Steu­er­hin­ter­zie­her an der Macht

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KULTUR - VON WELF GROMBACHER

Um­ber­to Eco schreibt mit „Null­num­mer“ei­ne bei­ßen­de Sa­ti­re auf das Prin­zip Sil­vio Ber­lus­co­ni.

Er wer­de aus­wan­dern, sag­te Um­ber­to Eco vor der Wahl 2006, wenn Sil­vio Ber­lus­co­ni wie­der ge­winnt. Nun ver­lor „Il Prin­zi­pe“am En­de nur knapp. Aber er muss­te ge­hen, und Eco lebt noch heu­te in Mailand. Ei­ne Flucht hät­te eh nichts ge­bracht, räum­te der Schrift­stel­ler spä­ter ein: „Denn das Mo­dell Ber­lus­co­ni wird in ganz Eu­ro­pa sie­gen, ja, auf der gan­zen Welt.“Wenn Ber­lus­co­ni weg sei, wer­de das Fern­se­hen ihn er­setzt ha­ben, so Eco da­mals. „Frü­her, wenn ein Ma­fia­boss er­wischt wur­de, führ­te man ihn mit ge­senk­tem Haupt ab. Heu­te schaut er in die Ka­me­ras und winkt.“

Die Sät­ze le­sen sich wie ei­ne Blau­pau­se für den neu­en Ro­man des 83jäh­ri­gen Ita­lie­ners, der mit „Null­num­mer“ei­ne bit­ter­bö­se Sa­ti­re auf den Me­dien­be­trieb und das Prin­zip Ber­lus­co­ni ge­schrie­ben hat. In ei­ner Zeit, in der rest­los al­les er­zählt wird, wir in In­for­ma­tio­nen er­trin­ken, al­les schon ein­mal ge­hört ha­ben und uns dar­um auch al­les vor­stel­len kön­nen, geht der Sinn für Scham ver­lo­ren, heißt es ge­gen En­de die­ses herr­lich iro­ni­schen Bu­ches: „Kor­rup­ti­on ist au­to­ri­siert, die Ma­fia of­fi­zi­ell im Par­la­ment, der Steu­er­hin­ter­zie­her an der Re­gie­rung, und im Ge­fäng­nis sit­zen nur die al­ba­ni­schen Hüh­ner­die­be.“

Doch Um­ber­to Eco wä­re nicht Um­ber­to Eco, wenn er zur pu­ren Me­dien­schel­te aus­ho­len wür­de. Nein, wie man es von ihm seit dem Ro­man­de­büt „Der Na­me der Ro­se“(1980) kennt, ver­steht er es fa­mos, ei­ne span­nen­de Ge­schich­te um sein je­wei­li­ges Grund­the­ma zu spin­nen.

Am Mor­gen des 6. Ju­ni 1992 wacht der Jour­na­list Co­lon­na auf und hat kein Was­ser. Die Nach­ba­rin be­ru­higt ihn, zeigt ihm den Haupt­hahn. Der ist ab­ge­stellt. Aber wer soll ihn ab­ge­stellt ha­ben? Co­lon­na weiß nicht mal, wo der Hahn ist. Ganz klar: Je­mand muss bei ihm ein­ge­bro­chen sein. We­gen des selt­sa­men Jobs, den er kürz­lich an­ge­tre­ten hat. Ein Jahr lang soll er als Zei­tungs­ma­cher ein Blatt pro­du­zie­ren, das gar nicht ver­legt wird, so­ge­nann­te Null­num­mern.

Das Geld für das ei­gen­wil­li­ge Pro­jekt gibt ein ge­wis­ser Com­men­da­to­re Vi­mer­ca­te. Der will „in den fei­nen Sa­lon der Fi­nanz­welt, der Ban­ken und vi­el­leicht auch der gro­ßen Zei­tun­gen“hin­ein. In dem Blatt will er Ge­rüch­te lan­cie­ren, mit de­nen er die Her­ren der gu­ten Ge­sell­schaft un­ter Druck setzt, da­mit die ihn in ih­re Rei­hen auf­neh­men. Ne­ben der Tä­tig­keit als Blatt­ma­cher soll Co­lon­na zu­gleich als Ghost­wri­ter ein Ent­hül­lungs­buch über die­sen teuf­li­schen Plan des Com­men­da­to­re schrei­ben.

Ähn­lich­kei­ten mit rea­len Per­so­nen sind durch­aus ge­wollt. Tref­fend und voll von schwar­zem Hu­mor be­schreibt Eco, der als jun­ger Mann selbst Jour­na­list war, die Ver­hält­nis­se in der Ver­lags­welt. Mit Co­lon­na zu­sam­men wur­den sechs wei­te­re Re­dak­teu­re an­ge­heu­ert. Zwei lernt er nä­her ken­nen; Maia Fre­sia wird sei­ne Ge­lieb­te. Sie stif­te­te frü­her für ein Klatsch­blatt Pro­mis da­zu an, sich ei­ne Lieb­schaft zu er­fin­den, da­mit die Pa­pa­raz­zi zu tun hat­ten.

Zu­dem weiht ihn der Re­por­ter Brag­ga­do­cio in ei­ne Ge­schich­te ein, an der er seit län­ge­rem ar­bei­tet. Und zwar glaubt Brag­ga­do­cio zu wis­sen, dass 1945 nicht der Du­ce er­schos­sen wur­de, son­dern sein Dop­pel­gän­ger. Mus­so­li­ni al­so lebt und wur­de hin­ter den Mau­ern des Va­ti­kan ver­steckt. Oder tauch­te in Ar­gen­ti­ni­en ab? Nur so las­se sich der Tod des Paps­tes Jo­han­nes Paul I. er­klä- ren, der dem Ge­heim­nis auf der Spur war. Auch der Putsch­ver­such von Ju­nio Va­le­rio Bor­ghe­se 1970 sei ein In­diz da­für. Der ha­be mit sei­nen neo­fa­schis­ti­schen Scher­gen der Front Na­tio­nal den Sturz der Re­gie­rung nur in letz­ter Se­kun­de ab­ge­bro­chen, weil der Du­ce bei sei­ner Rück­kehr aus Süd­ame­ri­ka plötz­lich ver­stor­ben sei.

Ecos schel­mi­scher neu­er Ro­man ist voll von in­ter­tex­tu­el­len Be­zü­gen. Der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor für Äs­t­he­tik, der in den Me­di­en schon mal als „der letz­te Uni­ver­sal­ge­lehr­te“be­zeich­net und vom eng­li­schen Ma­ga­zin Pro­s­pect 2005 hin­ter No­am Chomsky zum „zweit­wich­tigs­ten In­tel­lek­tu­el­len welt­weit“ge­kürt wur­de, be­sitzt so vie­le Bü­cher, dass er sie schon in Ge­fäng­nis­se brach­te, um sie los­zu­wer­den – bis ihm dort vor­ge­wor­fen wur­de, die Art der Ti­tel, die er le­se, wür­de die In­sas­sen kor­rum­pie­ren. Mehr als 50.000 Bän­de um­fasst Ecos Bi­b­lio­thek zu Hau­se. Was im Üb­ri­gen ein wei­te­rer Grund da­für sein dürf­te, war­um er nicht aus Mailand weg­ge­zo­gen ist.

FOTO: PICTURE AL­LI­AN­CE

Um­ber­to Eco

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