DIET­MAR WISCHMEYER „Ich spie­le ger­ne die zwei­te Gei­ge“

Rheinische Post Goch - - FERNSEHEN - OLI­VER BURWIG STELL­TE DIE FRA­GEN.

Der „heu­te-show“-Mit­glied Diet­mar Wischmeyer mag es am liebs­ten, wenn er nicht im Vor­der­grund steht.

DÜSSELDORF Am 30. Ok­to­ber er­scheint „Ach­tung, Art­ge­nos­sen“, ei­ne Live-CD mit Ausschnitten aus dem ak­tu­el­len Büh­nen­pro­gramm des Come­dy-Au­to­ren. Dar­in zieht Wischmeyer über Spie­ßer im All­ge­mei­nen und Deut­sche im Spe­zi­el­len her. Denn ei­nes steht für den 58Jäh­ri­gen fest: Er­zie­hen kann man die Bun­des­re­pu­blik nicht – zu­min­dest nicht mit Hu­mor. Was ha­ben Sie ei­gent­lich ge­gen Fahr­rad­hel­me? WISCHMEYER Ei­gent­lich ha­be ich nichts ge­gen Fahr­rad­hel­me. Je­der hat in die­sem Land die Frei­heit, sich zu ver­un­stal­ten, wie er will. Nur wenn das ganz vie­le Leu­te ma­chen, wird es ir­gend­wann zu ei­nem Ge­setz, und ich muss das auch ma­chen. Das fin­de ich nicht lus­tig. Und wenn in Deutsch­land ein­mal et­was in­stal­liert ist, bleibt das auf ewig. Gibt es denn auch et­was, das die Deut­schen gut kön­nen? WISCHMEYER Ja, Fern­seh­schir­me an­schrei­en. Ich glau­be, es gibt kein an­de­res Volk auf der Er­de, das mit sol­cher In­brunst und Emo­tio­na­li­tät sei­nen Fern­se­her an­brüllt. Ita­lie­ner brül­len sich ge­gen­sei­tig an, wenn sie Fern­se­hen schau­en, aber der Deut­sche brüllt di­rekt auf die Matt­schei­be. Wann brül­len die Deut­schen am liebs­ten? WISCHMEYER Es gibt das en­thu­si­as­ti­sche Ver­eins­ge­brüll: „Wir sind al­le da­für.“Wut­bür­ger ken­nen auch das Nie­der­brül­len, ob es nun ge­gen den Stuttgart-21-Bahn­hof geht oder die „Lü­gen­pres­se“. Brül­len er­setzt ja oft das Ar­gu­ment, das ist der Vor­teil. Man kann oh­ne Um­weg über das Groß­hirn sei­ne Mei­nung äu­ßern. Von wem kön­nen die Deut­schen et­was ler­nen? WISCHMEYER Es gibt ja nicht nur be­klopp­te Deut­sche, son­dern auch hau­fen­wei­se in­tel­li­gen­te. Man müss­te sich der ei­ge­nen Kul­tur ein­fach nur ver­ge­wis­sern, dann gä­be es viel zu ler­nen. Ein biss­chen me­di­ter­ra­ne Ge­las­sen­heit könn­te den Deut­schen aber auch ganz gut tun. Da­bei be­kommt man manch­mal das Ge­fühl, dass es Ih­nen in Deutsch­land zu be­tu­lich zu­geht. WISCHMEYER Im Au­gen­blick sieht es ja eher so aus, als ob Deutsch­land zu un­ge­müt­lich wird. Ge­müt­lich­keit fin­det man nur doof, wenn man nicht weiß, wie Un­ge­müt­lich­keit sein könn­te. In­so­fern

wür­de ich mich selbst kri­ti­sie­ren und lie­ber freu­en, wenn es ge­müt­lich ist – auch, wenn es spie­ßig oder lang­wei­lig wird. Lan­ge­wei­le pas­siert uns lei­der viel zu sel­ten, es ist ja über­all nur hek­tisch, es muss im­mer et­was pas­sie­ren. Wol­len Sie mit Hu­mor er­zie­hen? WISCHMEYER Um Got­tes wil­len, nein. Auf kei­nen Fall. Wenn ich das woll­te, wä­re ich Leh­rer ge­wor­den – was ich Gott sei Dank nicht ge­wor­den bin. Un­ter Er­zie­hung durch Hu­mor ver­ste­he ich es, wenn die Leu­te die Rea­li­tät, über die sie la­chen, nicht als gott­ge­ge­ben und un­um­kehr­bar hin­neh­men. Das ist et­was, das gar nicht hoch ge­nug zu schät­zen ist. Was mö­gen Sie an den Deut­schen? WISCHMEYER Es heißt ja, „Deutsch­sein heißt, ei­ne Sa­che um ih­rer selbst wil­len zu tun“. Ich wer­fe den Müll nicht nur aus dem Grund nicht in den Gra­ben, weil mich je­mand be­ob­ach­ten könn­te und mich be­straft, son­dern weil ich es rich­tig fin­de, ihn in den Pa­pier­korb zu wer­fen. Ei­ne Sa­che für sich zu tun, oh­ne da­bei über­wacht zu wer­den, das fin­de ich sehr gut an den Deut­schen. Gleich­zei­tig par­odie­ren Sie Men­schen, die sich auf das Laub­har­ken kon­zen­trie­ren. WISCHMEYER Weil das ei­ner ge­wis­sen Läs­sig­keit im Um­gang mit dem Le­ben ent­behrt, wenn man auf Ne­ben­säch­lich­kei­ten so viel Wert legt. Wenn wir es aber nicht tä­ten, dann wür­den wahr­schein­lich die Nich­tNe­ben­säch­lich­kei­ten über­hand neh­men. Man kann al­so dar­über la­chen. Am bes­ten ist es, wenn man über sich selbst la­chen kann, wäh­rend man mit der Ra­sen­kan­ten­sche­re die Ra­bat­te ge­ra­de schnei­det. Die­se bei­den Sei­ten er­ken­nen zu kön­nen, emp­fin­de ich als po­si­ti­ve Ei­gen­schaft. Ha­ben sie manch­mal das Ge­fühl, nur die zwei­te Gei­ge zu spie­len? WISCHMEYER Ja, das kann durch­aus sein – und ich fin­de es ganz toll. In der zwei­ten Rei­he über­blickt man viel bes­ser, was vor ei­nem pas­siert.

FOTO: ZDF

Diet­mar Wischmeyer (58)

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