Der Fuß­ball-Kö­nig von Bra­si­li­en

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

Pelé war vi­el­leicht der bes­te Fuß­bal­ler der Welt. Mor­gen wird er 75 Jah­re alt.

DÜSSELDORF Wenn wir frü­her auf der Wie­se Fuß­ball spiel­ten, dann schlüpf­te je­der in ei­ne Rol­le. „Ich bin Heynckes.“„Ich bin Müller.“„Ich bin Schwar­zen­beck.“(Doch, auch die gab es.) Un­se­re Nach­barn ka­men aus Si­zi­li­en, die woll­ten dann Lu­i­gi Ri­va oder Gi­an­ni Ri­ve­ra sein. Nur Pelé (wir sag­ten Pé­le mit Be­to­nung auf dem ers­ten „e“) woll­te kei­ner sein. Das trau­te sich nie­mand. Der war ein­fach zwei, drei Num­mern zu groß.

Als wir auf der Wie­se kick­ten, das war in den 60er Jah­ren des vo­ri­gen Jahr­hun­derts, da ver­brei­te­te sich die Le­gen­de der gro­ßen Fuß­bal­ler noch nicht im In­ter­net, das Fern­se­hen zeig­te schwarz-wei­ße Bil­der. Es wa­ren nur Sche­men zu er­ken­nen. Sie ver­klär­ten das Bild die­ses ein­zig­ar­ti­gen Fuß­ball­spie­lers noch mehr. Er ist bis heu­te auf je­den Fall der größ­te bra­si­lia­ni­sche Fuß­bal­ler al­ler Zei­ten, wahr­schein­lich ist er der bes­te Spie­ler der Welt. Mor­gen wird er 75 Jah­re alt.

Jah­re­lang leb­te sei­ne Le­gen­de von den Ausschnitten der Welt­meis­ter­schaft 1958. Als 17-Jäh­ri­ger wur­de Pelé mit Bra­si­li­en Welt­meis­ter. Sechs To­re mach­te er im Tur­nier, im Fi­na­le schoss er beim 5:2 ge­gen Gast­ge­ber Schwe­den zwei Tref­fer, er tanz­te mit ver­gleichs­wei­se grob­schläch­ti­gen Ab­wehr­spie­lern, er hob ih­nen im Straf­raum den Ball über den Kopf. Er war über­haupt nicht zu fas­sen. Bis heu­te ist er der jüngs­te Welt­meis­ter.

In der Hei­mat nann­ten sie ihn fort­an den Kö­nig („O Rei“), und sie be­zahl­ten auch kö­nig­lich. Weil al­le Welt – vor al­lem die eu­ro­päi­schen Groß­klubs Re­al Ma­drid, Ju­ven­tus Tu­rin und In­ter Mailand – ho­he Sum­men bot, be­kam Pelé beim FC San­tos 3500 Eu­ro im Mo­nat, mehr als der Staats­prä­si­dent. Wir lern­ten sei­nen vol­len Na­men: Ed­son Aran­tes do Na­sci­men­to. In Chi­le 1962 ge­wann er den zwei­ten WM-Ti­tel, er hat­te sich al­ler­dings in der Vor­run­de die­ses Tur­niers ver­letzt. Das pass­te, die End­run­de ging als ein üb­les Tref­fen eben­so übler Tre­ter in die Ge­schich­te ein.

Vier Jah­re dar­auf wur­den die Fern­seh­bil­der schon kla­rer. Sie zeig­ten, wie die por­tu­gie­si­schen Ver­tei­di­ger im Grup­pen­spiel ei­ne re­gel­rech­te Jagd auf den gro­ßen Bra­si­lia­ner ver­an­stal­te­ten, sie tra­ten ihn ge­ra­de­zu vom Platz. Der Ti­tel­ver­tei­di­ger schied früh aus.

Pelés Na­tio­nal­mann­schafts-Kar­rie­re er­leb­te ih­ren Hö­he­punkt und ih­re Voll­en­dung beim WM-Tur­nier 1970 in Me­xi­ko. Er führ­te sei­ne Mann­schaft zum Ti­tel, der sein drit­ter wur­de. Und sie tru­gen ihn zum Dank auf den Schul­tern vom Platz. Die­se bra­si­lia­ni­sche Mann­schaft kam dem mo­der­nen Ide­al ei­nes ge- mein­sam an­grei­fen­den und ge­mein­sam ver­tei­di­gen­den Kol­lek­tivs sehr nah. Die über­ra­gen­den In­di­vi­dua­lis­ten wa­ren Teil ei­ner wie ge­ölt funk­tio­nie­ren­den gro­ßen Ma­schi­ne aus Men­schen. Und Pelé war der Größ­te un­ter all den Gro­ßen. Er spiel­te im An­griff, aber er hielt sich nicht in der Mit­te auf. Vi­el­leicht war er der Pro­to­typ für die Neun­ein­hal­ber, die heu­ti­ge Tak­ti­ker so wich­tig fin­den, die To­re schie­ßen, Tref­fer vor­be­rei­ten und für Ab­wehr­rei­hen un­end­lich schwer zu grei­fen sind. Pelés Vor­bild könn­te der Un­gar Nàn­dor Hi­deg­ku­ti ge­we­sen sein, der in den 50ern die Welt ver­zück­te und die De­fen­siv­rei­hen ver­wirr­te, weil er die Rol­le des Mit­tel­stür­mers so frei in­ter­pre­tier­te. Pelé über­traf ihn an Wir­kung, an Er­fol­gen und – na­tür­lich – an Po­pu­la­ri­tät.

Die Po­pu­la­ri­tät hat kaum ge­lit­ten. Noch heu­te ver­dient Pelé sehr gut an Wer­be­ver­trä­gen. Und selbst sein sehr frei­zü­gi­ges Ehe­le­ben hat ihm nicht ge­scha­det. Zwei sei­ner Ehen sind ge­schei­tert, of­fi­zi­ell wer­den sie­ben Kin­der ge­zählt, zwei da­von un­ehe­lich. Blon­de Frau­en, die mal in sei­ne Nä­he ge­rie­ten, be­schrei­ben ihn als durch­aus an­häng­lich.

Bö­se Wor­te hört man trotz­dem nicht. Al­len­falls von Die­go Ma­ra­do­na. Der Ar­gen­ti­ni­er ver­win­det ein­fach nicht, dass Pelé bei Wah­len zum bes­ten Fuß­bal­ler al­ler Zei­ten mit schö­ner Re­gel­mä­ßig­keit vor ihm lan­det. Ma­ra­do­nas Kar­rie­re war nur an Skan­da­len rei­cher.

FOTO: SVEN SI­MON

Der vi­el­leicht bes­te Pelé: 1970 wird er nach sei­nem drit­ten Welt­meis­ter­ti­tel auf den Schul­tern durchs Az­te­ken-Sta­di­on von Me­xi­ko ge­tra­gen.

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