Ge­nia­ler Selbst-Ent­blö­ßer

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KULTUR - VON FRANK DIETSCHREIT

Der Nor­we­ger Karl Ove Kn­aus­gard setzt mit „Träu­men“sei­ne li­te­ra­ri­sche Au­to­bio­gra­fie fort. Dar­in be­schreibt er wei­ter al­le Er­leb­nis­se, Ge­dan­ken und Ängs­te sei­nes Le­bens – und schafft ei­ne Hy­per­rea­li­tät. Sei­ne Le­ser sind süch­tig da­nach.

Um Karl Ove Kn­aus­gard ist ein re­gel­rech­ter Hy­pe ent­stan­den. Sein sechs­tei­li­ger Ro­man-Zy­klus wur­de in Nor­we­gen, ei­nem Land von ge­ra­de ein­mal fünf Mil­lio­nen Ein­woh­nern, über 500.000 Mal ver­kauft. In Ame­ri­ka und En­g­land schwär­men Kri­ti­ker in höchs­ten Tö­nen, und die Schrift­stel­le­rin Za­die Smith mein­te, sie sei „süch­tig“und „brau­che den nächs­ten Kn­aus­gard-Band wie Crack“.

Jetzt ist auf Deutsch „Träu­men“, der fünf­te Band der li­te­ra­ri­schen Au­to­bio­gra­fie, er­schie­nen, die im

Im Ori­gi­nal trägt das Ro­man­pro­jekt den pro­vo­kan­ten Ti­tel

„Mein Kampf“

nor­we­gi­schen Ori­gi­nal den für deut­sche Oh­ren et­was be­fremd­li­chen und pro­vo­kan­ten Ti­tel „Min Kamp“(„Mein Kampf“) trägt.

Ge­ra­de im di­gi­ta­len Zeit­al­ter, wo Selbst­dar­stel­lung und Voy­eu­ris­mus sucht­ar­ti­ge Zü­ge tra­gen und vie­le Men­schen zwar un­zäh­li­ge vir­tu­el­le Freun­de ha­ben, aber kaum noch rea­len Kon­tak­te pfle­gen, scheint ein gro­ßes Be­dürf­nis nach au­then­ti­scher, un­ver­stell­ter Wirk­lich­keit zu be­ste­hen. Wenn Kn­aus­gard in sei­nen Ro­ma­nen die Le­ser mit­nimmt auf ei­ne Rei­se in die Un­tie­fen sei­nes Da­seins und ih­nen sämt­li­che Er­leb­nis­se und Ge­dan­ken, Ängs­te und Selbst­zwei­fel, Sie­ge und Nie­der­la­gen mit­teilt, dann ha­ben sie das Ge­fühl, sie wür­den am Le­ben des Au­tors teil­ha­ben, mit ihm am Früh­stücks­tisch sit­zen oder im Bett lie­gen: ein ty­pi­sches Bei­spiel von Über-Iden­ti­fi­ka­ti­on und ei­ne gro­ße Il­lu­si­on.

Denn Le­ben und Li­te­ra­tur, Er­in­ner­tes und Ge­schrie­be­nes, Er­leb­nis und Spra­che sind nie iden­tisch. Al­les, wor­an sich Kn­aus­gard er­in­nert und was er bis ins letz­te De­tail be­schreibt, wird in­tel­lek­tu­ell und emo­tio­nal be­ar­bei­tet: Aus dem Be­kennt­nis­zwang ent­steht Li­te­ra­tur, die nicht ei­ne rea­le, son­dern ei­ne künst­li­che Wirk­lich­keit spie­gelt.

In den bis­he­ri­gen Ro­ma­nen („Ster­ben“, „Lie­ben“, „Spie­len“, „Le­ben“) hat­te Kn­aus­gard schon fast sein gan­zes Le­ben ver­mes­sen: In „Träu­men“geht er noch ein­mal zu­rück in die Jah­re zwi­schen 1988 und 2002 und be­schreibt, wie er mit ei­nem Sti­pen­di­um an die Li­te­ra­tu­r­aka­de­mie in Ber­gen kommt und dort den Un­ter­richt bei kei­nem Ge­rin­ge­ren als dem nor­we­gi­schen Li­te­ra­tur­star Jon Fos­se er­lebt und er­lei­det; wie er sich in der stän­dig ver­reg­ne­ten Stadt ei­ne klei­ne Woh­nung nimmt, mit sei­nem Bru­der Yng­ve auf Sauf­to­ren geht, sich un­glück­lich ver­liebt und mehr­mals am Tag mit ei­nem Por­no-Heft auf dem Klo ver­schwin­det, um – sor­ry – aus­führ­lich zu ona­nie­ren. Sein ers­ter Ro­man­ver­such schei­tert, er schmeißt das Stu­di­um hin, ver­sucht sich in vie­len Jobs, hei­ra­tet und hat ir­gend­wann tat­säch­lich ei­nen ers­ten klei­nen li­te­ra­ri­schen Er­folg. Doch als ihm nach ei­ner ero­ti­schen Es­ka­pa­de der Vor­wurf der Ver­ge­wal­ti­gung ge­macht wird, ver­lässt er sei­ne Frau, geht ins Exil nach Schwe­den und be­ginnt dort mit dem gi­gan­ti­schen au­to­bio­gra­fi­schen Ro­man-Pro­jekt, mit dem er sich end­gül­tig frei­sch­rei­ben und ei­nen Na­men ma­chen wird.

In „Träu­men“bie­tet Kn­aus­gard den Le­sern ge­nau das, was sie er­hof­fen und er­war­ten. Wer nicht ge­nug da­von be­kom­men kann, ein gan­zes Men­schen­le­ben auf­zu­sau­gen und noch in der kleins­ten Ba­na­li­tät nach au­then­ti­schem Le­ben zu fahn­den, kommt auch hier wie­der voll auf sei­ne Kos­ten. Wer al­ler­dings ge­gen den Wirk­lich­keits­tau­mel re­sis­tent ist und dem Sucht­po­ten­zi­al des All­täg­li­chen wi­der­steht, wird ge­lang­weilt sein vom ewi­gen Ein­heits-Brei ei­nes Li­te­ra­tur-Quarks, bei dem al­les gleich wich­tig – oder eben: un­wich- tig – ist. Wenn al­les in ei­nem gleich­för­mi­gen Er­zähl­fluss da­hin mä­an­dert und die Schwie­rig­kei­ten des Au­tors beim Ge­schlechts­ver­kehr den­sel­ben Stel­len­wert ha­ben wie sei­ne Be­schäf­ti­gung mit Paul Cel­ans „To­des­fu­ge“, dann sehnt man sich nach li­te­ra­ri­scher Ge­wich­tung und poe­ti­scher Kon­zen­tra­ti­on.

Doch die wird man bei Kn­aus­gard, für den das Le­ben und das Schrei­ben ein per­ma­nen­ter Kampf sind, nicht fin­den. Über den jun­gen Li­te­ra­tur­stu­den­ten läs­tert ein­mal ein Kom­mi­li­to­ne, Kn­aus­gard sei ja wirk­lich ein schö­ner Mann, aber lei­der ein ganz schlech­ter Au­tor. Der stän­dig zwi­schen Ver­sa­gens­angst und Grö­ßen­wahn schwan­ken­de Kn­aus­gard lei­det bei sol­chen hä­mi­schen Be­mer­kun­gen wie ein Hund. Doch wo der Kom­mi­li­to­ne recht hat, hat er recht.

FOTO: DPA

Der nor­we­gi­sche Schrift­stel­ler Karl Ove Kn­aus­gard

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