Das Für und Wi­der der An­fech­tungs­kla­ge

Rheinische Post Goch - - EXTRA INSOLVENZ - VON JÜR­GEN GRO­SCHE

Ein Wort geis­tert ge­ra­de durch die Flu­re der Ge­rich­te, der An­walts- und Un­ter­neh­mens­bü­ros: In­sol­venz­an­fech­tung. In­sol­venz­ver­wal­ter nut­zen das In­stru­ment ge­ge­be­nen­falls mit da­mit ver­bun­de­ner Kla­ge, um Ge­schäf­te rück­gän­gig zu ma­chen, die ein an­ge­schla­ge­nes Un­ter­neh­men vor sei­ner In­sol­venz ge­tä­tigt hat. Die ent­spre­chen­den Rechts­vor­schrif­ten sol­len ver­hin­dern, dass ein­zel­ne Gläu­bi­ger be­vor­zugt wer­den. Bis zu zehn Jah­re rück­wir­kend kön­nen zum Bei­spiel Lie­fe­ran­ten ver­pflich­tet wer­den, er­hal­te­ne Zah­lun­gen zu­rück­zu­er­stat­ten. Zur­zeit wird ei­ne Re­form der In­sol­venz­an­fech­tung dis­ku­tiert. Grund ge­nug, sich auch beim zwei­ten RPWirt­schafts­fo­rum „In­sol­venz und Sa­nie­rung“da­mit zu be­fas­sen.

„Vie­le ha­ben das The­ma nicht auf dem Schirm“, weiß Co­rin­ne Ren­nert-Ber­gen­thal (ADKL). Die „Schär­fe des Schwer­tes“sei auch vie­len Be­ra­tern nicht prä­sent. Die Gleich­be­hand­lung der Gläu­bi­ger sei das „Man­tra des In­sol­venz­rechts“, er­klärt Dr. Wol­fRü­di­ger von der Fecht und ver­tei­digt den Grund­satz auch als „wich­ti­gen Baustein“in In­sol­venz­ver­fah­ren. Ei­ne Re­du­zie­rung der Zehn­jah­res­frist hält von der Fecht für ge­recht­fer­tigt. „Auch Sach­wal­ter müs­sen grund­sätz­lich die­ses Man­tra hoch­hal­ten.“

Dr. Mar­co Wil­helm (Mayer Brown) er­ach­tet den Grund­satz eben­falls als „oft­mals not­wen­dig für die Re­struk­tu­rie­rung“, er dis­zi­pli­nie­re die be­tei­lig­ten Par­tei­en. Al­ler­dings sei die Recht­spre­chung „in Tei­len sa­nie­rungs­feind­lich“. Denn Kun­den oder Lie­fe­ran­ten, die ei­nem klam­men Un­ter­neh­men hel­fen wol­len, gin­gen ein Ri­si­ko ein, das sie bei zu re­strik­ti­ver Recht­spre­chung eher mei­den. Ähn­li­ches gel­te auch für Be­ra­ter, wie ak­tu­el­le Ur­tei­le zei­gen.

Für Schlag­zei­len sorg­ten ins­be­son­de­re Ur­tei­le des Bun­des­ge­richts­ho­fes (BGH), die Gläu­bi­gern gro­ße Ver­ant­wor­tung auf­las­te­ten, ei­ne dro­hen­de Zah­lungs­un­fä­hig­keit schon früh zu er­ken­nen. Wie die Rich­ter In­di­zi­en be­wer­te­ten, sei in Tei­len schon et­was über­trie­ben, meint Tho­mas Aust­mann (Aust­mann & Part­ner). Es sei ein rich­ti­ger An­satz, das Recht hier zu re­for­mie­ren. Vor al­lem kom­me die Fra­ge ja nach ei­ner zu­nächst er­folg­rei­chen Sa­nie­rung wie­der auf. Die Fra­ge stel­le sich dann: Ist das Un­ter­neh­men wirk­lich sa­niert – oder muss man wie­der ei­ne dro­hen­de Schief­la­ge früh ein­kal­ku­lie­ren?

Ro­bert Bucha­lik (Bucha­lik Bröm­me­kamp) hat grund­sätz­lich kein Pro­blem mit der An­fech­tung, er hält aber eben­falls die BGH-Recht­spre­chung für „zu ex­zes­siv“. Ei­ne Sa­nie­rung wer­de hoff­nungs­los, wenn sich et­wa ein zen­tra­ler Lie­fe­rant aus Sor­ge vor Re­gres­sen zu­rück­zie­he. Hier sieht Bucha­lik ei­nen Vor­teil der In­sol­venz in Ei­gen­ver­wal­tung. Da­bei könn­ten sich die Gläu­bi­ger über ihr Vor­ge­hen ab­stim­men, das dann nicht von ei­nem Sach­wal­ter vor­ge­ge­ben wer­de, der vi­el­leicht zu re­strik­tiv ein­fach nur For­de­run­gen ein­treibt.

