Kein An­schluss un­ter die­ser Num­mer

Rheinische Post Goch - - POLITIK - Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: kolumne@rhei­ni­sche-post.de

Ich er­le­be der­zeit ei­ne tie­fe Spal­tung im Netz. Kürz­lich fuhr mich nach ei­ner Dis­kus­si­ons­run­de ein jun­ger Chef ei­ner Di­gi­ta­l­agen­tur mit sei­nem Miet­wa­gen zum Bahn­hof. Die gan­ze Fahrt reg­te er sich über ei­nen un­an­ge­kün­dig­ten An­ruf auf. Er has­se es, wenn Leu­te ihm die Zeit steh­len. Zum Te­le­fo­nie­ren ver­ab­re­de er sich nur noch. Das ist nicht die Mei­nung ei­nes Chefs, der sich sei­ne Ter­mi­ne über ei­ne As­sis­ten­tin re­geln lässt, son­dern die Hal­tung vie­ler Men­schen, die ihr so­zia­les Le­ben über Whats­app ko­or­di­nie­ren oder de­ren Ar­beit von E-Mails be­stimmt wird.

In den ver­gan­ge­nen Ta­gen ha­ben vie­le auf Face­book und Twit­ter den Ar­ti­kel ei­nes fran­zö­si­schen Webent­wick­lers dis­ku­tiert. Der Ti­tel: „War­um ich die meis­ten An­ru­fe nicht be­ant­wor­te“. Sei­ne Haupt­ar­gu­men­te: Er sei zu be­schäf­tigt, kön­ne sich nichts mer­ken, und man kön­ne die In­hal­te nicht au­to­ma­tisch ar­chi­vie-

Wel­cher Te­le­fon­typ sind Sie? Has­sen Sie es, wenn Sie ein un­er­war­te­ter Te­le­fon­an­ruf er­reicht? Be­son­ders, wenn Sie die Num­mer nicht ken­nen? Dann sind Sie ver­mut­lich nicht al­lein.

ren. Te­le­fo­nie­ren sei halt un­an­ge­nehm. Ei­ni­ge mei­ner Face­boo­kF­reun­de emp­fin­den sei­ne Mei­nung als ar­ro­gant, an­de­re stim­men zu: „Ich has­se di­rek­te An­ru­fe.“Ei­ne Freun­din mag auch kei­ne An­ru­fe: „Al­le ver­nünf­ti­gen An­fra­gen kom­men per Mail.“

Wir Deut­schen te­le­fo­nie­ren wirk­lich we­ni­ger – und zwar 30 Mil­li­ar­den Mi­nu­ten im Jahr we­ni­ger. 2010 hat die Bun­des­netz­agen­tur noch 295 Mil­li­ar­den ab­ge­hen­de Ge­sprächs­mi­nu­ten in Fest­netz und Mo­bil­funk ge­mes­sen. Im vo­ri­gen Jahr wa­ren es nur noch 265 Mil­li­ar­den Mi­nu­ten. In­for­ma­ti­ker und Psy­cho­lo­gen der Uni Bonn ha­ben die Smart­pho­neN­ut­zung von Stu­den­ten un­ter­sucht. Das Er­geb­nis: Die Stu­den­ten neh­men im Schnitt das Te­le­fon 80-mal am Tag in die Hand. Mehr als die Hälf­te der Zeit wird es zur Kom­mu­ni­ka­ti­on in so­zia­len Netz­wer­ken oder für Chat-Di­ens­te ge­nutzt. Aber es wird nur acht Mi­nu­ten te­le­fo­niert.

Ich bin ein Fan von neu­en Apps und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­gen. Aber mit der Ab­nei­gung ge­gen das Te­le­fo­nie­ren lü­gen sich vie­le in die ei­ge­ne Ta­sche. Statt ei­ne Ver­ab­re­dung per Te­le­fon zu klä­ren, wer­den end­lo­se Nach­rich­ten aus­ge­tauscht. Ge­ra­de wenn meh­re­re Per­so­nen in­vol­viert sind, dau­ert es ewig, auf dem Lau­fen­den zu blei­ben. Kürz­lich ha­be ich im Ra­dio ge­läs­tert, wie lä­cher­lich es ist, wenn E-Mails aus­ge­tauscht wer­den müs­sen, be­vor es zum Te­le­fo­nat kommt, in dem man vi­el­leicht so­gar auch nur ein ech­tes Tref­fen vor­be­spricht. Ab­stru­ser sei das nur bei Agen­tur­ch­efs, mit de­ren As­sis­ten­ten man au­ßer­dem vor­her erst te­le­fo­nie­ren muss. Ra­ten Sie mal, wer mich nach der Sen­dung di­rekt an­ge­ru­fen hat, um sich zu be­schwe­ren? Sein An­ruf kam na­tür­lich un­an­ge­kün­digt. Ich bin trotz­dem dran­ge­gan­gen.

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