VW ent­kräf­tet neu­en Ma­ni­pu­la­ti­ons­vor­wurf

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK

Der Ver­dacht, dass bei weit mehr Fahr­zeu­gen als bis­her be­kannt mit den Ab­gas­wer­ten ge­trickst wor­den sei, be­stä­tigt sich nicht. Es gibt gibt al­ler­dings neue An­schul­di­gun­gen ge­gen das frü­he­re Top-Ma­nage­ment.

DÜSSELDORF Für Volks­wa­gen wa­ren es ges­tern ban­ge St­un­den. Der schwe­re Ver­dacht stand im Raum, dass sich der Ab­gas­be­trug auf Hun­dert­tau­sen­de wei­te­re Die­sel­fahr­zeu­ge er­stre­cken könn­te. Ne­ben den Die­sel­mo­to­ren vom Typ EA189 sei wo­mög­lich auch bei frü­hen Ver­sio­nen des Nach­fol­ger­mo­dells EA288 die Ma­ni­pu­la­ti­ons­soft­ware ein­ge­setzt wor­den. Die­se hat­te die Ab­gas­wer­te im­mer dann durch die Zu­fuhr von Harn­säu­re re­du­ziert, wenn die Soft­ware er­kannt hat­te, dass sich das Fahr­zeug im Test­be­trieb be­fand. Im Nor­mal­be­trieb la­gen die Wer­te hö­her. Nach Be­kannt­wer­den muss­ten zahl­rei­che VW-Ma­na­ger, dar­un­ter auch Kon­zern­chef Mar­tin Win­ter­korn, ih­ren Hut neh­men.

VW ver­ord­ne­te sich ges­tern die Stra­te­gie „Erst gründ­lich prü­fen“, an­sons­ten herrsch­te Schwei­gen. Der Kon­zern nahm so in Kauf, stun­den­lang im Mit­tel­punkt von Mut­ma- ßun­gen und Ne­ga­tiv­schlag­zei­len zu ste­hen. Erst am Abend gab VW Ent­war­nung: „Nach gründ­li­cher Prü­fung herrscht nun Klar­heit“, teil­te das Un­ter­neh­men mit. Die VW-in­ter­nen Un­ter­su­chun­gen hät­ten er­ge­ben, dass in bei­den EA-288-Va­ri­an­ten – al­so der mit Eu­ro 6 und eben auch je­ner zu­nächst frag­li­chen mit Eu­ro 5 – „kei­ne Soft­ware ver­baut ist, die ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung im Sin­ne der Ge­setz­ge­bung dar­stellt“. Ein wei­te­rer Ein­satz der Be­trugs­soft­ware hät­te Eu­ro­pas größ­tem Au­to­bau­er wohl auch den Vor­wurf der Sa­la­mi­tak­tik ein­ge­brockt.

Der neue Ma­ni­pu­la­ti­ons­ver­dacht war ges­tern aber nicht die ein­zi­ge VW-Bau­stel­le. Denn auch die al­te Füh­rungs­rie­ge des Wolfs­bur­ger Kon­zerns ge­riet durch ei­nen Be­richt des „Ma­na­ger Ma­ga­zins“un­ter Druck. Dem­nach sei der Vor­stand der Mar­ke VW be­reits im Früh­jahr 2014 über dro­hen­de Ab­gas­pro­ble­me in­for­miert wor­den. Das Ma­ga­zin be­ruft sich auf ein Sit­zungs­pro­to­koll. Zum so­ge­nann­ten Mar­ken­vor­stand ge­hör­ten ne­ben Win­ter­korn un­ter an­de­rem der in­zwi­schen ge­schass­te Ent­wick­lungs­chef Heinz-Ja­kob Neu­ßer, Per­so­nal­vor­stand Horst Ne­u­man so­wie der kürz­lich eben­falls aus dem Kon­zern aus­ge­schie­de­ne Ver­triebs­chef Chris­ti­an Kling­ler an. Ei­ne der­art frü­he Kennt­nis auf obers­ter Ma­nage­ment­ebe­ne könn­te bei mög­li­chen Scha­den­er­satz­for­de­run­gen ei­ne Rol­le spie­len. Ent­spre­chend be­eil­te sich der Kon­zern ges­tern, den Be­richt zu de­men­tie­ren: „Ei­ne sol­che Pro­to­koll­no­tiz exis­tiert nicht“, hieß es.

Die IG Me­tall for­der­te bei ih­rem Ge­werk­schafts­tag in Frank­furt mit dem VW-Kon­zern­be­triebs­rat, ei­ne Auf­klä­rung „oh­ne An­se­hen von Per­so­nen“vor­an­zu­trei­ben. Die IG Me­tall ist bei dem The­ma VW eben­falls in der De­fen­si­ve, weil aus­ge­rech­net in ei­nem der am wei­test­ge­hend mit­be­stimm­ten Un­ter­neh­men der Welt ein sol­cher Ma­ni­pu­la­ti­ons­skan­dal mög­lich wur­de. Die Ge­werk­schaft ist des­halb da­zu über­ge­gan­gen, die teils als „ab­so­lu­tis­tisch“be­schrie­be­ne Füh­rungs­struk­tur bei VW für die Vor­komm­nis­se ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Ins Bild passt des­halb auch die For­de­rung, die Ver­ant­wor­tung müs­se stär­ker ge­teilt und Ent­schei­dun­gen de­zen­tra­li­siert wer­den. Zu­dem warn­te die Ge­werk­schaft da­vor, dass Vor­stän­de be­reits Sze­na­ri­en dis­ku­tier­ten, in de­nen man die Kri­se nut­zen wol­le, um den „lang er­träum­ten Ab­bau von Leih­ar­beit­neh­mern vor­an­zu­trei­ben“. Zu­min­dest der Stamm­be­leg­schaft mach­te VW-Chef Mat­thi­as Müller Hoff­nung, dass die Kri­se zu kei­nen Ein­bu­ßen füh­re: „Im Mo­ment ha­ben wir kei­nen An­lass, über Kurz­ar­beit auch nur nach­zu­den­ken.“

FOTO: AFP

Kei­ne ein­fa­che Wo­che für den Neu­en: VW-Kon­zern­chef Mat­thi­as Müller hier bei ei­ner Ver­an­stal­tung im Wolfs­bur­ger Werk am Mitt­woch.

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