Dau­men run­ter

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Be­wer­tungs-Por­ta­le las­sen kein Pro­dukt un­ge­scho­ren da­von­kom­men. Die öf­fent­li­che Lust am Ur­teil ex­plo­diert in un­er­war­te­tem Aus­maß. Doch wird nicht nur ge­schimpft, son­dern auch aus­gie­big ge­lobt. So wird das di­gi­ta­le Mas­sen­ur­teil

zu ei­nem über­ra­schend ge­treu­en Spie­gel der Wirk­lich­keit. Lei­der för­dert es die Denun­zia­ti­on.

Man könn­te den­ken, dass auf die­sen Por­ta­len zuf­rie­de­ne Kun­den, die für ihr Geld die in ih­ren Au­gen geld­wer­te Leis­tung be­kom­men ha­ben, ihr Ur­teil trä­ge für sich be­hal­ten. Nie­man­den müs­sen sie war­nen, nie­man­dem ih­ren Zorn ver­ab­rei­chen. Das Ge­gen­teil ist der Fall. Auch die Glück­li­chen ju­beln öf­fent­lich, und zwar uner­war­tet of­fen­her­zig. „Ab­so­lut wun­der­bar, die­ses To­ma­ten-Häu­schen“, heißt es über „Na­po­li“an­ders­wo. Noch kür­zer ein an­de­rer Re­zen­sent: „Ham­mer!“Wir hof­fen, dass er da­mit die Qua­li­tät des Häu­schens meint und nicht das In­stru­ment, mit dem er „Na­po­li“vol­ler Zorn zu Grund und Bo­den ge­trüm­mert hat.

Wie flä­chen­de­ckend üb­ri­gens die Re­geln zu Or­tho­gra­fie, Gram­ma­tik und In­ter­punk­ti­on ei­ner Spra­che in Ge­brauch sind, ist nir­gend­wo so glä­sern ab­zu­le­sen wie im In­ter­net. Ja, wenn der Mensch zum Kri­ti­kus wird: „Von di­sem To­mah­ten­häus­chen, das wir let­ze Wo­che ge­kaufd ha­ben wrü­de ich apra­ten.“

Dass dies al­les so ist und un­zen­siert er­laubt ist, hat mit der Schnel­lig­keit der Zu­griffs­mög­lich­keit im Netz zu tun. Er­in­nert sich je­mand an die gam­me­li­gen Ho­tel­be­wer­tungs­for­mu­la­re, die von 1000 Fin­gern, an de­nen noch Oli­ven­öl und Frit­ten­fett kleb­te, eben nicht aus­ge­füllt wur­den? Und die auch wir auf dem Tisch lie­gen lie­ßen? Klar, die­se Blätt­chen mit den Smi­leys sind Le­gen­de, aber nie­mand hat sie ge­mocht und für nütz­lich be­fun­den, denn die mick­ri­gen drei Zei­len für Be­mer­kun­gen reich­ten bei­lei­be nicht aus für das, was man zu sa­gen hat­te.

Da­heim da­ge­gen, bei aus­ge­ruh­ter Be­trach­tung un­se­rer Ur­laubs­fo­tos, keimt oft der Wunsch, in die Tas­ten zu grei­fen und ei­ne Mei­nung zu gei­gen – gern aus­führ­lich. Und wer sich ein­mal in Wut ge­re­det hat, der kühlt so schnell nicht ab. Viel schnel­ler und di­rek­ter, aber auch un­ver­bind­li­cher ist die „Li­ke“- oder „Dis­li­ke“Of­fer­te in so­zia­len Netz­wer­ken. Da geht die Nach­hal­tig­keit ge­gen Null: Sie ist nicht mehr als ein flüch­ti­ges Ni­cken oder Kopf­schüt­teln, das gleich wie­der ver­ges­sen ist. Be­wer­tungs-Por­ta­le da­ge­gen sind Fo­ren, in de­nen es den Bei­trä­gern um Re­le­vanz geht – und um Volks­be­leh­rung. Al­le sol­len ihr Ur­teil le­sen, al­le sol- len da­von pro­fi­tie­ren, al­le sol­len ge­warnt oder po­si­tiv ent­zün­det wer­den.

Was brin­gen Be­wer­tungs-Por­ta­le dem Ver­an­stal­ter? Ste­fan Sus­ka, Pres­se­spre­cher von All­tours-Rei­sen, be­rich­tet, dass die Ho­tel­di­rek­to­ren der „all­sun“-Ver­trags­ho­tels von sich aus dar­auf ach­ten, dass sie al­le Be­wer­tun­gen im In­ter­net le­sen und tun­lichst be­ant­wor­ten, auch die un­an­ge­neh­men. „Die­se Be­wer­tun­gen sind für uns je­den­falls ein sehr gu­ter Grad­mes­ser, wenn et­was aus dem Ru­der läuft“, be­rich­tet Sus­ka. An­de­re Ver­an­stal­ter se­hen es ähn­lich.

