Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

In An­do­ver, dach­te ich, di­rekt beim al­ten Sut­ton und sei­nem Pfle­ge­heim. Stel­la Bee­chers Um­zug war al­so wirk­lich kein Zu­fall ge­we­sen. Es dau­er­te über ei­ne St­un­de, aber schließ­lich er­zähl­te mir Alex, wie es kam, dass Ro­de­rick Ward tot in sei­nem Wa­gen im Win­drush auf­ge­fun­den wor­den war.

Ward hat­te den al­ten Sut­ton über Stel­la Bee­cher ken­nen­ge­lernt, die seit ge­rau­mer Zeit mit sei­nem Sohn, De­tek­tiv­ser­geant Fred, li­iert war. Hin­ter dem Rü­cken von Fred und Stel­la hat­te Ro­de­rick den Al­ten ir­gend­wie da­zu ge­bracht, ei­ne Hy­po­thek auf sein Haus auf­zu­neh­men und das Geld in ei­nen nicht­exis­tie­ren­den Hedge-Fonds in Gi­bral­tar zu in­ves­tie­ren. Fred er­fuhr erst da­von, nach­dem er den St­ein ins Fens­ter sei­nes Va­ters hat­te flie­gen se­hen. Es war wie ei­ne Sei­fen­oper.

„Wo­her wis­sen Sie das al­les?“, frag­te ich Alex. „Was ha­ben Sie da­mit zu tun?“

„Ich ha­be mit Ro­de­rick Ward zu­sam­men­ge­ar­bei­tet.“

„Sie sind al­so in den An­la­ge­be­trug ver­wi­ckelt?“

Er drück­te sich dar­um, das zu­zu­ge­ben. Er muss­te wis­sen, dass mei­ne Mut­ter in glei­cher Wei­se rein­ge­legt wor­den war. Er sah weg, aber er nick­te.

„Wer sind die Draht­zie­her?“, frag­te ich.

Er sah mir wie­der ins Ge­sicht. „Hal­ten Sie mich für blöd? Wenn ich Ih­nen das sa­ge, brau­chen Sie mich nicht um­zu­brin­gen – das er­le­di­gen die dann schon.“

Ich hielt ihn tat­säch­lich für blöd. Vi­el­leicht nicht für ganz so blöd wie Ro­de­rick Ward. Den Va­ter sei­nes po­ten­ti­el­len Sch­wa­gers übers Ohr zu hau­en, zu­mal wenn der bei der Kri­po war – na, düm­mer ging’s kaum. – „Noch mal zu Ward“, sag­te ich. „Der Brief an Stel­la Bee­cher stammt doch von Ih­nen, oder? Wie mein­ten Sie das, Sie hät­ten al­les. Was hat­ten Sie? Und wo­her kann­ten Sie Stel­la über­haupt?“

„Ich kann­te sie nicht“, sag­te er. „Aber ih­re Adres­se, weil Ro­de­rick ge­sagt hat­te, sie be­nut­ze die­sel­be wie er in Ox­ford.“

„Und um was ging es da nun? Was soll­te noch recht­zei­tig kom­men?“

„Fred Sut­ton hat­te Ro­de­rick und mir in un­se­rem ge­mie­te­ten Bü­ro in Wan­ta­ge die Höl­le heiß ge­macht, uns ge­droht und so wei­ter.“

Das konn­te ich ihm nicht ver­den­ken.

„Er sag­te mir, er kä­me mit ei­nem Haft­be­fehl wie­der und wür­de mich voll drankrie­gen, da­für hät­te er sei­ne Be­zie­hun­gen bei der Po­li­zei. Zehn Jah­re Ge­fäng­nis, wenn ich ihm nicht die Un­ter­la­gen lie­fer­te, aus de­nen her­vor­ging, was aus dem Geld sei­nes Va­ters ge­wor­den war.“„Und wo­zu der Brief?“, frag­te ich. „Ich hat­te die Un­ter­la­gen ko­piert, aber er kam sie nicht wie ge­plant am Mon­tag­mor­gen ab­ho­len. Er woll­te um acht da sein, und ich war­te­te. Aber er kam den gan­zen Tag nicht und Ro­de­rick auch nicht. Ich dach­te, die zwei hät­ten was mit­ein­an­der aus­ge­han­delt und da­für müss­te ich den Kopf hin­hal­ten. Ei­ne Scheiß­angst hat­te ich, das kann ich Ih­nen sa­gen. Und weil ich ihn an­ders nicht kon­tak­tie­ren konn­te, hab ich ihm den Brief ge­schrie­ben.“

Ich hat­te mich al­so ge­irrt in der An­nah­me, es gin­ge um die Steu­er­un­ter­la­gen mei­ner Mut­ter, und ,recht­zei­tig’ hat­te auch nicht be­deu­tet, vor Ro­de­ricks ,Un­fall’, son­dern vor Be­an­tra­gung ei­nes Haft­be­fehls.

