Mehr Mut zur frü­hen Lö­sung

Rheinische Post Goch - - EXTRA INSOLVENZ - VON JÜR­GEN GRO­SCHE

Noch im­mer fürch­ten vie­le Un­ter­neh­mer den Re­pu­ta­ti­ons­scha­den ei­ner Sa­nie­rung oder In­sol­venz mehr als die Kon­se­quen­zen des Nichts­tuns. Da­bei bie­tet das mo­der­ne Recht vie­le hilf­rei­che In­stru­men­te – und je frü­her ei­ne Sa­nie­rung be­ginnt, des­to grö­ßer sind die Er­folgs­chan­cen.

Schief­la­ge, Kri­se, In­sol­venz – so weit müss­te es in ei­nem Un­ter­neh­men ei­gent­lich nicht kom­men, wenn ers­te An­zei­chen recht­zei­tig er­kannt, Si­gna­le ent­spre­chend in­ter­pre­tiert wür­den. „So­wohl der Ge­sell­schaf­ter als auch die Ge­schäfts­füh­rung soll­ten so früh wie mög­lich Rat ein­ho­len“, emp­feh­len Dr. Mat­thi­as Kampshoff und Dr. Uwe Goet­ker, bei­de Part­ner im Düs­sel­dor­fer Bü­ro von McDer­mott Will & Eme­ry. Der Kon­takt zu ei­ner in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Kanz­lei wie McDer­mott sei ge­ra­de in ei­ner sol­chen Früh­pha­se hilf­reich: „Wir kön­nen un­auf­fäl­lig in al­le Rich­tun­gen be­ra­ten“, be­schreibt Goet­ker die Vor­tei­le: Wenn das Wort Kri­se noch nicht ge­fal­len ist, ha­ben Un­ter­neh­men und Be­ra­ter viel mehr Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten als in Fäl­len, in de­nen be­reits For­de­run­gen aus­ste­hen, an­de­re Pro­ble­me be­kannt wer­den oder gar un­ter Zeit­druck Lö­sun­gen ge­fun­den wer­den müs­sen.

Die Sa­nie­rungs­ex­per­ten der Kanz­lei be­ra­ten Un­ter­neh­men na­tür­lich in al­len Sta­di­en, auch den kri­ti­schen. „Wir ana­ly­sie­ren die La­ge er­geb­nis­of­fen“, sagt Kampshoff, „Ziel ist das bes­te Er­geb­nis für den Man­dan­ten.“Die In­stru­men­ta­ri­en sind seit Ein­füh­rung des neu­en In­sol­venz­rechts (Stich­wort ESUG) viel­fäl­ti­ger. Da­zu zäh­len die au­ßer­ge­richt­li­che Sa­nie­rung ge­nau­so wie Schutz­schutz­schirm­ver­fah­ren, In­sol­venz­ver­fah­ren in Ei­gen­ver­wal­tung oder die Re­ge­lin­sol­venz.

Pro­blem ins­be­son­de­re in Deutsch­land: „Hier gilt die In­sol­venz im­mer noch als Schei­tern“, be­ob­ach­tet Kampshoff. Das führt da­zu, dass Ma­na­ger häu­fig lie­ber die Au­gen ver­schlie­ßen statt zu han­deln. Da­bei zei­ge – so Goet­ker – das neue In­sol­venz­recht in vie­len Fäl­len Aus­we­ge. Auch in Fäl­len, die kaum ins Be­wusst­sein drän­gen. So könn­ten zum Bei- spiel Un­ter­neh­men mit Kon­zern­struk­tu­ren das ESUG nut­zen, um ei­ne krän­keln­de Toch­ter­ge­sell­schaft ef­fi­zi­ent zu sa­nie­ren. „Das hal­ten wir ins­be­son­de­re im In­ter­es­se der Ge­sell­schaf­ter in be­stimm­ten Kon­stel­la­tio­nen für ge­bo­ten, auch um Scha­den vom Rest des Kon­zerns ab­zu­wen­den.“

In vie­len Fäl­len wer­de die­ser Schritt je­doch aus Angst vor ei­nem Re­pu­ta­ti­ons­ver­lust nicht voll­zo­gen. „Dies soll­te sich än­dern, wenn die In­sol­venz als Chan­ce für ei­ne er­folg­rei­che Re­struk­tu­rie­rung und nicht als Schei­tern ver­stan­den wird“, sagt Kampshoff. Goet­ker ist zu­ver­sicht­lich, dass dies auch in Deutsch­land pas­sie­ren wird, „so­bald auch Nicht-Sa­nie­rer an­hand po­si­ti­ver Pra­xis­bei­spie­le be­grei­fen, dass wir ge­ra­de in der Kri­se vie­le po­si­ti­ve Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten ha­ben“.

