Eu­ro­pa­par­la­ment will Split­ter­par­tei­en los­wer­den

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON CHRIS­TO­PHER ZIEDLER

BRÜS­SEL Geht es nach sei­nen Kol­le­gen, wird der Sa­ti­ri­ker Mar­tin Son­ne­born dem nächs­ten Eu­ro­pa­par­la­ment nicht mehr an­ge­hö­ren: Die Ab­ge­ord­ne­ten wol­len in die­ser Wo­che ei­ne Wahl­rechts­re­form auf den Weg brin­gen, die Mi­ni­par­tei­en wie Son­ne­borns Spaß­trup­pe „Die Par­tei“, aber auch die Fa­mi­li­en-Par­tei, Freie Wäh­ler oder die NPD aus Straß­burg und Brüs­sel ver­trei­ben wür­de. Sie ver­dan­ken ih­re Man­da­te dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das kurz vor der Eu­ro­pa­wahl 2014 die Drei-Pro­zent-Hür­de ge­kippt hat­te. Die Chan­cen­gleich­heit sei hö­her ein­zu­schät­zen als die Sta­bi­li­tät ei­nes Par­la­ments, das sich erst auf dem Weg be­fin­de, ei­ne rich­ti­ge Volks­ver­tre­tung zu wer­den, ur­teil­te Karls­ru­he sinn­ge­mäß.

Zur Be­grün­dung ver­wie­sen die Rich­ter je­doch un­ter an­de­rem dar­auf, dass es gar kei­ne EU-Re­ge­lung ge­be „mit dem Ziel, die Mit­glied­staa­ten zur Ein­füh­rung be­stimm­ter Min­dest­schwel­len für die Sitz­ver­ga­be zu ver­pflich­ten“. Hier setzt der SPD-Ab­ge­ord­ne­te Jo Lei­nen an, der im Par­la­ment für das Ge­set­zes­vor­ha­ben ver­ant­wort­lich ist und fest mit ei­ner Mehr­heit rech­net. „Ich ha­be nichts ge­gen Herrn Son­ne­born, aber et­was ge­gen den Miss- brauch des Par­la­ments“, ar­gu­men­tiert er. Zu­dem ge­be es we­gen der vie­len EU-Geg­ner im Par­la­ment im­mer häu­fi­ger knap­pe Ab­stim­mun­gen, bei de­nen das Ge­mein­wohl nicht an Split­ter­par­tei­en hän­gen dür­fe. Näh­men sich al­le Staa­ten Deutsch­land und Spa­ni­en zum Vor­bild, die seit der ver­gan­ge­nen Wahl mit 23 Par­tei­en ver­tre­ten sind, ar­gu­men­tiert Lei­nen wei­ter, wür­den künf­tig 30 wei­te­re po­li­ti­sche Grup­pie­run­gen die Par­la­ments­ar­beit voll­ends un­mög­lich ma­chen.

Kri­ti­ker der Ge­set­zes­in­itia­ti­ve – ei­ne von nur zwei, die das Eu­ro­pa­par­la­ment von sich aus er­grei­fen kann – se­hen dar­in ei­nen An­griff auf die De­mo­kra­tie. „Al­lein die Frei­en Wäh­ler ka­men bei der letz­ten Wahl auf 428.000 Stim­men“, sagt de­ren Ab­ge­ord­ne­te Ul­ri­ke Müller, „wäh­rend der Mit­glied­staat Mal­ta über­haupt nur 425.000 Ein­woh­ner zählt und sechs Ab­ge­ord­ne­te stellt.“Das ge­plan­te Ge­setz wir­ke sich auch nur auf Spa­ni­en und Deutsch­land aus, wes­halb es ei­ne „Lex Ger­ma­nia“sei. In 26 EU-Staa­ten gibt es be­reits ei­ne recht­li­che oder na­tür­li­che Pro­zen­thür­de, weil ein Land wie Ir­land nur über elf Ab­ge­ord­ne­te ver­fügt. In Deutsch­land mit sei­nen 96 Ab­ge­ord­ne­ten reich­te bei der Wahl 2014 we­ni­ger als ein Pro­zent der Stim­men für ei­nen Sitz.

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