Kli­ni­ken kas­sie­ren, Pa­ti­en­ten zah­len

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON ANTJE HÖNING

Ob­wohl die Kon­junk­tur brummt, stei­gen die Kran­ken­kas­sen-Bei­trä­ge. Kli­ni­ken, Ärz­te und Phar­ma­her­stel­ler for­dern im­mer mehr Geld. Und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Grö­he kommt ih­nen weit ent­ge­gen.

BERLIN Ge­setz­lich Kran­ken­ver­si­cher­te ver­ste­hen die Welt nicht mehr: Die Kon­junk­tur brummt, die Ein­nah­men von AOK und Co. spru­deln – und trotz­dem müs­sen Ver­si­cher­te mehr zah­len. Nach Be­rech­nung des Schät­zer­krei­ses beim Bun­des­ver­si­che­rungs­amt wer­den die Bei­trä­ge von 15,5 Pro­zent des Brut­to­ein­kom­mens auf 15,7 Pro­zent zu­le­gen.

Bis De­zem­ber wer­den die Kas­sen ih­re Haus­hal­te auf­stel­len und ih­ren je­wei­li­gen Bei­trag fest­le­gen. Die­ser setzt sich zu­sam­men aus dem all­ge­mei­nen Bei­trags­satz von 14,6 Pro­zent, den sich Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer tei­len, so­wie dem Zu­satz­bei­trag, den Ar­beit­neh­mer tra­gen. 2015 liegt der Re­gel-Zu­satz­bei­trag bei 0,9 Pro­zent, 2016 wird er laut Schät­zer­kreis auf 1,1 Pro­zent stei­gen.

Und da­mit ist das En­de der Fah­nen­stan­ge noch nicht er­reicht. Die ge­setz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV) rech­net bis 2019 mit ei­nem An­stieg des Zu­satz­bei­trags auf bis zu 1,8 Pro­zent. Da­mit wür­de sich der Ge­samt­bei­trag auf bis zu 16,4 Pro­zent er­hö­hen.

Schuld dar­an ha­ben Lob­by­ver­bän­de, die mit im­mer neu­en For­de­run­gen an die Kas­sen her­an­tre­ten – und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Grö­he (CDU), der ih­nen we­nig ent­ge­gen­setzt. Zu­gleich leg­te er teu­re, neue Ge­set­ze auf. Zwar sind mehr Hil­fe für De­menz­kran­ke und Ho­s­pi­ze sehr sinn­voll. Doch die Po­li­tik tut zu we­nig, um Fehl­an­rei­ze an an­de­rer Stel­le zu be­sei­ti­gen. „Grö­he macht den Leis­tungs­er­brin­gern zu vie­le Zu­ge­ständ­nis­se, was die Kos­ten treibt, oh­ne Pa­ti­en­ten zu nut­zen“, heißt es bei der GKV. Drei Bei­spie­le. Kran­ken­häu­ser Die Kran­ken­häu­ser ver­ur­sa­chen die meis­ten Kos­ten. An sie ge­hen ein Drit­tel der GKV-Aus­ga­ben von ins­ge­samt 190 Mil­li­ar­den Eu­ro. Seit Jah­ren for­dern die Kas­sen den Ab­bau von Bet­ten und die Schlie­ßung von Häu­sern. Schließ­lich ist die Bet­ten­dich­te in kei­nem In­dus­trie­land au­ßer Ja­pan so hoch wie in Deutsch­land. Doch es geht kaum vor­an. Das zeigt sich auch dar­an, dass die Bet­ten-Aus­las­tung von 82 Pro­zent im Jahr 2000 auf nun 77 Pro­zent ge- fal­len ist. Ge­treu der De­vi­se, dass in je­dem Kli­nik-Bett ein Kom­mu­nal­po­li­ti­ker liegt, ver­hin­dern die­se so­gar, dass Häu­ser mit we­nig Rou­ti­ne und ho­hen Kom­pli­ka­ti­ons­quo­ten ge­schlos­sen wer­den.

Auch die jüngs­te Re­form geht aus Sicht der Kas­sen in die fal­sche Rich­tung: Sie woll­ten Trä­ger mit fi­nan­zi­el­len An­rei­zen lo­cken, un­ren­ta­ble Häu­ser zu schlie­ßen. Doch bei dem da­für nun vor­ge­se­he­nen Fonds dür­fen auch die Län­der mit­re­den – und die ha­ben meist kein In­ter­es­se an Kas­sen­fi­nan­zen, aber an der Ver­hin­de­rung von Kli­nik-Schlie­ßun­gen. Und ob sich ho­he Ab­schlä­ge für schlech­te Häu­ser po­li­tisch am En­de durch­set­zen las­sen, bleibt auch of­fen.

