Schlaf­mit­tel für Zoo­tie­re

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON OLI­VER BURWIG UND JÖRG ISRINGHAUS

Tier­schüt­zer kri­ti­sie­ren den Ge­brauch von Psy­cho­phar­ma­ka in Zoos, um Tie­re ru­hig­zu­stel­len. Die Tier­gär­ten recht­fer­ti­gen fast al­le Fäl­le mit me­di­zi­ni­schen Grün­den. Das Lan­des­amt für Na­tur und Um­welt stützt die­se An­ga­ben.

DUIS­BURG Die Me­di­ka­men­te hei­ßen Zu­clo­pent­hi­xol oder Per­phen­azin, und sie wer­den be­nutzt, um Psy­cho­sen, Er­re­gungs­zu­stän­de oder ag­gres­si­ves Ver­hal­ten zu be­han­deln. Beim Men­schen. Dass sie auch bei Tie­ren an­ge­wandt wer­den, ist in der Öf­fent­lich­keit we­ni­ger be­kannt. Ein Be­richt des Lan­des­amts für Na­tur, Um­welt und Ver­brau­cher­schutz (Lanuv), den auch das Ma­ga­zin „Stern“zi­tiert, lis­tet den Ge­brauch von Psy­cho­phar­ma­ka in NRW-Zoos von 2012 bis 2014 auf. Da­zu ge­hört

Ja­mes Brück­ner auch ei­ne Ga­be der Neu­ro­lep­ti­ka Per­phen­azin und Ha­l­oper­idol an drei männ­li­che Ti­ger in der ZoomEr­leb­nis­welt Gel­sen­kir­chen, um sie an ei­ne neue An­la­ge zu ge­wöh­nen. Und die ein­wö­chi­ge Be­hand­lung drei­er äl­te­rer Bartaf­fen mit dem Mit­tel Zu­clo­pent­hi­xol im Na­tur-Zoo Rhei­ne, um sie nach ih­rem Aus­schluss aus der Grup­pe ge­mein­sam hal­ten zu kön­nen.

Der Deut­sche Tier­schutz­bund kri­ti­siert den un­ge­recht­fer­tig­ten Ein­satz von Psy­cho­phar­ma­ka in Zoos. Be­kannt sei das schon seit län­ge­rem, sagt Ja­mes Brück­ner, Ab­tei­lungs­lei­ter Ar­ten­schutz. „Das Aus­maß ist al­ler­dings nicht ab­zu­schät­zen.“Der Ver­dacht: Mit der Ga­be von Me­di­ka­men­ten wer­den in man­chen Fäl­len Hal­tungs­pro­ble­me ka­schiert. „Durch die­se Mit­tel sol­len die Tie­re an die Hal­tungs­be­din­gun­gen an­ge­passt wer­den“, sagt Brück­ner. „Da­bei soll­te es ei­gent­lich um­ge­kehrt sein: Die Hal­tung muss sich an den Tie­ren ori­en­tie­ren.“Wenn es et­wa Pro­ble­me in der so­zia­len In­ter­ak­ti­on ge­be, müs­se ein Zoo sich fra­gen, ob sich das Pro­blem nicht an­ders als mit Me­di­ka­men­ten lö­sen las­se. Ein­zi­ge Aus­nah­me: ei­ne me­di­zi­ni­sche In­di­ka­ti­on.

Zu die­sem Er­geb­nis aber kommt das Lanuv. In al­len auf­ge­lis­te­ten Fäl­len – rund 40 aus acht Zoos in NRW – sei die Ver­wen­dung von Psy­cho­phar­ma­ka „stets ve­te­ri­när­me­di­zi- nisch in­di­ziert und zum Woh­le der Tie­re ent­schie­den wor­den“, heißt es in dem Be­richt. Wenn es um Tie­re ging, die mit ih­rer Hal­tungs­si­tua­ti­on kurz­zei­tig auf­grund von Aus­nah­me­si­tua­tio­nen über­for­dert wa­ren, sei der Ein­satz von Me­di­ka­men­ten „sehr sorg­fäl­tig“ge­prüft wor­den.

Arne Lawrenz, Zoo­di­rek­tor in Wuppertal, et­wa be­tont die Wich­tig­keit von Nar­ko­ti­ka auch für Tie­re: Sie sei­en un­er­läss­lich, wenn Trans­por­te oder Ope­ra­tio­nen an­ste­hen, aber auch für nö­ti­ge me­di­zi­ni­sche Kon­trol­len. Der Zu­griff auf die Apo­the­ke des Zoos ist nur den bei­den Tier­ärz­ten des Hau­ses er­laubt, re­gel­mä­ßig kon­trol­lie­re das Lan­des­amt den Be­stand. Mo­men­tan ge­be Lawrenz – selbst Tier­arzt – ei­nem Go­ril­la­weib­chen wö­chent­lich ein Be­ru­hi­gungs­mit­tel, um den Heil­vor­gang ei­ner Biss­wun­de be­gut­ach­ten zu kön­nen, die ihr ein männ­li­cher Art­ge­nos­se „zur Dis­zi­pli­nie­rung“zu­füg­te. Ein sol­ches Ver­hal­ten un­ter Go­ril­las ge­be es Lawrenz zu­fol­ge in der frei­en Na­tur eben­so wie im Zoo. Die Kri­tik der Tier­schüt­zer, in Zoos Le­bens­räu­me zu schaf­fen, die der Wild­nis ent­spre­chen, ist für Lawrenz nur be­dingt gül­tig: „Die ,freie Wild­bahn‘ ist De­fi­ni­ti­ons­sa­che. Der Krüger-Na­tio­nal­park wird auch von Men­schen ge­ma­nagt.“

