Wil­der Fuß­ball-Wes­ten

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON STE­FA­NIE SANDMEIER

Wer ins Le­ver­ku­se­ner Sta­di­on geht, der kann was er­le­ben: Nach dem 4:4 ge­gen Rom gab es ein 4:3 ge­gen Stuttgart.

LE­VER­KU­SEN Bis­her war man von Ad­mir Meh­me­di Aus­brü­che die­ser Art nicht ge­wohnt. Der be­son­ne­ne Schwei­zer, von dem man glaub­te, dass sein Puls so schnell nicht aus dem Takt ge­rät, riss sich nach sei­nem Tor zum 4:3 das Tri­kot vom Leib – und rann­te los. Sei­nen letz­ten Sprint in die­sem er­neut ver­rück­ten Fuß­ball­spiel voll­zog er mit nack­tem Ober­kör­per in Rich­tung Fan-Kur­ve, wo er sich ver­dien­ter­ma­ßen fei­ern ließ für sei­ne Leis­tung – die er mit sei­ner Vor­la­ge zum 3:3 und dem sieg­brin­gen­den 4:3 krön­te, das kaum noch je­mand für mög­lich ge­hal­ten hat­te.

Doch zum zwei­ten Mal in vier Ta­gen dreh­te die Werkself ein ver­lo­ren ge­glaub­tes Spiel, zum zwei­ten Mal ei­nen Zwei-To­re-Rück­stand. Und er­neut bo­ten sie da­bei reich­lich Spek­ta­kel. Nach ei­ner ful­mi­nan­ten Auf­hol­jagd beim 4:4 in der Cham­pi­ons Le­ague ge­gen Rom folg­te ge­gen den VfB Stuttgart ein tur­bu­len­ter 4:3-Heim­sieg mit nicht min­der gro­ßem Un­ter­hal­tungs­wert, der die Le­ver­ku­se­ner nach zu­letzt vier Pflicht­spie­len oh­ne Sieg ins obe­re Ta­bel­len­drit­tel zu­rück­führt.

Sport­di­rek­tor Ru­di Völ­ler wirk­te et­was mit­ge­nom­men. „Wenn man ge­winnt“, sag­te er au­gen­zwin­kernd, „sind sol­che Spie­le aber aus­zu­hal­ten. Ich kann mich nicht er­in­nern, dass ein Bay­er-Team in den letz­ten Jah­ren in so kur­zer Zeit zwei­mal sol­che Spie­le ge­dreht hat. Das zeugt von tol­ler Moral.“

Die Par­tie hat­te et­was von wil­dem Wes­ten, weil sich zwei Mann­schaf­ten ge­gen­über­stan­den, die „vol­le Atta­cke“spiel­ten (Völ­ler), bei al­lem Of­fen­siv­drang aber ver­ga­ßen, dass es auch ei­ne Ab­wehr gibt.

Die Tat­sa­che je­den­falls, dass Bay­er 04 in zwei Par­ti­en sie­ben Ge­gen­tref­fer kas­sier­te, könn­ten ei­ne Er­klä­rung da­für sein, war­um Ro­ger Schmidt un­mit­tel­bar nach dem Ab­pfiff et­was mit den Emo­tio­nen rang. Die Freu­de des Trai­ners wirk­te je­den­falls ein we­nig ver­hal­ten, sei­ne Ana­ly­se sehr sach­lich. „Ich bin vor an­dert­halb Jah­ren hier an­ge­tre­ten, um ein biss­chen an­ders zu spie­len“, er­klär­te der 48-Jäh­ri­ge. „Ein 4:3 ist mir al­le­mal lie­ber als ein 1:0, wenn man sich hin­ten rein­stellt und ei­nen Kon­ter ab­schließt.“Aber Schmidt kon­sta­tier­te bei al­ler „Freu­de über die Men­ta­li­tät der Mann­schaft“eben auch, „dass ich se­he, dass wir noch nicht per­fekt sind“.

Auch ge­gen die Schwa­ben wur­de of­fen­sicht­lich, dass Bay­er 04 et­was die Ba­lan­ce zwi­schen Of­fen­si­ve und De­fen­si­ve ab­han­den ge­kom­men ist. Das Tor­kon­to in Kom­bi­na­ti­on mit den Spiel­ver­läu­fen ver­deut­licht, was Schmidt be­reits nach dem Rom-Spiel kri­ti­sier­te: dass es ihm der­zeit an der (Ab­wehr)-Be­reit­schaft fehlt. Die haar­sträu­ben­den Feh­ler und miss­glück­ten Ab­wehr­ver­su­che bei den Ge­gen­to­ren wa­ren sinn­bild­lich für ei­ne schlech­te ers­te Hälf­te. Auch des­halb stan­den für Stuttgart nach den Tref­fern von Mar­tin Har­nik (50.) und dem von Le­ver­ku­sen um­wor­be­nen Da­ni­el Di­da­vi (54.) die Zei­chen lan­ge auf Sieg. Erst die Ein­wechs­lung von Ka­rim Bel­la­ra­bi in der 57. Mi­nu­te lei­te­te die Wen­de ein. Nach nur 38 Se­kun­den mar­kier­te er das 1:2, be­rei­te­te dann ein wei­te­res Tor vor und sorg­te im Ver­bund mit Ke­vin Kampl im zen­tra­len Mit­tel­feld für reich­lich Durch­ein­an­der in der Stutt­gar­ter De­fen­si­ve. Die schaff­te es er­neut nicht, selbst die fol­gen­de 3:1-Füh­rung durch Lu­kas Rupp (60.) über die Zeit zu brin­gen, was ih­ren Trai­ner Alexander Zor­ni­ger auf die Pal­me brach­te. „Das ist im­mer das glei­che Ki­no, der glei­che Film“, sag­te er.

Se­bas­ti­an Boe­nisch (70.) und Ja­vier Her­nan­dez (71.) gli­chen aus, ehe Meh­me­dis gro­ße St­un­de schlug. Der hat­te schon ge­gen Rom das 4:4 er­zielt – und be­warb sich um ei­nen Stamm­platz.

FOTO: DPA

Die Ent­schei­dung in Le­ver­ku­sen: Der Ball fliegt nach Ad­mir Meh­me­dis Schuss zum 4:3 ins Netz des Stutt­gar­ter Tors.

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