An­nah­men im­mer prü­fen, er­mahn­te ich mich. – In ei­nem aber hat­te ich recht ge­habt: Alex Reece war wirk­lich blöd. – „Und wo­her wis­sen Sie, dass Fred Sut­ton und Stel­la Ro­de­rick Ward um­ge­bracht ha­ben?“, frag­te ich ihn.

„Fred er­schien am nächs­ten Mor­gen und woll­te die Un­ter­la­gen ha­ben, doch ich sag­te ihm, er sol­le ver­schwin­den. Wenn er mein­te, ich wür­de mir die Schuld an Ro­de­ricks Ge­schich­ten zu­schie­ben las­sen, sei er schief ge­wi­ckelt. Aber er sag­te, Ro­de­rick sei tot und ich wä­re auch dran, wenn ich ihm die Pa­pie­re nicht aus­hän­dig­te.“

Er un­ter­brach sich nur, um Luft zu ho­len.

„Al­so sag ich zu ihm, ich glaub nicht, dass Ro­de­rick tot ist, ich glaub, er will mir nur Angst ma­chen. Sagt er, zur Angst hät­te ich auch al­len Grund, denn sie hät­ten Ro­de­rick um­ge­bracht. Dann be­sinnt er sich und sagt, nein, es war ein Un­fall, sie hät­ten ihn bloß da­zu brin­gen wol­len, zu ver­ra­ten, wo das Geld ge­blie­ben ist. Stel­la hät­te ihn an den Fü­ßen ge­zo­gen, und sein Kopf sei un­ter­ge­gan­gen, und? . . . auf ein­mal sei er tot ge­we­sen. Sie hät­te ein­fach so ih­ren Bru­der um­ge­bracht, sag­te Fred. Ge­ra­de hat­ten sie ihn noch aus­ge­fragt, dann war er tot.“

„Und ha­ben Sie Fred die Un­ter­la­gen ge­ge­ben, die er ha­ben woll­te?“, frag­te ich.

„Klar“, ant­wor­te­te er. „Die dürf­ten ihm aber nicht viel ge­nützt ha­ben. Das Geld ist schon ewig weg, und sie än­dern die Kon­to­num­mern und al­les stän­dig.“„Sie?“, frag­te ich. Er kniff die Lip­pen zu­sam­men und schüt­tel­te den Kopf.

Aber ich hat­te viel Zeit zum Nach­den­ken ge­habt wäh­rend mei­ner Wacht in Greysto­ne Sta­bles und in dem Im­biss in New­bury, und mein Ver­dacht war da­bei im­mer mehr zur Ge­wiss­heit ge­wor­den.

„Sie mei­nen Jack­son War­ren und Pe­ter Gar­ra­way“, sag­te ich. Es war eher ei­ne Fest­stel­lung als ei­ne Fra­ge.

Er starr­te mich mit of­fe­nem Mund an. Ich hat­te al­so recht. Sie muss­ten es ein­fach sein. „Und wer ist Mr. Ci­gar?“, fuhr ich fort.

Er lach­te auf. „Nie­mand“, sag­te er. „Das war Ro­de­ricks Idee. Al­le ha­ben ih­re di­cken Ha­van­nas ge­pafft und über den gu­ten Witz ge­lacht.“

„Und die Rock Bank Ltd.? Ist die auch er­fun­den?“

„Nein, die gibt’s wirk­lich“, er­klär­te er. „Es ist nur nicht di­rekt ei­ne Bank, son­dern ei­ne Hol­ding­ge­sell­schaft auf Gi­bral­tar. Wenn Geld rein­kommt, bleibt es da ei­ne Wei­le und fließt dann wei­ter.“

„Von wel­chen Sum­men re­den wir?“, frag­te ich.

„Kommt drauf an, wie viel die Leu­te in­ves­tie­ren.“

„Und wo­hin fließt es von der Rock Bank aus?“

„Ich las­se es auf ein an­de­res Kon­to in Gi­bral­tar bu­chen, aber da bleibt es auch nicht lan­ge“, sag­te er. „Wo­hin es dann geht, weiß ich nicht. Zum Schluss lan­det es mit ziem­li­cher Si­cher­heit auf ei­nem Schwei­zer Num­mern­kon­to.“

„Wie lan­ge bleibt es bei der Rock Bank?“

„Et­wa ei­ne Wo­che“, sag­te er. „Bis der Trans­fer durch ist und even­tu­el­le Pro­ble­me aus­ge­räumt sind.“

Die Rock „Bank“Gi­bral­tar Ltd. hat­te al­so kein ei­ge­nes Ver­mö­gen.Kein Wun­der, dass sich die Li­qui­da­to­ren in London hin­ter die ein­zel­nen Ge­sell­schaf­ter ge­klemmt hat­ten.

(Fort­set­zung folgt)

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