Po­lens Rechts­po­pu­list ist zu­rück

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON UL­RICH KRÖKEL

Vor der Par­la­ments­wahl am Sonn­tag zeigt das wirt­schaft­lich er­folg­rei­che Po­len Sym­pto­me ei­nes kol­lek­ti­ven Bur­nouts. Ja­roslaw Kac­zyn­ski, der ehe­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent des Lan­des, wit­tert sei­ne Chan­ce zur Rück­kehr an die Macht.

PO­SEN/WAR­SCHAU Ne­bel. Nie­sel­re­gen. Herbst auf dem Po­se­ner Alt­markt. Vom ver­gan­ge­nen Som­mer kün­den noch die letz­ten Holz­ter­ras­sen vor den Ca­fés. Aber die Par­ty ist vor­bei. Bil­der mit Sym­bol­cha­rak­ter. Die mo­der­ne Mes­se­me­tro­po­le Po­sen mit ih­rem his­to­risch wert­vol­len Zen­trum ist so et­was wie die Vor­zei­ge­stadt des pol­ni­schen Wirt­schafts­wun­ders. Seit dem EU-Bei­tritt 2004 ging es im Land berg­auf. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te sank von 19 auf acht Pro­zent. In Po­sen, im boo­men­den Wes­ten des Lan­des, herrscht seit Jah­ren na­he­zu Voll­be­schäf­ti­gung.

Und den­noch herrscht im Wirt­schafts­wun­der­land Po­len vor der Par­la­ments­wahl am Sonn­tag ei­ne Wech­sel­stim­mung, die ein po­li­ti­sches Erd­be­ben aus­lö­sen könn­te. Nach acht Jah­ren li­be­ral­kon­ser­va­ti­ver Re­gie­rung steht die na­tio­na­lis­ti­sche PiS des Rechts­po­pu­lis­ten Ja­roslaw Kac­zyn­ski vor ei­ner Rück­kehr an die Macht. In den Alb­träu­men man­cher EU-Po­li­ti­ker droht Po­len be­reits zu ei­nem zwei­ten Un­garn zu wer­den, wo der Eu­ro­pa-Ve­räch­ter Vik­tor Or­bán au­to­ri­tär re­giert.

Wie kann das sein? „Wo­zu über Po­li­tik re­den?“, fragt der 21-jäh­ri­ge Adam. Die Se­jm-Wahl ist für den Ang­lis­tik-Stu­den­ten kein The­ma. „Ich blei­be am Wo­che­n­en­de zu Hau­se“, ver­kün­det er und eilt wei­ter. Über die Wahl­mü­dig­keit der jun­gen Po­len wun­dert sich der Po­li­to­lo­ge Kr­zy­sz­tof Ma­li­now­ski nicht. „Die Re­gie­run­gen von Do­nald Tusk und Ewa Ko­pacz ha­ben ih­re ei­ge­nen Ver­spre­chen nicht er­füllt“, sagt er im Rück­blick auf die ver­gan­ge­nen acht Jah­re, in de­nen die li­be­ral­kon­ser­va­ti­ve Bür­ger­platt­form (PO) die Ge­schi­cke des Lan­des be­stimmt hat. „Dar­un­ter lei­den vor al­lem die Jün­ge­ren.“

Wer in Po­len sein Be­rufs­le­ben be­ginnt, er­hält in al­ler Re­gel ei­nen schlecht do­tier­ten, be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag. Der Volks­mund spricht von „Müll­ver­trä­gen“. Oft folgt auf ei­nen Müll­ver­trag ein wei­te­rer, und erst nach lan­gen Jah­ren im Hams­ter­rad der Markt­wirt­schaft ist so et­was wie ein ge­si­cher­ter be­ruf­li­cher Er­folg mög­lich. Es sei ein „Rat­ten­ren­nen“, sa­gen So­zio­lo­gen, bis hin zur to­ta­len Er­schöp­fung. Dia­gno­se: kol­lek­ti­ver Bur­nout bei den Jun­gen. Noch al­ler­dings ist Kaz­cyn­ski nicht am Ziel. Die Un­si­cher­heit der Umfragen ist enorm hoch. Der Po­se­ner Po­li­to­lo­ge Ma­li­now­ski ver­weist zu­dem dar­auf, dass die PiS nicht mit dem Rechts­au­ßen Kac­zyn­ski als Spit­zen­kan­di­dat an­tritt, son­dern mit der als ge­mä­ßigt gel­ten­den Se­jm-Ab­ge­ord­ne­ten Bea­ta Szydlo. Mit der 52-jäh­ri­gen Kul­tur­ma­na­ge­rin Szydlo als Che­fin ei­ner PiS-Re­gie­rung wer­de sich die Aus­rich­tung der pol­ni­schen Po­li­tik nicht sub­stan­zi­ell än­dern, son­dern „al­len­falls der Stil“, ver­mu­tet Ma­li­now­ski.

