PRO­FES­SOR JÜR­GEN WES­SING Wenn der Staats­an­walt zwei­mal klin­gelt

Rheinische Post Goch - - EXTRA INSOLVENZ - DAS IN­TER­VIEW FÜHR­TE MAT­THI­AS VON AR­NIM

Das klingt ja aben­teu­er­lich. Un­ter­neh­mer in Not sind in der Re­gel doch kei­ne Straf­tä­ter, son­dern ein­fach nur knapp bei Kas­se, oder? JÜR­GEN WES­SING In­sol­venz­recht und Straf­recht ge­hen hier­zu­lan­de flie­ßend in­ein­an­der über. Für vie­le Ge­schäfts­füh­rer ist ei­ne In­sol­venz des­halb nicht nur auf ge­schäft­li­cher Ebe­ne ei­ne Nie­der­la­ge, son­dern auch ganz per­sön­lich ei­ne Ka­ta­stro­phe. Denn vie­le Un­ter­neh­mer klam­mern sich bis zu­letzt an ihr Ge­schäft, schie­ßen ei­ge­nes Ver­mö­gen ein, ver­pfän­den ihr Haus, ge­hen per­sön­lich gro­ße fi­nan­zi­el­le Ri­si­ken ein, um das Un­ter­neh­men zu ret­ten – und wer­den am En­de da­für vom Staats­an­walt per­sön­lich in Haf­tung ge­nom­men. Die Rechts­la­ge in Deutsch­land ist nun ein­mal so. An­de­re Län­der hand­ha­ben das an­ders. Zum Bei­spiel? JÜR­GEN WES­SING Zum Bei­spiel die USA. Da ist es nicht un­üb­lich, als Un­ter­neh­mer zwei oder drei Fir­men zu grün­den, Plei­te zu ge­hen und erst mit der vier­ten Un­ter­neh­mung reich zu wer­den. Schei­tern ge­hört ein­fach da­zu und ist ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert. Die­se Grund­hal­tung spie­gelt sich auch in der Ge­setz­ge­bung dort wie­der. Na­tür­lich kön­nen Sie als zah­lungs­un­fä­hi­ger Un­ter­neh­mer auch in den USA vor Ge­richt lan­den, aber nur dann, wenn je­mand Sie ver­klagt hat. Da geht es dann auch nicht dar­um, ob Sie be­stimm­te Fris­ten ei­nes In­sol­venz­rechts ein­hal­ten, son­dern ob Sie je­man­den be­tro­gen ha­ben. Wenn je­mand ge­lie­he­nes Geld nicht zu­rück­be­kommt, fühlt er sich doch schnell be­tro­gen. Ban­ken zum Bei­spiel sind da in der Re­gel doch recht hart­nä­ckig, auch in den USA. Oder? JÜR­GEN WES­SING Bei der Fi­nan­zie­rung von Un­ter­neh­men spie­len Ban­ken in den USA ei­ne ganz an­de­re Rol­le als hier­zu­lan­de. In den Staa­ten ist es üb­li­cher, pri­va­te In­ves­to­ren ins Boot zu ho­len. Die er­hof­fen sich Chan­cen, wis­sen aber in der Re­gel auch, dass ei­ne un­ter­neh­me­ri­sche Be­tei­li­gung im­mer auch ein Ri­si­ko be­deu­tet. Ein Mark Zu­cker­berg bei­spiels­wei­se schmeißt ge­ra­de­zu mit Geld um sich und in­ves­tiert in vie­le Un­ter­neh­men, von de­nen auch vie­le schei­tern. Aber ei­ni­ge schaf­fen vi­el­leicht den ganz gro­ßen Durch­bruch. Das rech­net sich un­term Strich. Die Un­ter­neh­mer, die schei­tern, wer­den nicht ver­klagt, weil sie es nicht ge­schafft ha­ben. Die neh­men oft­mals ein­fach neu­en An­lauf. Und fin­den da­für auch wie­der In­ves­to­ren, wenn die Ge­schäfts-Idee gut ist. Von solch ei­ner Men­ta­li­tät sind wir hier weit ent­fernt. Wer hier­zu­lan­de schei­tert, muss sich da- für recht­fer­ti­gen, auch vor dem Staats­an­walt. Ist das deut­sche In­sol­venz­recht schäd­lich für das Un­ter­neh­mer­tum? JÜR­GEN WES­SING Sa­gen wir es an­ders: Es ist ein kul­tu­rel­ler Un­ter­schied, der sich in Form von Ge­set­zes­tex­ten wie­der­fin­det. In den USA schei­tern Sie und kön­nen mit ei­ner neu­en Un­ter­neh­mung be­wei­sen, dass Sie et­was ge­lernt ha­ben. In Deutsch­land schei­tern Sie und müs­sen vor Ge­richt be­wei­sen, dass Sie kei­ne Form­feh­ler be­gan­gen ha­ben. Wie kön­nen sich Ge­schäfts­füh­rer hier­zu­lan­de da­vor schüt­zen, als Straf­tä­ter be­han­delt zu wer­den? JÜR­GEN WES­SING Der ers­te und wich­tigs­te Schritt soll­te sein, ei­ne Ma­na­ger-Haft­pflicht­ver­si­che­rung ab­zu­schlie­ßen. Und zwar ganz per­sön­lich, nicht für die Fir­ma. Denn wenn man sich vor Ge­richt ge­gen den Vor- wurf der In­sol­venz­ver­schlep­pung weh­ren muss, soll­te man ei­nen gu­ten An­walt an sei­ner Sei­te ha­ben. Der kos­tet Geld. Und das ist nun mal, wenn es um In­sol­ven­zen geht, meis­tens ge­ra­de knapp. Ha­ben Sie noch ei­nen gu­ten Rat für Ge­schäfts­füh­rer? JÜR­GEN WES­SING Wenn ei­ne In­sol­venz droht, soll­ten sie nicht zu lan­ge zö­gern und nicht zu lan­ge auf das Prin­zip Hoff­nung set­zen. Denn der Tod der Hoff­nung ist die Ge­burts­stun­de des Straf­ver­fah­rens.

„Der ers­te und wich­tigs­te Schritt soll­te sein, ei­ne Ma­na­gerHaft­pflicht­ver­si­che­rung ab­zu­schlie­ßen“

FOTO: MICHA­EL LÜB­KE

Pro­fes­sor Jür­gen Wes­sing, Fach­an­walt für Straf­recht in der Kanz­lei Wes­sing & Part­ner

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