Ent­spre­chend ju­belt der Lob­by­ver­band, die Deut­sche Kran­ken­haus­ge­sell­schaft: „Kran­ken­haus­struk­tur­ge­setz: Än­de­run­gen vom Tisch“. Flo­ri­an Lanz vom GKV-Spit­zen­ver­band klagt da­ge­gen: „Bund und Län­der ha­ben sich auf wei­te­re Zah­lun­gen an Kran­ken­häu­ser ge­ei­nigt, die in ers­ter Li­nie zu­las­ten der Bei­trags­zah­ler ge­hen. Struk­tur­pro­ble­me wer­den nicht an­ge­gan­gen.“ Arz­nei-Aus­ga­ben Eben­so er­folg­reich sind Phar­ma­kon­zer­ne und ihr Ver­band VfA. Arz­nei­en, die 17 Pro­zent der GKVAus­ga­ben aus­ma­chen, zäh­len zu den Kos­ten­trei­bern. Seit 2011 sind sie um 20 Pro­zent ge­stie­gen. Ei­gent­lich woll­te die Po­li­tik Ab­hil­fe schaf­fen – sie un­ter­warf ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Me­di­ka­men­te ei­ner Nut­zen­be­wer­tung. Die­se soll­te Ba­sis der Preis­ver­hand­lun­gen sein. Doch die Kon­zer­ne mach­ten Druck, Grö­hes Haus gab nach: Es klam­mer­te Arz­nei­en, die bei In­kraft­tre­ten der Nut­zen­be­wer­tung be­reits am Markt wa­ren, wie­der aus. Fol­ge: Statt zwei Mil­li­ar­den Eu­ro, die die Kas­sen durch die Nut­zen­be­wer­tung ei­gent­lich ein­spa­ren soll­ten, ka­men nur 200 Mil­lio­nen zu­sam­men, so die GKV. Er­folg­reich wehr­ten die Her­stel­ler auch den An­griff der Kas­sen auf Mond­prei­se ab. In den ers­ten zwölf Mo­na­ten nach Markt­ein­tritt ei­ner in­no­va­ti­ven Arz­nei dür­fen die Her­stel­ler wei­ter je­den be­lie­bi­gen Preis neh­men. Erst ab dem 13. Mo­nat müs­sen sie sich mit den Er­stat­tungs­bei­trä­gen zu­frie­den­ge­ben, die sie mit den Kas­sen aus­han­deln. In an­de­ren Län­dern sind die Prei­se da­ge­gen von An­fang an ge­de­ckelt.

Be­rüch­tigt ist der Kon­zern Gi­lead, der für sein in­no­va­ti­ves He­pa­ti­tis-Me­di­ka­ment So­val­di pro Pil­le zu­nächst 700 Eu­ro nahm. Die The­ra­pie über 24 Wo­chen kos­te­te pro Pa­ti­ent 100. 000 Eu­ro. Als die Kas­sen Alarm schlu­gen, senk­te Gi­lead den Preis – auf 500 Eu­ro pro Pil­le. An­ge­sichts der Her­stel­lungs­kos­ten von zwei Eu­ro pro Pil­le ist das selbst bei ei­nem ge­recht­fer­tig­ten ho­hen Zu­schlag für die Ent­wick­lungs­ri­si­ken maß­los. Nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te Drit­ter Kos­ten­trei­ber sind die nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te. Auch für sie müs­sen die Kas­sen über 20 Pro­zent mehr aus­ge­ben als im Jahr 2011. An­ders als Ärz­te­ver­bän­de be­haup­ten, gibt es nicht zu we­nig Ärz­te in Deutsch­land, son­dern nur ei­ne fal­sche Ver­tei­lung. Wäh­rend die Kas­sen ver­geb­lich ver­su­chen, mit Bo­ni ge­nug Ärz­te aufs Land zu lo­cken, herrscht in Bal­lungs­zen­tren ei­ne Über­ver­sor­gung. Ent­spre­chend ver­su­chen Ärz­te hier, sich als An­bie­ter ih­re ei­ge­ne Nach­fra­ge zu schaf­fen. Sie ver­kau­fen den Kas­sen­pa­ti­en­ten pri­vat zu zah­len­de Zu­satz­leis­tun­gen („Igel“), die me­di­zi­nisch oft un­nö­tig sind. Und sie set­zen in den Ho­no­rar­ver­hand­lun­gen mit den Kas­sen im­mer wie­der or­dent­li­che Er­hö­hun­gen durch, was um­so leich­ter fällt, als seit 2012 die Ver­hand­lun­gen wie­der Sa­che der re­gio­na­len Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen sind.

We­nig wirk­sam sind aus Sicht der Kas­sen auch die Re­geln, mit de­nen die Po­li­tik ei­gent­lich er­zwin­gen woll­te, dass über­schüs­si­ge Kas­sen­arzt-Sit­ze in Bal­lungs­zen­tren vom Markt ver­schwin­den, wenn der Pra­xis­in­ha­ber in den Ru­he­stand geht. Die Ver­bän­de sorg­ten für ei­ne Ver­wäs­se­rung der Plä­ne. Fa­zit We­gen der Re­for­men (Ver­sor­gungs­stär­kungs-, Prä­ven­ti­ons- und Ho­s­piz-Ge­setz, Kran­ken­haus­re­form, eHe­alth) er­war­ten die Kas­sen für 2016 Mehr­kos­ten von 1,6 Mil­li­ar­den Eu­ro. Struk­tur­pro­ble­me wer­den da­ge­gen kaum an­ge­gan­gen. Aus­ba­den muss es der Bei­trags­zah­ler. Und im nächs­ten Ab­schwung wird al­les schlim­mer.

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