In ih­rem Ar­beits­all­tag ha­ben Goet­ker und Kampshoff teils sehr kom­ple­xe Fäl­le zu lö­sen, zum Bei­spiel Re­struk­tu­rie­run­gen von An­lei­hen. Sie er­freu­ten sich im Mit­tel­stand ei­ne Zeit lang ho­her Be­liebt­heit. Im Kri­sen­fall ist al­ler­dings oft ei­ne Viel­zahl von Gläu­bi­gern in­vol­viert. Auch hier hat ei­ne Rechts­re­form neue Lö­sun­gen mög­lich ge­macht. Nach dem seit 2009 gül­ti­gen Schuld­ver­schrei­bungs­ge­setz kann die Mehr­heit der An­lei­he­gläu­bi­ger ei­nen Schul­den­schnitt ver­ein­ba­ren, wäh­rend frü­her al­le ei­nem sol­chen Schritt zu­stim­men muss­ten. Wenn dann ei­ner aus­scher­te, war schlimms­ten­falls die ge­sam­te Sa­nie­rung ge­fähr­det.

Kom­pli­ziert wird es, wenn In­sol­ven­zen in­ter­na­tio­na­le Kon­se­quen­zen ha­ben. Ge­ra­de hier se­hen die An­wäl­te ih­re Kanz­lei mit ih­rem in­ter­na­tio­na­len Netz­werk gut po­si­tio­niert. Da­bei er­for­dern vie­le Fra­gen Know-how in den ver­schie­dens­ten Rechts­sys­te­men. Dar­aus las­sen sich dann Lö­sun­gen ab­lei­ten, die oh­ne sol­che Kennt­nis kaum ge­fun­den wer­den. Goet­ker nennt die ge­ziel­te Nut­zung von Re­struk­tu­rie­rungs­werk­zeu­gen an­de­rer Rechts­ord­nun­gen, et­wa bei Dar­le­hens­ver­trä­gen nach bri­ti­schem Recht, als Bei­spiel.

Wenn Un­ter­neh­men mit Ge­sell­schaf­ten in meh­re­ren Län­dern oder um­ge­kehrt in­ter­na­tio­na­le Gläu­bi­ger­grup­pen in Kri­sen­fäl­le in­vol­viert sind, dann wird es re­gel­mä­ßig sehr kom­plex. Zwar gibt es ju­ris­ti­sche Rah­men wie die Eu­ro­päi­sche In­sol­venz­ver­ord­nung oder das Uni­ted Na­ti­ons Com­mis­si­on on In­ter­na­tio­nal Tra­de Law (UNCITRAL), al­so Mus­ter­re­geln der Ver­ein­ten Na­tio­nen. „Aber in der Pra­xis blei­ben vie­le Fra­gen of­fen, die dann letzt­lich ge­richt­lich oder im Ver­gleichs­we­ge ge­klärt wer­den“, sagt Kampshoff. Ge­ra­de hier sei dann die Ex­per­ti­se von ver­sier­ten An­wäl­ten und Be­ra­tern ge­fragt.

Doch oft be­fruch­ten die Un­ter­schie­de auch die na­tio­na­len Ent­wick­lun­gen. So hat­te un­ter an­de­rem die Re­struk­tu­rie­rung der Sche­fe­na­cker-Grup­pe ei­nen wich­ti­gen Im­puls zur Ein­füh­rung des ESUG ge­leis­tet. Goet­ker be­treu­te da­mals fe­der­füh­rend die Re­struk­tu­rie­rung für den Ge­sell­schaf­ter. Der Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rer hat­te sei­nen Sitz aus Deutsch­land nach En­g­land ver­la­gert und die Rechts­form der AG in ei­ne PLC um­ge­wan­delt. „In En­g­land war das Ver­fah­ren bes­ser plan­bar als in Deutsch­land“, er­klärt Goet­ker; An­lei­hen konn­ten da­mals nach eng­li­schem Recht zu­dem ein­fa­cher re­struk­tu­riert wer­den.

Im­mer­hin – vie­les ist nun auch in Deutsch­land mög­lich. Die Sa­nie­rungs­spe­zia­lis­ten ma­chen Mut, die Mög­lich­kei­ten als Chan­ce zu se­hen.

FO­TOS: MCDER­MOTT

Dr. Mat­thi­as Kampshoff (links) und Dr. Uwe Goet­ker, bei­de Part­ner im Düs­sel­dor­fer Bü­ro von McDer­mott Will & Eme­ry, ma­chen Un­ter­neh­mern Mut, in Sa­nie­rungs­fra­gen früh­zei­tig Rat zu su­chen.

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