Ein neu­er Blick auf die Ar­mut

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON BIR­GIT MARSCHALL UND GRE­GOR MAYNTZ

die Öko­no­min Es­t­her Duf­lo sind we­der po­li­ti­sche Sys­te­me noch ge­sell­schaft­li­che Eli­ten ver­ant­wort­lich für Ar­mut. Da­hin­ter stün­den „Aber­tau­sen­de von Pro­ble­men“. Mit Ei­ern und Ba­na­nen fängt al­les an, sagt Duf­lo.

BERLIN Wenn die fran­zö­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Öko­no­min Es­t­her Duf­lo ge­fragt wird, wie viel ein Mensch zum Le­ben braucht, sagt sie, sehr we­nig. Und prä­zi­siert es dann: 30 US-Cent am Tag. Was die re­nom­mier­te Ar­muts­for­sche­rin mit ih­rem Part­ner Ab­hi­jit Ba­ner­jee aus­rech­ne­te, be­zog sich „un­glück­li­cher­wei­se“, wie sie selbst im In­ter­view mit der „Süd­deut­schen Zei­tung“sagt, auf ei­ne Er­näh­rung aus­schließ­lich durch Eier und Ba­na­nen. Zu­dem müs­se man zum Bei­spiel in ei­nem war­men Land wie den Phil­ip­pi­nen le­ben und ei­ne Un­ter­kunft ha­ben, für die man nicht zah­len müs­se.

Duf­lo stellt nicht nur die Ar­muts­schwel­le nach un­ten in­fra­ge, son­dern auch die Ge­fühls­la­ge dar­über hin­aus. Es wer­de na­tür­lich viel teu­rer, wenn man nicht nur von Ei­ern und Ba­na­nen le­ben wol­le. Und vi­el­leicht nicht in ei­nem Zelt, son­dern in ei­nem rich­ti­gen Haus. „Das heißt aber noch lan­ge nicht, dass man dann nicht mehr arm ist“, lau­tet ih­re Ein­schrän­kung.

Nach vie­len Jah­ren der Feld­for­schung stellt sie zu­dem ge­bräuch­li­che Er­klä­rungs­mus­ter der Ar­mut in­fra­ge. Ver­ant­wort­lich für Ar­mut ist nach ih­rer Über­zeu­gung – nie­mand. „Kei­ne Per­son, kein Sys­tem.“Schuld an der Ar­mut trü­gen we­der Ka­pi­ta­lis­mus noch So­zia­lis­mus und auch nicht die Eli­ten ei­nes Lan­des. „Ich se­he Ar­mut nicht als ein ein­zel­nes Pro­blem, son­dern als Tau­sen­de, Aber­tau­sen­de von Pro­ble­men, die zu­sam­men­hän­gen und sich manch­mal so­gar ge­gen­sei­tig ver­stär­ken.“Et­wa nach dem Ent­wick­lungs­län­der-Mus­ter, dass Ar­me ten­den­zi­ell vie­le Kin­der be­kä­men, was da­zu füh­re, dass sie schlech­ter aus­ge­bil­det sei­en, was dar­auf hin­aus­lau­fe, dass sie we­ni­ger ver­dien­ten.

Um mehr über die wah­ren Ur­sa­chen der Ar­mut zu er­fah­ren, un­ter­nah­men Duf­lo und Ba­ner­jee Ex­pe­ri­men­te mit Kon­troll­grup­pen, wie sie in der Me­di­zin schon lan­ge üb­lich sind. So fan­den die For­scher zum Bei­spiel her­aus, dass Mi­kro­kre­di­te im Kampf ge­gen die Ar­mut nur be­dingt hel­fen – und dass en­er­gie­spa­ren­de Koch­her­de ex­trem sim­pel zu be­die­nen sein müs­sen, da­mit die Ar­men sie auch nut­zen. Als die Stu­die fer­tig war, hat­te die „Glo­bal Al­li­an­ce for Cle­an Cook­sto­ves“aber lei­der schon Hun­dert­tau­sen­de von schwie­rig zu be­die­nen­den Öfen ver­teilt.

Die Idee der Mi­kro­kre­di­te kam in den 90er Jah­ren groß in Mo­de. Auch die Ärms­ten soll­ten zins­güns­ti­ger Kleinst­kre­di­te be­kom­men, um da­mit ein ei­ge­nes Ge­schäft auf­zu­zie­hen. Ihr Er­fin­der, der aus Ban­gla­desch stam­men­de Öko­nom Mu­ham­mad Yu­nus, be­kam da­für 2006 so­gar den Frie­dens­no­bel­preis. Doch Duf­lo und an­de­re For­scher ent­larv­ten das Mi­kro­kre­dit-Bu­si­ness bald als Ge­schäfts­mo­dell, das nur sel­ten den Ar­men, meis­tens hin­ge­gen der Fi­nanz­in­dus­trie und ih­ren In­ves­to­ren nutzt. Denn zu kur­ze Kre­dit­lauf­zei­ten der Mi­kro­kre­di­te nö­ti­gen die Schuld­ner all­zu häu­fig, sich bei lo­ka­len Kre­dit­ge­bern er­neut Geld zu lei­hen, um ih­ren Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men. Da­durch wird nicht sel­ten ei­ne Ver­schul­dungs­spi­ra­le in Gang ge­setzt.