Auch im Duis­bur­ger Zoo gab es Fäl­le, in de­nen Tier­ärz­tin Kers­tin Ter­nes Se­da­ti­va ver­ab­reich­te. „Die kann man al­ler­dings an ei­ner Hand ab­zäh­len“, sagt Ter­nes. In ei­nem Zei­t­raum von zwei Jah­ren ha­be sie dem Ele­fan­ten­bul­len „Sha­ka“ins­ge­samt vier Mal ein Mit­tel ver­ab­reicht, das ihn zum Schutz sei­ner Zucht­part­ne­rin ru­hi­ger ma­chen soll­te. Von ei­ner Be­täu­bung des Tiers will sie nicht spre­chen: „Die Wir­kung muss man sich wie ei­ne ro­sa­ro­te Bril­le vor­stel­len.“Das ein­ge­setz­te Mit­tel Per­phen­azin wer­de laut Ter­nes auch beim Men­schen an­ge­wen­det – in dop­pel­ter Do­sis, bis zu drei­mal täg­lich. Der Bul­le lebt au­ßer­halb der Zucht­zei­ten in ei­nem ei­ge­nen Ge­he­ge, denn männ­li­che, äl­te­re Ele­fan­ten sind Ein­zel­gän­ger.

Pia Kra­win­kel, Fach­tier­ärz­tin in der Zoom-Er­leb­nis­welt Gel­sen­kir­chen, ge­be Tie­ren aus­schließ­lich „streng nach In­di­ka­ti­on“Me­di­ka­men­te. Dies sei auch der Fall ge­we­sen, als sie An­fang 2013 den drei Ti­gern Per­phen­azin ver­ab­reich­te. Die drei Brü­der sei­en kurz zu­vor aus

„Durch die­se Mit­tel sol­len die Tie­re an die Hal­tungs­be­din­gun­gen an

ge­passt wer­den“

Bu­da­pest ein­ge­trof­fen, das Mit­tel soll­te die Ein­ge­wöh­nung im neu­en Ge­he­ge er­leich­tern – denn ei­gent­lich sind Ti­ger ter­ri­to­ria­le Ein­zel­gän­ger. „Wir ha­ben nur ein­mal ge­spritzt“, sagt Kra­win­kel. Die Ab­bau­zeit von Per­phen­azin im Kör­per der Tie­re be­tra­ge zwei Wo­chen, nach de­nen le­dig­lich bei ei­nem „sehr auf­ge­reg­ten“Tier ein­ma­lig ein Kurz­zeit-Se­da­ti­vum nö­tig ge­we­sen sei.

Pe­ter Höff­ken, Fach­re­fe­rent Zoo bei der Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Pe­ta, nennt sol­che Me­di­ka­men­ta­tio­nen we­gen Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten „mo­ra­lisch ver­werf­lich“. Zu­dem hält er die be­kann­ten Fäl­le nur für die „Spit­ze des Eis­bergs“. „Erst un­ter Druck ha­ben die Zoos Ak­ten­ein­sicht ge­währt und zu­ge­ben müs­sen, Psy­cho­phar­ma­ka zu ver­wen­den“, sagt Höff­ken. Selbst das Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ver­dammt in ei­ner Ant­wort auf ei­ne klei­ne An­fra­ge der Lin­ken die Che­mie-Keu­le: „Ein dau­er­haf­ter und rou­ti­ne­mä­ßi­ger Ein­satz von ‚Psy­cho­phar­ma­ka‘ – et­wa Be­ru­hi­gungs­mit­tel – zur Kom­pen­sa­ti­on un­ge­eig­ne­ter Hal­tungs­be­din­gun­gen ver­stößt nach Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung ge­gen die Vor­ga­ben des Tier­schutz­ge­set­zes.“

Was al­so tun? Höff­ken stellt die Zoo­tier­hal­tung ge­ne­rell in­fra­ge. Zu­min­dest aber müss­ten sen­si­ble Ar­ten aus den Tier­gär­ten ver­schwin­den. Ja­mes Brück­ner vom Deut­schen Tier­schutz­bund sieht das ähn­lich. „Wenn ein Zoo es nicht leis­ten kann, op­ti­ma­le Be­din­gun­gen für al­le Tie­re zu schaf­fen, soll­te er auf Ar­ten ver­zich­ten.“

Deut­scher Tier­schutz­bund

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