Wie schnell al­ler­dings ei­ne Stim­mung um­schla­gen und sich mit dem Stil eben doch auch die La­ge sub­stan­zi­ell ver­än­dern kann, ha­ben die Mit­ar­bei­ter des VW-Werks in Po­sen in den ver­gan­ge­nen Wo­chen er­lebt. Der Ab­gas­skan­dal bei dem deut­schen Au­to­bau­er hat Spu­ren hin­ter­las­sen. Fast könn­te man mei­nen, sie auf den Ge­sich­tern der Be­schäf­tig­ten ab­le­sen zu kön­nen, die an die­sem Mit­tag aus den hoch­mo­der­nen Fa­b­rik­hal­len strö­men. Doch

Adam nach ei­ner lan­gen Schicht ist die Stim­mung sel­ten eu­pho­risch.

Fast 7000 Men­schen be­schäf­tigt VW in der Boom­stadt Po­sen. 3000 wei­te­re sol­len hin­zu­kom­men, wenn der Au­to­bau­er En­de 2016 im na­hen Wr­zes­nia ei­ne wei­te­re Fa­b­rik er­öff­net. „Dar­an wird sich nichts än­dern“, ver­si­chert Dag­ma­ra Prys­ta­cka, die Spre­che­rin von VW in Po­sen. An­sons­ten: kein Kom­men­tar!

Auch drau­ßen, vor den Fa­b­rik­to­ren, ist fast nie­mand be­reit, auf die Fra­gen ei­nes Jour­na­lis­ten zu ant­wor­ten. Ei­ne ha­ge­re Frau Mit­te vier­zig, die ih­ren Na­men nicht nen­nen mag, er­zählt nach ei­ni­gem Zö­gern dann doch von der Furcht in der Be­leg­schaft. „Na­tür­lich ha­ben wir al­le Angst um un­se­re Jobs. Die meis­ten von uns ha­ben ei­ne Fa­mi­lie zu er­näh­ren.“Die La­ge im Land, so ih­re Emp­fin­dung, sei ins­ge­samt nicht gut, zu­mal „jetzt auch noch die Flücht­lin­ge zu uns kom­men sol­len“. Sie wer­de PiS wäh­len. Die VW-Ar­bei­te­rin be­kennt, sich vor al­lem nach Si­cher­heit zu seh­nen. Ge­nau da­mit wirbt die PiS – und schürt zu­gleich die Angst. Kac­zyn­ski warn­te zu­letzt vor der Aus­brei­tung von Krank­hei­ten durch den Zustrom von Flücht­lin­gen nach Eu­ro­pa. „Pa­ra­si­ten und Bak­te­ri­en, die in den Or­ga­nis­men die­ser Men­schen harm­los sind, kön­nen hier bei uns ge­fähr­lich wer­den“, er­klär­te der 66-jäh­ri­ge PiS-Chef. Die Flücht­lings­kri­se hat den Wahl­kampf auf der Ziel­ge­ra­den be­feu­ert, ob­wohl Po­len nicht di­rekt be­trof­fen ist. Kr­zy­sz­tof Ma­li­now­ski hat da­für nur ei­ne Er­klä­rung: Ego­is­mus. Po­len ha­be ein Vier­tel­jahr­hun­dert ein­schnei­den­der Re­for­men hin­ter sich. „Die Men­schen ha­ben das Ge­fühl: Wir ha­ben uns un­glaub­lich ab­ge­ra­ckert, und jetzt be­kom­men wir von au­ßen ein Pro­blem“, er­klärt der Po­li­to­lo­ge. „Die­ser Ego­is­mus ist da.“Es ist der Ego­is­mus der Er­schöpf­ten.

„Wo­zu über Po­li­tik re­den? Ich blei­be am Wo­che­n­en­de zu Hau­se“

Stu­dent aus Po­sen

FOTO: REU­TERS

Ja­roslaw Kac­zyn­ski (66), Chef der na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven Par­tei PiS, schickt die als ge­mä­ßigt gel­ten­de Bea­ta Szydlo (52) als Spit­zen­kan­di­da­tin in die Par­la­ments­wahl am Sonn­tag – Szydlo soll die Stim­men der Mit­te er­obern.

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