Wil­helm Klaas (Klaas & Kol­le­gen) weist auf ei­ne Pro­ble­ma­tik im Zu­sam­men­hang mit Be­ra­tern hin: Grund­sätz­lich soll­ten sie ja ei­gent­lich die La­ge ei­nes Un­ter­neh­mens im Vor­feld ein­schät­zen kön­nen. Aber in der Pra­xis be­ste­he die Ge­fahr, dass In­sol­venz­an­trä­ge im­mer spä­ter ge­stellt wer­den, weil die Be­ra­ter vor­her noch an­de­re Mög­lich­kei­ten aus­schöp­fen wol­len. Das ge­fähr­de aber häu­fig ei­ne spä­te­re Sa­nie­rung. Da­her kön­ne ei­ne Schwä­chung des An­fech­tungs­rech­tes – das eben auch die Be­ra­ter dis­zi­pli­niert – die Sa­nie­rung schwä­chen.

„Ein Be­ra­ter muss auf­pas­sen, dass er nicht selbst in Haf­tung ge­rät“, warnt auch Dr. Dirk And­res (And­resPart­ner). Grund­sätz­lich sieht er aber auch Po­si­ti­ves in der Rechts­la­ge. Manch­mal sei es för­der­lich für ei­ne Sa­nie­rung, wenn man al­lein schon das Mit­tel der An­fech­tung ins Ge­spräch brin­gen wür­de.

Was er­gibt sich aus al­le­dem für die Pra­xis? Bucha­lik em­fiehlt ei­ne Check­lis­te: Wenn ein Kun­de bei Ra­ten­zah­lun­gen stot­tert, sei ei­ne Mah­nung ver­bun­den mit wei­te­rem Ab­war­ten tö­richt. Hier müs­se der Lie­fe­rant die dro­hen­de Zah­lungs­un­fä­hig­keit er­ken­nen. „Wenn ein Kun­de Ra­ten­zah­lun­gen ver­langt, soll­te man sich dar­auf nur ein­las­sen, wenn man si­cher da­von aus­ge­hen kann, dass er nicht dro­hend zah­lungs­un­fä­hig oder gar zah­lungs­fä­hig ist. Das kann zum Bei­spiel durch ei­ne ent­spre­chen­de Er­klä­rung sei­nes Steu­er­be­ra­ters aus der Welt ge­räumt wer­den. Bes­ser aber ist es, an­stel­le ei­ner Ra­ten­zah­lung ei­ne Ver­län­ge­rung der Zah­lungs­zie­le zu ver­ein­ba­ren.

So­lan­ge der Kun­de in­ner­halb der ver­län­ger­ten Zah­lungs­zie­le zahlt, ist das völ­lig un­kri­tisch. Wenn der Kun­de bei Ra­ten­zah­lun­gen stot­tert, auf kei­nen Fall mit Voll­stre­ckung oder In­sol­venz­an­trag dro­hen. Das ist ei­ne Steil­vor­la­ge für den In­sol­venz­ver­wal­ter, der an­fech­ten will.“

Man müs­se aber auch nicht bei je­dem Schrei­ben ei­nes In­sol­venz­ver­wal­ters Angst be­kom­men, wen­det Horst Pie­pen­burg (Pie­pen­burg Ger­ling) ein. Wenn der Ver­wal­ter of­fen­sicht­lich ein Rund­schrei­ben an vie­le Gläu­bi­ger mit An­fech­tun­gen ver­schickt, müs­se man nicht gleich zah­len: „So ein­fach ist das mit der An­fech­tung auch wie­der nicht.“

Ni­co­le Ir­mer (Al­li­anz) emp­fiehlt Ma­na­gern dar­über hin­aus, sich ge­gen sol­che ju­ris­ti­schen Un­wäg­bar­kei­ten zu schüt­zen. Die Ver­si­che­rungs­ex­per­tin fin­det es in­des er­staun­lich, dass vie­le Ge­schäfts­füh­rer kei­ne Ver­si­che­rung ge­gen Ver­mö­gens­schä­den hät­ten. Fahr­läs­sig sei es auch, kei­ne Straf­rechts­schutz­ver­si­che­rung zu ha­ben. Sinn­voll könn­ten auch Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­run­gen sein.

„Ei­ne Schwä­chung des An­fech­tungs­rech­tes kann die Sa­nie­rung schwä­chen“ „Man muss nicht bei je­dem Schrei­ben ei­nes In­sol­venz­ver­wal­ters Angst

be­kom­men“

FO­TOS: ALOIS MÜLLER

Um­fas­send und viel­fäl­tig wa­ren die Dis­kus­sio­nen beim zwei­ten RP-Wirt­schafts­fo­rum „In­sol­venz und Sa­nie­rung“. Teil­ge­nom­men hat­ten In­sol- venz­ver­wal­ter und Sa­nie­rungs­be­ra­ter aus Düsseldorf und der Re­gi­on.

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