Für Süd­afri­ka ist Rug­by mehr als Sport

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON MAR­TIN BEILS

Bei der WM tref­fen die Spring­boks heu­te auf Neu­see­land – so wie vor 20 Jah­ren im End­spiel, das Man­de­la zu ei­ner sei­ner wich­tigs­ten Ges­ten der Ver­söh­nung zwi­schen Schwar­zen und Wei­ßen nutz­te. Doch er war zu op­ti­mis­tisch.

KAP­STADT/LONDON Schnell noch ein Mit­bring­sel be­sor­gen! Kein Pro­blem am Flug­ha­fen von Kap­stadt. Hin­ein in den La­den mit Fanu­ten­si­li­en der Rug­by-Na­tio­nal­mann­schaft Süd­afri­kas. T-Shirts, Tri­kots, Pull­over, Tas­sen, Schul­mäpp­chen – den gan­zen Krem­pel gibt es da. In Dun­kel­grün mit gold­gel­bem Spring­bock drauf. „Spring­boks“oder noch et-

Nel­son Man­de­la was lie­be­vol­ler „Bo­kies“nennt sich die Na­tio­nal­mann­schaft.

Das dun­kel­grü­ne Tri­kot ist mehr als ein x-be­lie­bi­ges Shirt. Es steht für ei­nen Mo­ment, in dem Sport­ge­schich­te zur Welt­ge­schich­te wur­de. Denn 1995 trug Nel­son Man­de­la bei der Sie­ger­eh­rung in Jo­han­nes­burgs Sta­di­on El­lis Park solch ein Tri­kot. Es war ei­ne der wich­tigs­ten Ges­ten des Prä­si­den­ten zur Ver­söh­nung von Schwar­zen und Wei­ßen. Der schwar­ze Staats­chef über­reich­te Fran­cois Pi­enaar, dem wei­ßen Ka­pi­tän der „Bo­kies“, nach dem 15:12Sieg ge­gen die fa­vo­ri­sier­ten Neu­see­län­der den Po­kal. Man­de­la und Pi­enaar hat­ten sich ei­ni­ge Wo­chen zu­vor schon ge­trof­fen, um über die Be­deu­tung ei­nes mög­li­chen Ti­tel­ge­winns für die Re­gen­bo­gen­na­ti­on zu spre­chen.

Rug­by war da­mals (und ist bis heu­te) der Sport der Wei­ßen. 14 Wei­ße und ein Schwar­zer stan­den da­mals im Team der Gast­ge­ber. Für die Süd­afri­ka­ner war die Rug­by- Welt­meis­ter­schaft das ers­te Groß­er­eig­nis, das sie aus­rich­ten, ja an dem sie nach den Jahr­zehn­ten der Apart­heid über­haupt teil­neh­men durf­ten. „The ga­me that ma­de a na­ti­on“, „Das Spiel, das ei­ne Na­ti­on schuf“– so hat der Au­tor John Car­lin das Fi­na­le be­zeich­net. Dass sich die An- nä­he­rung der Be­völ­ke­rungs­grup­pen dann doch nicht so schnell ent­wi­ckel­te und es bis heu­te er­heb­li­che Span­nun­gen gibt, steht auf ei­nem an­de­ren Blatt. Man­de­la war zu op­ti­mis­tisch, als er da­mals sag­te: „Sport hat die Kraft, die Welt zu ver­än­dern. Er hat, wie nur we­ni­ge Din­ge, die Kraft, Men­schen zu in­spi­rie­ren, die Kraft, sie zu ver­ei­nen. Er ist mäch­ti­ger als Re­gie­run­gen, wenn es dar­um geht, Ras­sen­bar­rie­ren nie­der­zu­rei­ßen.“

Süd­afri­ka und Neu­see­land be­geg­nen sich heu­te (17 Uhr, Eu­ro­sport) wie­der bei ei­ner WM. Die­ses Mal im Halb­fi­na­le. In Twi­cken­ham, dem Lon­do­ner Sta­di­on, das für die­se Sport­art die sel­be Be­deu­tung hat wie Wem­bley für den Fuß­ball oder Wim­ble­don für Ten­nis. Die Neu­see­län­der ge­hen als Fa­vo­ri­ten in die Be­geg­nung, die als Klas­si­ker gilt; Ar­gen­ti­ni­en und Aus­tra­li­en be­strei­ten das an­de­re Halb­fi­na­le.

Süd­afri­ka hat sich von der sen­sa­tio­nel­len Nie­der­la­ge zum Auf­takt des Tur­niers ge­gen den kras­sen Au­ßen­sei­ter Ja­pan er­holt. Trai­ner Heyne­ke Mey­er ver­brei­tet Op­ti­mis­mus, wenn er sagt: „Ich kann es kaum er­war­ten, mei­nem neu­see­län­di­schen Kol­le­gen ein Bier in die Ka­bi­ne zu brin­gen.“Denn er und der neu­see­län­di­sche Coach Ste­ve Han­sen ha­ben sich an­ge­wöhnt, dass der Ge­win­ner den Ver­lie­rer nach je­der Be­geg­nung mit ei­nem küh­len Ge­tränk trös­tet.

Wie sehr die Nach­wir­kun­gen der Ras­sen­tren­nung in Süd­afri­ka im­mer noch zu spü­ren sind, wird an den Dis­kus­sio­nen deut­lich, die vor die­ser, seit Mit­te Sep­tem­ber an­dau­e­ren­den WM, die Schlag­zei­len am Kap be­stimm­ten. Ei­ne klei­ne Op­po­si­ti­ons­par­tei woll­te ge­richt­lich er­rei­chen, dass ei­ni­ge wei­ße Spie­ler aus dem Ka­der ge­stri­chen wer­den. Denn mehr als Zweid­rit­tel der No­mi­nier­ten sind weiß. An der Ge­samt­be­völ­ke­rung ha­ben die Wei­ßen aber nur ei­nen An­teil von zehn Pro­zent. Die Par­tei hat­te mit ih­rem Be­geh­ren am „High Court“in Pretoria kei­nen Er­folg.

Al­ler­dings stan­den auch noch nie so vie­le schwar­ze Pro­fis in ei­nem süd­afri­ka­ni­schen WM-Ka­der wie jetzt in dem von Heyne­ke Mey­er zu­sam­men­ge­stell­ten. Der Ver­band strebt an, dass bis zum Jahr 2019 die Hälf­te der Na­tio­nal­spie­ler aus Schwar­zen be­ste­hen soll. So steht es im „stra­te­gi­schen Trans­for­ma­ti­ons­plan“der South Afrcan Rug­by Uni­on. Die Ta­ges­zei­tung „Die Welt“sieht dar­in „ein ehr­gei­zi­ges Ziel“. Zwar sei­en über 80 Pro­zent der ju­gend­li­chen Rug­by-Spie­ler heu­te Schwar­ze, doch die Bes­ten stam­men im­mer noch aus den über­wie­gend von Wei­ßen be­such­ten Pri­vat­schu­len und Aka­de­mi­en.

„Sport hat die Kraft, die Welt zu ver­än­dern. Er hat die Kraft Men­schen zu ver­ei­nen.“

FOTO: IMAGO

Nach dem WM-Fi­na­le 1995 in Johannesburg: Nel­son Man­de­la (l.) und Fran­cois Pi­enaar.

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