Das Phä­no­men Ar­mut hängt nach Über­zeu­gung vie­ler Öko­no­men stark von der po­li­ti­schen Ver­fasst­heit ei­nes Staa­tes ab. Al­so da­von, ob in die­sem Land skru­pel­lo­se Macht­ha­ber gro­ße Tei­le ih­rer Be­völ­ke­rung ver­skla­ven, ob Ge­schäf­te nur dank kor­rup­ter Eli­ten mög­lich sind, ob es ei­ne Rechts­staat­lich­keit, ein funk­tio­nie­ren­des Bil­dungs­oder So­zi­al­sys­tem gibt. Ar­muts­be­kämp­fung ist da­nach al­so vor al­lem auch ei­ne Fra­ge der Qua­li­tät der staat­li­chen und po­li­ti­schen In­sti­tu­tio­nen.

Der Zu­gang zu Bil­dung ent­schei­det we­sent­lich dar­über, ob der Weg aus der Ar­mut ge­lingt. Hier muss die Ar­muts­for­schung gar nicht zwi­schen ent­wi­ckel­ten und we­ni­ger ent­wi­ckel­ten Län­dern un­ter­schei­den, denn die Aus­sa­ge

Es­t­her Duf­lo gilt für bei­de. Deutsch­land schnei­det im In­dus­trie­län­der-Ver­gleich der Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) re­gel­mä­ßig nicht be­son­ders gut ab, wenn es dar­um geht, die Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten durch Bil­dung zu ver­glei­chen. Kin­der aus bil­dungs­fer­nen Fa­mi­li­en schaf­fen es hier­zu­lan­de noch viel sel­te­ner als in an­de­ren Län­dern ans Gym­na­si­um und ins Stu­di­um als Mit­schü­ler aus dem Bil­dungs­bür­ger­tum.

Die OECD zeich­net in ih­ren Stu­di­en oft das Bild ei­ner sa­tu­rier­ten Na­ti­on, die sich um noch mehr Chan­cen­gleich­heit nicht be­son­ders be­müht: 20 Pro­zent der Deut­schen zwi­schen 25 und 34 Jah­ren er­wer­ben ei­nen Bil­dungs­ab­schluss, der hö­her ist als der ih­rer El­tern, aber 22 Pro­zent blei­ben hin­ter dem zu­rück, was Pa­pa oder Ma­ma vor­ge­legt ha­ben. Da­mit über­wiegt die Ab­wärts­mo­bi­li­tät, ein Trend, der in­ter­na­tio­nal sehr sel­ten ist, wie die OECD warnt.

Kri­tisch be­wer­tet die OECD den ho­hen An­teil an Teil­zeit-Jobs, be­fris­te­ten Be­schäf­ti­gun­gen oder selbst­stän­di­ger Ar­beit. Ei­ne sol­che so­ge­nann­te aty­pi­sche Be­schäf­ti­gung üb­ten im Jahr 2013 in Deutsch­land fast 40 Pro­zent al­ler Be­schäf­tig­ten aus. Sie ver­die­nen dem­nach deut­lich we­ni­ger als Nor­mal­be­schäf­tig­te. Be­son­ders oft ha­ben Frau­en ei­ne aty­pi­sche Be­schäf­ti­gung, wes­halb sie auch häu­fi­ger ar­muts­ge­fähr­det sind.

Wenn sie an die drän­gends­ten Pro­ble­me der Zu­kunft denkt, fällt Duf­lo als ers­tes der Um­welt­schutz ein. Die Zer­stö­rung der Na­tur ge­he in Ent­wick­lungs­län­dern schnell vor­an, ge­ra­de wenn sie ein we­nig an Wohl­stand ge­wön­nen. „Der Kli­ma­wan­del wird das Le­ben der Ärms­ten sehr viel stär­ker be­ein­flus­sen als das der an­de­ren“, un­ter­streicht die Öko­no­min.

Sie glaubt dar­an, dass schon in den nächs­ten Jah­ren nie­mand mehr un­ter der bis­he­ri­gen Ar­muts­gren­ze von 1,25 Dol­lar le­ben muss. Dann wer­de die neue Ar­muts­li­nie eben bei zwei Dol­lar lie­gen. Al­ler­dings sei es ge­nau­so we­nig an­nehm­bar, von zwei Dol­lar zu le­ben, wie von 1,25 Dol­lar. Duf­lo ist sich si­cher: „Ar­mut wird uns im­mer be­glei­ten.“

„Der Kli­ma­wan­del wird das Le­ben der Ärms­ten viel stär­ker be­ein­flus­sen als das der an­de­ren“

For­sche­rin

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