Mas­sen­haf­ter Be­trug mit Ta­chostän­den

Rheinische Post Goch - - VORDERSEITE - VON THO­MAS REISENER

Die man­gel­haf­te Be­kämp­fung der kri­mi­nel­len Ta­cho-Ma­ni­pu­la­ti­on ver­un­si­chert die Ver­brau­cher. Das zeigt ei­ne neue TÜV-Stu­die. Ex­per­ten be­stä­ti­gen: Die Skep­sis der Au­to­käu­fer ist nur zu be­rech­tigt.

DÜSSELDORF Pri­va­te Käu­fer und Ver­käu­fer hal­ten fast je­den drit­ten Au­to-Ki­lo­me­ter­stand für ma­ni­pu­liert. Das ist das Er­geb­nis ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven On­li­ne-Be­fra­gung, die der TÜV Rhein­land ges­tern vor­stell­te. Dem­nach hal­ten 44 Pro­zent der Be­frag­ten il­le­ga­le Ta­cho-Ma­ni­pu­la­ti­on für ein häu­fi­ges Pro­blem auf dem Ge­braucht­wa­gen­markt.

Ist das er­schüt­ter­te Ver­trau­en ins Cock­pit be­rech­tigt? Der ADAC meint: Ja. „Je­der drit­te Ge­braucht­wa­gen hat mehr Ki­lo­me­ter auf dem Bu­ckel, als der Ta­cho­me­ter an­zeigt“, sag­te ges­tern ei­ne Spre­che­rin. Der Scha­den be­trägt laut ADAC sechs Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr. Auch der Wett­be­wer­ber AvD (Au­to­mo­bil­club von Deutsch­land) ope­riert mit die­sen Zah­len.

Die Käu­fer der­art ma­ni­pu­lier­ter Au­tos be­zah­len nicht nur zu viel – sie brin­gen ihr Au­to we­gen des ge­fälsch­ten Ta­cho-Stan­des auch zu spät zur In­spek­ti­on. Ein Zahn­rie­men et­wa, der von der Werk­statt zu spät ge­wech­selt wird und des­halb reißt, kann den gan­zen Mo­tor rui­nie­ren.

Auf die Fra­ge nach der Da­ten­ba­sis räu­men ADAC und AvD ein, dass es sich nur um Schät­zun­gen han­delt. „Der Nach­weis der Ma­ni­pu­la­ti­on ist so auf­wen­dig, dass er in der Flä­che in sta­tis­tisch be­last­ba­rem Um­fang nicht ge­führt wer­den kann“, sagt auch der TÜV. Ver­kehrs­ex­per­te Mar­tin Lotz von der Köl­ner Po­li­zei ver­mei­det Zah­len. Er weiß nur: „Es gibt ein rie­si­ges Dun­kel­feld.“

Das kommt nicht von un­ge­fähr. Für et­wa 150 Eu­ro kann man im In­ter­net zu­hauf Ge­rä­te kau­fen, mit de­nen fast je­der Au­to-Ta­cho auf je­de be­lie­bi­ge Lauf­leis­tung zu­rück­ge­dreht wer­den kann. Der Vor­gang dau­ert oft nur ein paar Se­kun­den. Man muss auch nicht lan­ge su­chen, um „Di­enst­leis­ter“zu fin­den, die den Job für et­wa 50 Eu­ro er­le­di­gen. Der Be­trug ist straf­bar und kann so­gar mit ei­nem Jahr Haft­stra­fe ge­ahn­det wer­den. Aber für Be­trü­ger ist er lu­kra­tiv: „Künst­lich ver­jüng­te Au­tos las­sen sich im Schnitt 3400 Eu­ro teu­rer ver­kau­fen“, sagt Björn Hin­richs von Ar­va­to Fi­nan­ci­al So­lu­ti­ons. Das Un­ter­neh­men be­treibt ei­ne der größ­ten deut­schen Be­trugs-Da­ten­ban­ken, die fast al­le Kfz-Ver­si­che­rer nut­zen.

Der ADAC for­dert die Au­to­her­stel­ler zu ei­ner tech­ni­schen Lö­sung auf: Ein zu­sätz­li­cher Chip kön­ne die Ta­cho-Ma­ni­pu­la­ti­on zu­min­dest er­heb­lich er­schwe­ren. „Die Her­stel­ler könn­ten das schon seit Jah­ren tun, es wä­re für sie ein Klacks“, sagt auch die ver­brau­cher­po­li­ti­sche Spre­che­rin der CDU/CSU-Bun­des­tags­frak­ti­on, Mecht­hild Heil. Der Ver­band der Deut­schen Au­to­mo­bil­in­dus­trie lehnt das ab. „So et­was wür­de die Ma­ni­pu­la­ti­on nur so lan­ge ver­hin­dern, bis die Be­trü­ger auch die­sen Chip über­win­den“, sag­te ein Spre­cher. Zu­dem sei­en die Her­stel­ler auch mit der ak­tu­el­len Tech­nik schon sehr er­folg­reich im Kampf ge­gen die Ta­cho-Ma­ni­pu­la­ti­on.

Das sieht Be­trugs­ex­per­te Hin­richs an­ders. „Wir ha­ben in ei­nem Test mit ei­nem Ge­rät, das wir für 140 Eu­ro bei Ebay ge­kauft ha­ben, in je drei Se­kun­den in ei­ner gro­ßen Ga­ra­ge al­le Ta­chos un­ter­schied­li­cher Her­stel­ler ma­ni­pu­lie­ren kön­nen“, be­rich­tet er, „da­bei wa­ren auch Fahr­zeu­ge mit dem Bau­jahr 2014.“

Bel­gi­en hat das Pro­blem so ge­löst: Seit 2010 tra­gen Werk­stät­ten, Händ­ler und an­de­re Kfz-Pro­fis dort fort­lau­fend die Ki­lo­me­ter­stän­de al­ler ih­nen an­ver­trau­ten Au­tos in ei­ne zen­tra­le Da­ten­bank ein. So fal­len Ta­cho-Ma­ni­pu­la­tio­nen frü­her oder spä­ter au­to­ma­tisch auf. Laut Hin­richs gibt es in Bel­gi­en so gut wie kei­ne Ta­cho­ma­ni­pu­la­tio­nen mehr.

Auch in Deutsch­land wird der Ruf nach ei­ner sol­chen Lö­sung im­mer lau­ter. Der ADAC hat al­ler­dings da­ten­schutz­recht­li­che Be­den­ken ge­gen das Ver­fah­ren.

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