Die drei Irr­tü­mer der „Asyl­kri­ti­ker“

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON FRANK VOLL­MER

Die Flücht­lings­kri­se stra­pa­ziert die deut­sche Welt­of­fen­heit. Der Teu­fel an der Wand heißt Über­frem­dung, auch wenn man das heu­te un­gern so sagt. Die­ses Kirch­turms­den­ken fußt aber auf Miss­ver­ständ­nis­sen.

DÜSSELDORF Die Stim­mung kippt. Das ers­te La­chen weicht im Dorf schnell dem Miss­trau­en. Die Neu­an­kömm­lin­ge sind nach ih­rer Odys­see un­zu­frie­den mit der Un­ter­kunft, die man ih­nen zu­ge­wie­sen hat. Schon wird ih­re Toch­ter als „Flitt­chen“be­schimpft. Die ers­te Mas­sen­schlä­ge­rei folgt am Abend. Und weil Wahl­kampf ist, blüht im Dorf der Po­pu­lis­mus. Ein Kan­di­dat ver­spricht ei­ne „un­er­bitt­li­che“Po­li­tik. „Ich hab’ nichts ge­gen Frem­de“, sagt er beim Ab­wasch zu sei­ner Frau: „Ei­ni­ge mei­ner bes­ten Freun­de sind Frem­de. Aber die­se Frem­den da sind nicht von hier.“Deutsch­land im Jahr 2015? Nein, Gal­li­en im Jahr 50 vor Chris­tus. As­te­rix-Band 21, „Das Ge­schenk Cä­sars“. Die Neu­an­kömm­lin­ge sind kei­ne Sy­rer, son­dern pro­vença­li­sche Gast­wir­te, die auf ver­schlun­ge­nen We­gen an ei­ne Be­sit­z­ur­kun­de über das klei­ne gal­li­sche Dorf ge­langt sind. Ein net­tes Lehr­stück über Frem­den­feind­lich­keit.

Aber Deutsch­land 2015 ist wie das gal­li­sche Dorf. „Ich bin ja kein..., aber“Sät­ze sind al­ler­or­ten zu hö­ren. Die AfD surft dreist auf der Angst­wel­le, in Dres­den het­zen Tau­sen­de ge­gen Flücht­lin­ge. Es wird (und nicht nur sei­tens der in­tel­lek­tu­ell nicht Sa­tis­fak­ti­ons­fä­hi­gen bei Pegida) von kul­tu­rel­ler Selbst­auf­ga­be ge­re­det, von Ka­pi­tu­la­ti­on, von rei­ßen­der Is­la­mi­sie­rung. Der Teu­fel an der Wand heißt, auch wenn man das nicht mehr gern so nennt, Über­frem­dung. Es gibt da­für neue Wör­ter: „Angs­träu­me“für deut­sche Frau­en, „Asy­l­cha­os“, „Gut­men­schen-Fa­schis­mus“.

Bei nä­he­rer Be­trach­tung lie­gen der Klei­nes-Dorf-Men­ta­li­tät drei Miss­ver­ständ­nis­se zu­grun­de. Ers­tens: Re­li­gi­on wird über­schätzt. Rund drei Vier­tel der Asyl­an­trä­ge 2015 ent­fal­len bis­her auf zehn Län­der. Von die­sen wie­der­um kommt knapp die Hälf­te aus mehr­heit­lich mus­li­mi­schen Staa­ten (Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan, Irak, Pa­kis­tan). Wir er­le­ben mas­si­ve mus­li­mi­sche Zu­wan­de­rung. Vie­le Mus­li­me sind aber ge­ra­de vor re­li­giö­sen Fa­na­ti­kern ge­flo­hen – dem IS in Sy­ri­en und im Irak, den Ta­li­ban in Af­gha­nis­tan – und dürf­ten da­her we­nig In­ter­es­se an Deutsch­lands Is­la­mi­sie­rung ha­ben. Die Be­hör­den fürch­ten zwar Zu­wan­de­rung von Dschi­ha­dis­ten, ha­ben aber bis­her kei­ne An­halts­punk­te da­für. Zu­dem war Sy­ri­en für nah­öst­li­che Ver­hält­nis­se eher sä­ku­lar – bis der IS kam. Schlä­ge­rei­en in Flücht­lings­hei­men sind auch nicht meist re­li­gi­ös mo­ti­viert. Das sagt ei­ne In­stanz, die es wis­sen muss: die Ge­werk­schaft der Po­li­zei. Kon­flik­te ent­stün­den in der En­ge der Mas­sen­un­ter­künf­te meist we­gen nich­ti­ger An­läs­se.