Tat­säch­lich ist das In­ter­net auch auf Be­wer­tungs-Por­ta­len dem wirk­li­chen Le­ben über­ra­schend na­he. Ich flie­ge re­gel­mä­ßig nach Fu­er­teven­tura, im­mer in das­sel­be Ho­tel, da bin ich ein­di­men­sio­nal – und so geht es of­fen­bar vie­len Be­wer­tern bei „Ho­li­day­check“. Dort le­sen wir von ei­ner ge­wis­sen In­grid: „Ich fah­re schon seit Jah­ren ins Pa­rai­so Pla­ya – im­mer top!“An­de­re mo­sern, dass das Re­stau­rant ei­ner Kan­ti­ne ähne­le und die Zim­mer ab­ge­wohnt sei­en. An­de­re prei­sen den „traum­haf­ten Strand“. Bei „Ho­li­day­check“be­kommt das Haus 4,7 von sechs Punk­ten und ei­ne „Wei­ter­emp­feh­lungs­ra­te“von 81 Pro­zent. Das trifft es gut, ich kann es be­ur­tei­len.

Der Schwach­punkt des gan­zen Sys­tems ist, dass nicht im­mer zwei­fels­frei zu be­le­gen ist, ob der Re­zen- sent die Sa­che, die er lobt oder ta­delt, auch wahr­haf­tig in Au­gen­schein ge­nom­men hat. Wer ein Ge­schäft ge­grün­det, ei­ne Arzt­pra­xis oder ein Re­stau­rant er­öff­net, der kann sich mit zehn ge­dun­ge­nen Freun­den lo­cker „zehn von zehn Punk­ten“spen­die­ren, oh­ne dass ir­gend­ei­nem der Leut­chen je­mals et­was ver­kauft, der Puls ge­mes­sen oder der Löf­fel ge­reicht wur­de. Be­ängs­ti­gen­der ist die Tat­sa­che, dass Be­wer­tungs-Por­ta­le dem Ty­pus des He­cken­schüt­zen die Mög­lich­keit ge­ben, straf­frei die Ge­schäfts­schä­di­gung et­wa ei­nes ört­li­chen Kon­kur­ren­ten zu be­trei­ben.

Die­se ge­schütz­te, kaum je ent­tarn­te An­ony­mi­tät ist der Kö­der der Be­wer­tungs-Por­ta­le (wie über­haupt des In­ter­nets). Wä­ren die Re­zen­sen­ten ge­zwun­gen, sich kennt­lich zu ma­chen und die He­cke, hin­ter der sie ste­cken, zu ver­las­sen, wür­de das Sys­tem von jetzt auf gleich kol­la­bie­ren. Dies ist der wah­re Ha­ken an der Sa­che mit die­sen Por­ta­len: Sie räu­men die Mög­lich­keit der Denun­zia­ti­on ein, die Ver­leum­der un­auf­spür­bar im Schat­ten ver­wei­len lässt. Ge­wiss wähnt sich man­che Netz- Po­sau­ne als welt­wich­ti­ger Wohl­tä­ter oder als wei­se Kas­san­dra. Al­le soll­ten sich in­des ein­ge­ste­hen, dass ih­re öf­fent­li­che Sprech­mög­lich­keit durch Tar­nung er­kauft ist.

Die Mas­se im rö­mi­schen Ko­los­se­um war ei­ne Mas­se, aber sie be­stand aus ein­zel­nen Ge­sich­tern. Das In­ter­net ist ge­sichts­los, und ei­ni­ge Be­woh­ner ver­wech­seln Ag­gres­si­vi­tät mit Cou­ra­ge. Sie trau­en sich nicht vor ihr Op­fer, sie er­le­gen es hin­ter­rücks. Beim Uni-Por­tal „MeinProf“mag man das ver­ste­hen, denn der von sei­nen Stu­den­ten Ge­ta­del­te könn­te im Ex­amen ihr Prü­fer sein. An­ders­wo ist die Voll­ver­schleie­rung des Net­zes un­ver­ständ­lich. Sie ist Ma­kel und Ma­gnet zu­gleich. Vor al­lem ist sie ein Aus­druck ge­sell­schaft­lich to­le­rier­ter Feig­heit.

Lie­ben wir, has­sen wir? Li­ken wir, dis­li­ken wir? Dau­men rauf, Dau­men run­ter? Wir las­sen es die Welt wis­sen, auch wenn sie nicht dar­auf ge­war­tet hat. Was üb­ri­gens die­se ar­chai­sche Ges­te der Mo­der­ne an­langt, soll­ten wir erst ein­mal um­ler­nen. Schrif­ten aus dem al­ten Rom be­le­gen, dass der hoch­ge­streck­te Dau­men zu Ne­ros Zei­ten mit­nich­ten das Über­le­ben, son­dern den Tod be­deu­te­te; der auf­ge­rich­te­te Fin­ger stand für das töd­lich ge­reck­te Schwert. Woll­te das Volk je­man­den be­gna­di­gen, zeig­te der Dau­men in die Tie­fe – und das Schwert fuhr fried­lich in die Schei­de.

Die ge­schütz­te, nie­mals ent­tarn­te An­ony­mi­tät

ist der Kö­der der Be­wer­tungs­por­ta­le

FOTO: DPA

To­des­ur­teil oder Über­le­bens­ges­te? Das Bild „Ne­ro im Zir­kus“von Wil­helm Reich wird meis­tens falsch in­ter­pre­tiert: Der ge­senk­te Dau­men ließ da­mals den Strei­ter da­von­kom­men, nicht ster­ben. Er be­deu­te­te: Das Schwert ge­hört wie­der in die Schei­de. Der hoch­ge­streck­te Dau­men hin­ge­gen war das Zei­chen für das ge­schwun­ge­ne, auf­rech­te, ein­satz­be­rei­te Schwert.

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