­gApp meist we­nig aus­rich­ten, meint der frü­he­re Po­li­zei­di­rek­tor. „Der weit­aus größ­te Teil der se­xu­el­len Über­grif­fe kommt aus dem un­mit­tel­ba­ren Nah­be­reich des Kin­des, et­wa vom Stief­va­ter oder On­kel.“Nach An­sicht von Becker ge­fähr­den die Apps den Per­sön­lich­keits­schutz und die Ent­wick­lung der Jun­gen und Mäd­chen, die ih­ren Frei­raum brau­chen. „Ein Kind, das stän­dig über­wacht wird, muss den­ken, dass man ihm nicht ver­traut und ihm nichts zu­traut. Wie soll es so ein Selbst­wert­ge­fühl und Selbst­ver­trau­en bil­den?“

An­ders sieht es Ralf Kie­ne. Kein Wun­der, der zwei­fa­che Va­ter aus Saar­brü­cken hat 2010 die „iNan­ny“ent­wi­ckelt, ei­ne GPS-Funk­ti­on, mit der Men­schen ge­or­tet und Be­we­gungs­ab­läu­fe ver­folgt wer­den kön­nen. „El­tern, die ih­ren Kin­dern hin­ter­her­schnüf­feln – und die gibt es ja auch – fin­den im­mer Mit­tel und We­ge.“50.000 „iNan­nies“sei­en be­reits in Deutsch­land im Ein­satz, für De­menz­kran­ke, Fa­mi­li­en­mit­glie­der und ja, auch für Kin­der.

Aber hal­ten El­tern über­haupt von sol­chen An­ge­bo­ten? „Ich fin­de das to­tal fa­tal. Man muss doch ein Ur­ver­trau­en in sich selbst und in die Kin­der ha­ben“, sagt ei­ne drei­fa­che Mut­ter aus Frank­furt. „Es ge­hört da­zu, Gren­zen zu über­schrei­ten.“Nein, sie be­nut­ze nicht sol­che Apps, be­teu­ert auch ei­ne Ber­li­ner Mut­ter. Aber sie ha­be das Ge­fühl, dass das In­ter­es­se an sol­chen Pro­duk­ten wach­se. „Das ist so ähn­lich wie mit Bo­tox, kei­ner gibt es zu – aber dann ma­chen es doch vie­le.

Und der Markt ist viel­fäl­tig. „Wo ist Lil­ly?“war ur­sprüng­lich auf GPSSen­der für Hun­de und Kat­zen spe­zia­li­siert. Doch längst hat die Ber­li­ner Fir­ma bun­te GPS-Kin­der­uh­ren für 199 Eu­ro im An­ge­bot. Per da­zu­ge­hö­ri­ger App kön­nen die­se lo­ka­li­siert wer­den. Ein „Geo-Zaun“er­mög­licht die Mar­kie­rung ei­nes Be­we­gungs­felds. „Wenn das Kind sich aus die­sem Ra­di­us ent­fernt, er­hal­ten Sie ei­ne Mel­dung dar­über. Zu­dem wird Ih­nen si­gna­li­siert, so­bald das Kind die Uhr ab­legt, da auch hier ein Sen­sor ver­baut ist“, heißt es auf der Home­page.

„Ich hal­te das für ei­nen voll­kom­men

fal­schen Weg“

Rai­ner Becker

FOTO: DPA

Mit Apps wie „iNan­ny“kön­nen El­tern ih­re Kin­der or­ten.

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