Der Is­lam, das zei­gen Stu­di­en, ist für et­wa die Hälf­te der Deut­schen Pro­jek­ti­ons­flä­che ih­rer Iden­ti­täts­ängs­te. Auch wenn es Glau­bens­kon­flik­te un­ter Flücht­lin­gen gibt: Re­li­giö­sen Un­frie­den grö­ße­ren Aus­ma­ßes ha­ben bis­her nur die selbst er­nann­ten Ret­ter des christ­li­chen Abend­lan­des ge­stif­tet – mit dem Ab­sin­gen von Weih­nachts­lie­dern auf ei­ner Pegida-De­mons­tra­ti­on. Zwei­tens: In­te­gra­ti­on be­deu­tet nicht zwangs­läu­fig Ho­mo­ge­ni­tät. Die Idee, ei­ne funk­tio­nie­ren­de Ge­sell­schaft be­din­ge ma­xi­ma­le Ähn­lich­keit ih­rer Mit­glie­der und so­zia­ler Zu­sam­men­halt sei nur bei glei­cher Her­kunft mög­lich, stammt aus dem 19. Jahr­hun­dert, der Ära des Na­tio­nal­staats. Mo­der­ne Ge­mein­we­sen funk­tio­nie­ren an­ders. Seit 1945 ha­ben sich in Deutsch­land vie­le Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ver­flüch­tigt: Die Ver­trei­bung be­en­de­te vie­ler­orts die kon­fes­sio­nel­len 100-Pro­zent-Ver­hält­nis­se – ka­tho­li­sche Ober­schle­si­er und evan­ge­li­sche Ost­preu­ßen muss­ten un­ter­kom­men, wo Platz war, nicht wo es be­kennt­nis­mä­ßig pass­te. Und die „Gas­t­ar­bei­ter“brach­ten nicht nur Zuc­chi­ni und Mouss­a­ka mit, son­dern be­en­de­ten auch die na­tio­na­le Ho­mo­ge­ni­tät. Seit­her le­ben in Deutsch­land nicht mehr fast aus­schließ­lich Deut­sche. Heu­te be­trägt der Aus­län­der­an­teil in der Bun­des­re­pu­blik et­wa zehn Pro­zent. Drit­tens: Das Aus­se­hen un­se­rer Ge­sell­schaft un­ter­liegt nur sehr be­dingt staat­li­cher Kon­trol­le. Po­li­ti­sches Asyl ist in Deutsch­land nach sei­ner Stel­lung im Grund­ge­setz ver­gleich­bar mit dem Recht auf Pri­vat­sphä­re und der frei­en Be­rufs­wahl – kein Recht, das der Staat gnä­dig ge­währt, son­dern eins, das ihn un­mit­tel­bar bin­det. An­er­kann­te Asyl­be­wer­ber sind des­halb kei­ne Gäs­te wie ein läs­ti­ger Ver­wand­ter auf der Schlaf­couch, son­dern neh­men ihr Men­schen­recht in An­spruch. Asyl­an­trä­ge von Sy­rern und Ira­kern wer­den zu rund 90 Pro­zent an­er­kannt, die von Af­gha­nen knapp zur Hälf­te. Bei­des zu­sam­men legt ei­nen Schluss na­he: Das Ge­sicht die­ses Lan­des wird sich ver­än­dern.

Man kann das kri­ti­sie­ren, aber nur schwer be­ein­flus­sen – es sei denn, es ge­lingt, Nah­ost, Af­gha­nis­tan und Afri­ka kurz­fris­tig zu be­frie­den, was frei­lich un­wahr­schein­lich ist. Über ei­ne Kon­trol­le re­gu­lä­rer Zu­wan­de­rung durch Quo­ten und/oder Ge­setz ist da­mit noch nichts ge­sagt. Man muss nur Asyl und Zu­wan­de­rung tren­nen. Zu­wan­de­rung kann be­grenzt wer­den, Asyl nicht. Wie soll­te das auch ge­hen? Sol­len Kriegs­flücht­lin­ge aus Sy­ri­en ab, sa­gen wir, No­vem­ber an der Gren­ze ab­ge­wie­sen wer­den, weil die Quo­te er­schöpft ist? Wo­mög­lich mit dem freund­li­chen Hin­weis, es doch im Ja­nu­ar wie­der zu ver­su­chen? Un­vor­stell­bar, zu­min­dest so­lan­ge die­ses Land sich treu blei­ben will.

Un­ser Zu­sam­men­le­ben ent­zieht sich erst recht staat­li­cher Kon­trol­le – ab­ge­se­hen von den Ge­set­zen, die für Deut­sche wie für Neu­an­kömm­lin­ge gel­ten und mit de­nen auch man­cher Deut­sche lie­be Mü­he hat. Die ers­ten 20 Ar­ti­kel des Grund­ge­set­zes sind ei­ne Art Ide­al­ty­pus un­se­res Ge­mein­we­sens. Sie sol­len ei­nem 25-jäh­ri­gen Sy­rer nicht ver­mit­tel­bar sein, weil er aus ei­ner pa­tri­ar­cha­li­schen Dik­ta­tur kommt? Mit dem­sel­ben Ar­gu­ment hät­te man 1989 sa­gen kön­nen, die Ost­deut­schen sei­en nach 40 Jah­ren So­zia­lis­mus de­mo­kra­tie­un­fä­hig. Es wä­re eben­so un­sin­nig ge­we­sen.

Es wird al­so Zu­mu­tun­gen ge­ben. Das pre­dig­te En­de Sep­tem­ber auch Bi­schof Franz-Jo­sef Over­beck im Es­se­ner Dom: „Wie die Flücht­lin­ge ih­re Le­bens­ge­wohn­hei­ten än­dern müs­sen, so wer­den auch wir es tun müs­sen. Dies ist nicht nur Aus­druck der Will­kom­mens­kul­tur, son­dern der Ent­wick­lung un­se­rer Welt.“Er hat da­für ei­nen Shits­torm ge­ern­tet, in dem Aus­tritts­dro­hun­gen das Harm­lo­ses­te wa­ren. Over­beck wur­de vir­tu­ell nie­der­ge­brüllt.

Die Stim­mung ist ge­kippt in un­se­rem klei­nen deut­schen Dorf.

FOTO: EHA­PA VER­LAG / AL­BERT UDER­ZO

Die Stim­mung im Dorf kippt – Me­thu­sa­lix und sei­ne Frau in ei­ner Sze­ne aus dem As­te­ri­x­Band „Das Ge­schenk Cä­sars“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.